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Euro Finnland droht mit Euro-Rückzug

Alle Welt sorgt sich um den Euro-Austritt von Krisenstaaten. Was aber, wenn ein starkes Land geht?

Das europäische Spitzenquartett
José Manuel Barroso Quelle: dpa
Herman Van Rompuy Quelle: REUTERS
Catherine Ashton Quelle: dpa
Martin Schulz Quelle: dpa

Bundeskanzlerin Angela Merkel trägt in den europäischen Krisenländern den Beinamen „Madame No“. Doch eigentlich gebührt diese Auszeichnung einer anderen Dame: Finnlands Finanzministerin Jutta Urpilainen. Die Sozialdemokratin setzt sich konsequent für die Belange ihres Landes ein. Jüngst erschreckte sie die Finanzmärkte, als sie den Verbleib Finnlands in der Euro-Zone infrage stellte. Finnland sei nicht bereit, für die Schulden anderer Länder zu haften, sagte Urpilainen. Gegen den Ankauf von Staatsanleihen der Krisenländer durch den Euro-Rettungsschirm ESM werde Finnland sein Veto einlegen. „Wir sind auf alle Szenarien vorbereitet, auch auf einen Ausstieg aus dem Euro“, drohte Urpilainen.

Die Finanzmärkte reagierten prompt, der Euro stürzte unter die Marke von 1,23 Dollar. Auch wenn das Land der 1000 Seen mit gerade mal 5,3 Millionen Einwohnern nur 2,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts der Euro-Zone erwirtschaftet, ist es eines von nur vier Ländern des Währungsblocks, die noch von allen großen Ratingagenturen mit der Bestnote AAA bewertet werden – und damit ein tragender Pfeiler des Rettungsschirms.

Mit ihren Euro-kritischen Äußerungen weiß Urpilainen viele Finnen hinter sich. Die Nordeuropäer fürchten, dass sich die Hilfen für die Krisenländer zu einem Fass ohne Boden entwickeln. Daher haben sie beim zweiten Hilfspaket für Griechenland bereits eine Sonderregelung durchgesetzt, die sie vor den Folgen einer Staatspleite Griechenlands schützt. Jetzt verlangen sie Ähnliches bei den Hilfen für Spanien.

Die verborgenen Schätze der Krisenländer
Griechenland - Schwieriger PrivatisierungsplanDer griechische Staat besitzt Unternehmensbeteiligungen im geschätzten Wert von 34 Milliarden Euro. Hinzu kommt staatlicher Grundbesitz, den die Regierung in Athen auf rund 280 Milliarden Euro taxierte. Doch die Privatisierung der Besitztümer kommt nicht so richtig in Gang. Bisher konnten nur 1,8 Milliarden Euro durch Privatisierungen eingenommen werden. In diesem Jahr soll nach Aussage der Regierung nur noch die staatliche Lotterie und ein Gebäude in Athen verkauft werden. Das hier zu sehende Parlamentsgebäude in Athen steht jedoch nicht zum Verkauf. Quelle: dpa
Der griechische Staat soll mehr als 50 öffentliche Unternehmen besitzen, vom Athener Gemüse-Großmarkt über Hafenanlagen bis zu den Staatsbahnen OSE. Doch die meisten Unternehmen schreiben rote Zahlen und sind deshalb schwer zu verkaufen. Das ist allerdings die einzige noch verbleibende Vermögensquelle des Landes: Die Gold- und Devisenreserven sind auf gerade mal 5,8 Milliarden geschmolzen. Immerhin befinden sich noch 244 Milliarden Euro an Geldvermögen im Besitz der Bürger. Quelle: dpa
Portugal - Versteckte GoldreservenGemessen am Bruttoinlandsprodukt hat Portugal mit sechs Prozent die größten Gold- und Devisenreserven der Euro-Zone: 18 Milliarden Euro ist der Schatz der Notenbank wert. Doch laut Gesetz kann die Zentralbank dem Finanzministerium nur jedes Jahr die Erträge aus Zins- und Wertpapiererträgen überweisen - das Gold kann also nicht zur Schuldentilgung verwendet werden. Portugals Privathaushalte besitzen ein Geldvermögen von immerhin 384 Milliarden Euro. Ein Teil davon stünde für eine Vermögensabgabe und damit zur Sanierung der Staatsfinanzen zur Verfügung. Quelle: dpa
Außerdem befinden sich Unternehmensbeteiligung im Wert von 32 Milliarden Euro im Besitz des Staates. Der aktuelle Sanierungsplan der Troika sieht acht Milliarden Euro aus Privatisierungserlösungen vor - bisher nahm die Regierung circa drei Milliarden Euro ein. Derzeit stehen noch der Flughafenbetreiber ANA, das Energieunternehmen GALP sowie die Fluggesellschaft TAP zum Verkauf, für die sich auch die Deutsche Lufthansa interessiert. Quelle: dpa
Irland - Die Angst vor dem RamschverkaufDie Regierung in Dublin (Foto) hat der Bevölkerung versichert, sie lasse sich von den internationalen Geldgebern nicht zu einem „Ramschverkauf" von Staatsvermögen zwingen. Geschätzt wird der Wert der Unternehmen in Staatsbesitz auf knapp 22 Milliarden Euro geschätzt. Die in der Krise verstaatlichten Banken sind jedoch nach wie vor defizitär und praktisch unverkäuflich. Irlands Refinanzierungsbedarf bis Ende 2013 beläuft sich auf knapp zwölf Milliarden Euro. In der nächsten Zeit stehen die Privatisierung der Lotterie, der Ländereien und Holtzwerke, des Gasversorgers BGE an und der restliche 25-Prozent-Anteil an Aer Lingus an. Quelle: dapd
Darüber hinaus besitzt der irische Staat ganz oder teilweise ein Dutzend Häfen, mehrere Nahverkehrs- und Busunternehmen, die Eisenbahn, Stromversorger, den staatlichen Rundfunk- und TV-Sender RTE und die Nationale Agentur für Ölreserven. Dieses Portfolio soll aber offenbar nicht privatisiert werden Bei den eigenen Gold- und Devisenreserven ist für das Land, dessen Banken voll von der Finanzkrise getroffen wurden, nichts mehr zu holen. Der "Staatsschatz" beträgt nur noch 1,4 Milliarden Euro. Dagegen besitzen die Privathaushalte ein Geldvermögen von 297 Milliarden Euro, das zum Teil durch eine Vermögensabgabe abgeschöpft werden könnte. Quelle: dapd
Italien - Reiche leben das Dolce VitaRegierungschef Mario Monti (Foto) will 26 Milliarden Euro will er binnen drei Jahren im Haushalt einsparen. Auch von der Bevölkerung mehrheitlich abgelehnte Privatisierungen sind kein Tabu, um den Schuldenberg von fast zwei Billionen Euro abzubauen. Und hier ist einiges zu holen: Der Immobilienbesitz des Landes wird auf bis zu 370 Milliarden Euro geschätzt, hinzu kommen Unternehmensbeteiligungen für mehr als 100 Milliarden Euro. Viele Immobilien lassen sich allerdings nicht sofort zu Geld machen, weil sie Ministerien oder Ämter beherbergen. Aus ihrem Gebäudebestand will die Regierung nun Immobilien im Wert von rund 40 Milliarden Euro über Fonds verkaufen. Bei der Privatisierung von Staatsunternehmen zögert sie noch, weil der Versorger Enel und der Ölkonzern Eni, an denen der Staat je ein Drittel hält, lange als Dividenden-Garanten galten. Quelle: Reuters

Als die Finnen dem Euro 1999 beitraten, sahen sie die Gemeinschaftswährung nicht zuletzt als Schutzwall gegen Russland, unter dessen Kuratel das Land lange Zeit stand. Doch nun rücken die ökonomischen Aspekte der Euro-Mitgliedschaft zunehmend in den Vordergrund.

Insbesondere der Vergleich mit den skandinavischen Ländern gibt den Finnen zu denken. Schweden etwa, Finnlands wichtigster Exportmarkt, verfügt über eine eigene Währung und lässt die Finnen bei Pro-Kopf-Einkommen, Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit hinter sich. Viele Finnen fragen sich, warum sie im Euro bleiben und ihren Wohlstand gen Süden transferieren, wenn es ihren Nachbarn im Norden ohne Euro besser geht.

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Kehrt Finnland zur Finnmark zurück, dürfte diese gegenüber dem Euro aufwerten. Doch der Schaden für die Exportwirtschaft, die ohnehin nur rund ein Drittel zur Wirtschaftsleistung beiträgt, wird sich in Grenzen halten. Unter den sieben wichtigsten Exportmärkten Finnlands sind mit Deutschland und den Niederlanden nur zwei Euro-Länder. Ein Euro-Austritt Finnlands wäre jedoch ein Sargnagel für die Währungsunion und Wasser auf die Mühlen der Euro-Gegner in Deutschland und den Niederlanden, wo bald Wahlen anstehen.

Gut möglich, dass die Finanzmärkte schon bald auf einen Euro-Exit Finnlands (Fixit) statt auf einen Euro-Exit Griechenlands (Grexit) wetten.

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