WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Euro-Krise Düstere Aussichten in Finnland

Das einstige Euro-Musterland Finnland steckt in der Krise, die Stimmung ist schlecht. Bei der Europawahl wollen davon die „Wahren Finnen“ profitieren.

Finnische Flagge Quelle: dpa

Finnland verbinden wir vor allem mit positiven Nachrichten: Vorzeigeland im Bildungssystem, Spitzenreiter bei der PISA-Studie und die Spitzenbonitätsnote „AAA“ im Rating der drei größten Ratingagenturen Standard&Poor’s, Moody‘s und Fitch.

Tatsächlich hatte Finnland jahrelang all das, was sich ein EU-Staat wünscht: geringe Staatsschulden, eine robuste Wirtschaft und eine zufriedene Gesellschaft. Doch damit ist es plötzlich vorbei: Der einstige Musterschüler der Euro-Zone hat mit gravierenden Problemen zu kämpfen – politisch wie wirtschaftlich.

Neun Milliarden Euro fehlen im finnischen Haushalt für dieses Jahr, da die großen Unternehmen leiden und die Steuern nicht wie erhofft sprudeln. Die Regierung reagierte mit einem Sparpaket und schränkte eines der freigiebigsten und umfassendsten Sozialsysteme der Welt ein. Insbesondere das steuerfreie Kindergeld galt seit seiner Einführung 1948 als Symbol für den großzügigen finnischen Wohlfahrtsstaat. Damit ist jetzt erst einmal Schluss: Um 110 Milliarden Euro sollen die Zahlungen für Kinder unter 17 Jahren gekürzt werden - 1,5 Milliarden davon trägt der Steuerzahler.

Wissenswertes über Finnland

Als Reaktion auf den harten Sparkurs der Regierung trat im März die finnische Linkspartei ("Vasemmistoliitto“) aus der Regenbogenregierung von Ministerpräsident Jyrki Katainen aus. So wird aus dem finnischen "Sixpack" eine Fünf-Parteien-Koalition. Die Opposition sieht die Regierung am Anfang vom Ende, insbesondere die „Wahren Finnen“ johlen. Sie profitierten von der Krise. Die euroskeptische Partei liegt in Umfragen mittlerweile bei gut 20 Prozent. Ihre Parolen gegen Freizügigkeit in der EU, gegen Rettungspakete für Krisenländer und für einen härteren Umgang mit Einwanderern greifen den Kurs der etablierten Parteien an und erzeugen eine europaskeptische Stimmung in der Bevölkerung.

Dabei kämpft Finnland nicht primär mit den Auswirkungen der Euro-Krise, sondern vielmehr mit der Veränderung der Wirtschaftsstruktur. Insbesondere die Elektronikproduktion und -ausfuhr ist in den letzten Jahren stark zurückgegangen, nicht zuletzt wegen der Verlagerungen der Handyhersteller. Nokia schrieb 2012 erstmals rote Zahlen und machte Verluste von mehr als neun Milliarden Euro. Die IT-Branche hat sich seitdem nicht mehr vollständig erholt. Martin Dransfeld, Leiter der deutsch-finnischen Handelskammer, sieht in dem Umbruch jedoch auch eine Chance auf Erneuerung: „Die Branche ist dabei, sich neu zu konsolidieren und neu zu definieren. Nachdem Nokia seine Handyproduktion in Finnland zurückgefahren hat, orientieren sich tausende IT-Experten um oder machen sich selbständig. Es hat eine Gründerbewegung eingesetzt, Start-ups schießen wie Pilze aus den Boden.“

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%