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Euro-Krise Die Target2-Salden sind ein Weckruf

Die Forderungen und Verbindlichkeiten zwischen den Notenbanken der Euro-Zone steigen wieder an. Wir brauchen stabilere Regeln.

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Frankfurter Bankenviertel, rechts die EZB. Quelle: dpa

Die Target2-Salden der Notenbanken im Euroraum steigen wieder. Innerhalb des letzten Jahres stieg der T2-Saldo der Bundesbank um 120 Milliarden Euro an, auf gegenwärtig 700 Milliarden Euro. Fast so hoch wie während der Euro-Krise: 2012 stieg der T2-Saldo der Bundesbank auf bis zu 750 Milliarden Euro. Das belegte die Kapitalflucht aus den Krisenländern in sichere Häfen, also vorrangig nach Deutschland. Die EZB spielte dabei eine wichtige Rolle. Sie stellte den Banken in den Krisenländern Kredite zur Verfügung und ersetzte damit die durch das Fluchtkapital wegfallende Finanzierung. Mit dem Abflauen der Krise seit 2012 gingen die Kapitalflucht und die T2-Salden zurück.

Was misst der T2-Saldo?

Den kumulierten Nettozufluss von Zentralbankgeld aus anderen Euroländern an Banken, die ein Bundesbankkonto halten. Da sich die T2-Salden sämtlicher Euroraum-Notenbanken zu Null summieren, steht dem Zufluss der Bundesbank ein Abfluss aus anderen Ländern entgegen. Dies sind vor allem Spanien und Italien, deren Salden zusammen minus 640 Milliarden Euro betragen. Auch andere Notenbanken halten T2-Forderungen, aber die Bundesbank hält mit rund 70 Prozent aller Forderungen die größte Position. 

Zur Person

Zeigen die T2-Salden nun ein Wiederaufflammen der Krise an?

Der gegenwärtige Anstieg wird nicht durch eine neue Kapitalflucht verursacht, sondern vor allem durch die Anleihekäufe der EZB: Um die Inflation im Euroraum anzukurbeln, kauft das Eurosystem seit März 2015 Staatsanleihen für viele Milliarden Euro. Die Staatsanleihen eines Landes werden dabei von dessen Notenbank erworben. Die Verkäufer sind oftmals Banken aus Ländern außerhalb des Euroraums, von denen viele ihr Euro-Zentralbankkonto traditionell bei der Bundesbank führen.

Kauft zum Beispiel die Banca d’Italia eine italienische Anleihe von einer britischen Bank mit Konto bei der Bundesbank, dann überweist sie den Kaufpreis auf dieses Konto nach Deutschland. Durch die Überweisung steigen die T2-Forderungen der deutschen Bundesbank und die T2-Verbindlichkeiten der Banca d’Italia. Diese Überweisungen sind also rein „mechanisch“ und nicht durch Kapitalflucht privater Anleger bedingt.

Das bedeutet aber nicht, dass Entwarnung angesagt ist, weil die Krise im Euroraum überwunden wäre. Denn das Ansteigen der Salden zeigt an, dass die Verkäufer der Staatsanleihen das Geld noch immer lieber auf ihrem Konto bei der Bundesbank halten, statt es im übrigen Euroraum anzulegen. Das Vertrauen in die Schuldnerländer ist also noch immer zu gering.

Riskanter Anstieg

Ist der Anstieg der T2-Positionen aus deutscher Sicht riskant?

Nicht solange die Währungsunion intakt bleibt. Aber: Zerfällt die Union oder tritt ein betroffenes Land aus, müssten die Salden zurückgezahlt werden. Das könnte aber die unmittelbare Zahlungsfähigkeit der entsprechenden Länder überfordern.

Das Gefährliche ist: Da seine Schöpfer von der Endgültigkeit des Euros ausgingen, ist der Fall eines Euro-Ausstiegs nicht klar geregelt.. Die sich daraus ergebende Unsicherheit und die schiere Höhe der Forderungen sind also mithin ein Risiko, da der Ausstieg eines Landes aus dem Euro für die Zukunft nicht ausgeschlossen werden kann. Der Euroraum ist durch die Krise brüchig, die politischen Fliehkräfte, die gegen die Gemeinschaftswährung wirken, sind in vielen Ländern stärker geworden. Große politische Anstrengungen und Überzeugungsarbeit sind nötig, um den Konsens bezüglich der Währungsunion zu erhalten oder wiederherzustellen. Und der Erfolg dieser Anstrengungen ist ungewiss.

Gute Banken, schlechte Banken
Dunkle WolkenEuropas Banken stecken in der Krise – das wussten Marktbeobachter schon vor dem großen Stresstest der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde. Doch ein genauer Blick auf die Kennzahlen zeigt: Das gilt nicht für alle Institute. Im Vergleich von Nettogewinn, Eigenkapitalrendite und Eigenkapitalquote schneiden einige Institute deutlich besser ab als andere. Besonders interessant ist dabei das Verhältnis zwischen Kurs und Buchwert pro Aktie (KBV). Der Wert offenbart, inwieweit der Börsenwert einer Bank mit den Aktiva, also den Werten in den Büchern der Bank, übereinstimmt. Das KBV liegt bei fast allen Geldhäusern unter 1. Das bedeutet, dass sich die Aktionäre entweder von einer Zerschlagung der Bank mehr Geld versprechen als von der Fortführung des Geschäfts – oder dass sie den Qualitäten der Bilanzen, also der verzeichneten Aktiva, nicht vertrauen. Im Folgenden werden die Kennzahlen für die wichtigsten europäischen Banken dargestellt, sortiert nach den Nettogewinnen im 2. Quartal 2016. Quelle: DPA
Platz 10: Deutsche BankNettogewinn (Q2/2016): 20 Mio. Euro Eigenkapitalrendite: 0,1 Prozent Eigenkapitalquote: 10,8 Prozent KBV (Aktienkurs vom Stichtag/Buchwert pro Aktie): 0,27 Quelle: DPA
Platz 9: Credit SuisseNettogewinn: 155 Mio. Euro Eigenkapitalrendite: 1,5 Prozent Eigenkapitalquote: 11,8 Prozent KBV: 0,48 Quelle: Reuters
Platz 8: CommerzbankNettogewinn: 247 Mio. Euro Eigenkapitalrendite: 3,6 Prozent Eigenkapitalquote: 11,5 Prozent KBV: 0,26 Quelle: Reuters
Platz 7: UnicreditNettogewinn: 916 Mio. Euro Eigenkapitalrendite: 8,8 Prozent Eigenkapitalquote: 10,3 Prozent KBV: 0,22 Quelle: AFP
Platz 6: UBSNettogewinn: 943 Mio. Euro Eigenkapitalrendite: 7,4 Prozent Eigenkapitalquote: 15 Prozent KBV: 0,88 Quelle: DPA
Platz 5: BarclaysNettogewinn: 992 Mio. Euro Eigenkapitalrendite: 5,8 Prozent Eigenkapitalquote: 11,6 Prozent KBV: 0,41 Quelle: AFP

Die steigenden T2-Salden sollten darum als Weckruf wahrgenommen werden. Die Risiken, die sich aus ihnen ergeben, müssen endlich in den Blick genommen werden. Die geldpolitischen Arrangements im Euroraum sind nicht in Stein gemeißelt.

Bisher vorgeschlagene Änderungen – Besicherung der Positionen, Zentralisierung der Geldpolitik, Ausgleich der Salden, Strafzinsen für zu hohe Salden – sind selbst mit vielen Problemen behaftet. Europas Politiker sollten diese Vorschläge dennoch endlich offen diskutieren und sie als Ausgangspunkt nehmen,  um daraus praktikable Alternativen zu entwickeln, die die Währungsunion stabiler machen und sie gegen Austrittsrisiken absichern können.

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