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Euro-Krise Griechenlands Banken bluten aus

Ganz legal schaffen immer mehr Südländer ihr Geld auf Konten im Ausland. Selbst deutsche Sparkassen nehmen dankbar jeden griechischen Euro an.

Die Zentralbank Griechenlands warnt: Die Kapitalflucht bringt die nationalen Geldinstitute noch weiter in Bedrängnis. Quelle: dpa

Der alte Seemann Panagis N. ist nicht sehr gut auf die Deutschen und ihre Bundeskanzlerin zu sprechen. „Die Merkel“, schimpft der pensionierte griechische Kapitän, „treibt unser Land mit ihren brutalen Sparauflagen in den Ruin.“ Die Skepsis gegenüber der Deutschen hält den Rentner aus dem Athener Küstenvorort Voula aber nicht davon ab, Zuflucht in ihrem Land zu suchen. Voriges Jahr flog er nach Berlin und eröffnete in einer Bank am Potsdamer Platz ein Konto. „Als ich sagte, dass ich aus Griechenland komme, hat man mich in den ersten Stock gebeten und mir einen Kaffee angeboten“, erinnert er sich. Seitdem überweist er immer wieder Geld nach Berlin – „ganz legal“, wie Panagis betont, er hat ja nun ein deutsches Konto.

Es sind beileibe nicht nur die Griechen, die ihr Geld ins Ausland retten. Aus allen kriselnden Südländern fließt Kapital ab. Bei Immobilienfirmen in London häufen sich Anfragen aus Frankreich, zypriotische Investmentfonds quillen über vor den Fluchtmillionen der Italiener, institutionelle Anleger fliehen aus Spanien und Portugal, selbst deutsche Sparkassen nehmen dankbar jeden griechischen Euro an.

Unglaublich viel Geld

Die Angst vor einer Rückkehr der Drachme hat in Griechenland die stärkste Fluchtwelle in Gang gesetzt. Nach den Reichen des Südens bringen jetzt auch Normalbürger der Mittelschicht ihr Geld in Sicherheit. Selbst ärmere Rentner wie Panagis N. eröffnen Auslandskonten. „Nach Deutschland fließt derzeit unglaublich viel Geld aus der Peripherie“, sagt Ulrich Leuchtmann von der Commerzbank.

Deutsche glauben nicht ans Ende der Eurokrise
Vier von fünf Bundesbürgern (81 Prozent) sind davon überzeugt, dass die Eurokrise noch nicht ausgestanden ist. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstitut Insa im Auftrag der „Bild“-Zeitung. Dagegen glauben nur sieben Prozent der Befragten, die Krise sei beendet. Sorgenvoll verfolgen viele Bundesbürger die Entwicklung in Griechenland. Nur 34 Prozent sehen das Land auf dem richtigen Weg. Hingegen sind 39 Prozent davon überzeugt, dass Griechenland sich nicht ernsthaft um Reformen bemüht, die das Land wieder zukunftsfähig machen. „Für die überwältigende Mehrheit der Deutschen ist die Eurokrise noch nicht vorbei. Diese Befürchtung wird auch Einfluss auf die Wahlen zum Europäischen Parlament haben“, sagte INSA-Chef Hermann Binkert der Zeitung. Quelle: dpa
Der Chef des Euro-Rettungsfonds ESM hat Griechenland davor gewarnt, bei einer Rückkehr an den Finanzmarkt zu viel für frisches Kapital zu zahlen. Das hoch verschuldete Land musste als erstes unter den Rettungsschirm der Euro-Länder schlüpfen und entging nur so einem Staatsbankrott. ESM-Chef Klaus Regling sagte der Wochenzeitung "To Vima", es sei natürlich, dass Griechenland nunmehr die Märkte testen wolle. Es sollte den Investoren aber keine zu hohe Rendite zahlen, um seine Schuldenlast nicht weiter zu erhöhen. Die griechische Regierung müsse sich überlegen, welchen Preis sie bereit sei zu zahlen, sagte Regling dem Blatt. Quelle: AP
Italiens neue Regierung will sich für eine Abschwächung der EU-Haushaltsziele einsetzen. Das machten Ministerpräsident Matteo Renzi und Wirtschaftsminister Pier Carlo Padoan bei der Vorlage ihrer Sparpläne deutlich. Beide kündigten an, Italien werde seine im Juli beginnende EU-Präsidentschaft dazu nutzen, die Vorgaben auf den Prüfstand zu stellen. "Wir wollen mehr denn je die Richtung Europas ändern", sagte Renzi. Italien stärke aber seine Position, wenn es seine Finanzen momentan im Zaum halte. Die Äußerungen legen nahe, dass Frankreich in den Bemühungen, mehr Zeit für die Erreichung seiner Haushaltsziele zu erhalten, mit Italiens Unterstützung rechnen kann. Renzi legte Vorschläge für die Finanzierung eines 6,7 Milliarden Euro schweren Steuersenkungsprogramms vor. Ein Großteil solle durch Ausgabenkürzungen im Umfang von 4,5 Milliarden Euro erwirtschaftet werden, sagte er vor Journalisten. 2,2 Milliarden Euro würden durch höhere Mehrwertsteuereinnahmen und Bankensteuern gedeckt. Quelle: REUTERS
Investors George Soros und Ex-Bundesbank-Chefvolkswirt Otmar Issing diskutierten an der Frankfurter Universität über die Rolle Deutschlands in der Euro-Krise. Vor der Bundestagswahl hatte Soros betont: Deutschland muss seine Verantwortung für die Eurozone akzeptieren oder aus dem Euro austreten. Die erste Variante bedeutet nach Soros' Lesart: Deutschland soll mehr Geld auf den Tisch legen. Inzwischen habe sich die Wahl jedoch erübrigt. „Jetzt ist die einzige Alternative für Deutschland seine dominante Position zu akzeptieren.“ Es müsse als „wohlwollender Hegemon nach Wegen suchen, die Schuldnerländer aus der Schusslinie zu bringen", fordert er. Quelle: dpa
"Keine Nation hat zwischen 2009 und 2013 weniger auf Austerität gesetzt als Deutschland", behauptet Paul Krugman und verweist auf eine Grafik. Das Problem an der Behauptung: Deutschland hat schon Anfang des Jahrtausends mit der Agenda 2010 schmerzhafte Reformen umgesetzt. Dadurch hatte Berlin einen zeitlichen Vorteil und brauchte sich in den Krisenjahren nicht verbiegen. Quelle: REUTERS
Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln, Michael Hüther, sowie der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher und der Leiter der europäischen wirtschaftswissenschaftlichen Denkfabrik Bruegel, Guntram B. Wolff, haben sich in der "F.A.Z." hinter das Anleihe-Kaufprogramm und die Niedrigzinspolitik der EZB gestellt. Die Debatte um die EZB-Politik werde in Deutschland „zugespitzt und mit scharfem Ton geführt“, bemängelten die drei Wissenschaftler. Dies sei schädlich, "denn einerseits scheint es so, dass die Kritik vielfach von dem Erfahrungsgrund der Bundesbank ausgeht und die Bedingungen der Geldpolitik in einer Währungsunion verkennt, und andererseits ist die europäische Krise noch nicht überwunden.“ Die Klagen der Deutschen über zu niedrige Zinsen watschten sie ab: "Es kann nicht die Aufgabe der EZB sein, die Geldpolitik auf ein einziges Land auszurichten, sondern Geldpolitik muss für die Eurozone als Ganzes umgesetzt werden." Quelle: dapd
"Der EZB-Rat sollte sich zu umfangreicheren Wertpapierkäufen durchringen", sagte der Wirtschaftsweise Peter Bofinger tags zuvor in einem Interview. Der Ökonom, der die Bundesregierung berät, ist sich sicher: "Damit kann man dafür sorgen, dass es erst gar nicht zu einem Abrutschen des Euro-Raums in die Deflation kommt." Für Bofinger haben die Hüter des Euro um EZB-Präsident Mario Draghi noch Nachholbedarf: "Im Vergleich hat die EZB bislang sehr konservativ agiert." Nicht kleckern, sondern klotzen ist deshalb wegen der mit 0,7 Prozent für den Geschmack vieler Ökonomen zu niedrigen Teuerung auch für Bofinger die Devise: "Maßnahmen wie eine weitere kleine Zinssenkung oder ein längerfristiges Versprechen, die Leitzinsen extrem niedrig zu lassen - meinetwegen auch verbunden mit einem konkreten Zeitrahmen -, sind alles nur Tropfen auf den heißen Stein in der aktuellen Lage." Quelle: dapd

Berechnungen der Citigroup fassen die Angst um ihr Vermögen, die viele Sparer der Krisenländer erfasst hat, in Zahlen: Allein aus Spanien zogen Investoren im vergangenen Jahr ungefähr 100 Milliarden Euro ab, in Italien waren es sogar rund 160 Milliarden Euro, rechnete Citigroup-Ökonom Matt King vor. Griechenland haben seit Ende 2009 mehr als 80 Milliarden Euro verlassen, was 40 Prozent der momentanen Wirtschaftsleistung entspricht. Allein in der Woche nach der Wahlniederlage der reformbereiten Volksparteien im Mai belief sich der Exodus auf 3,2 Milliarden Euro.

Der Exodus des Kapitals

Offizielle Stellen versuchen den dramatischen Kapitalabfluss zu verharmlosen. Im Finanzministerium von Athen äußern sich Experten nur unter vorgehaltener Hand: Privatanleger, heißt es, verfügen über Auslandvermögen von mindestens 200 Milliarden Euro. Bedenkt man, dass Griechenlands Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr etwa bei 203 Milliarden Euro liegen wird, lässt sich sagen: Wenn all diese Flüchtlinge ihr Vermögen zurück in ihre Heimat holen würden, wäre das griechische Finanzsystem gerettet. Im Gegenteil sind sich die Experten aber einig, dass der Exodus des Kapitals im zweiten Quartal noch deutlich zunehmen wird – erst recht, wenn die Reformer bei den Wahlen am 17. Juni wieder keine Mehrheit holen.

Schon seit Ende 2009 sind die 500- und 200-Euro-Scheine in Griechenland aus dem Bargeldkreislauf verschwunden – vermutlich, da sie in Brieftaschen außer Landes geschafft wurden. Wer diesen Abfluss eindämmen will, muss den Kapitalverkehr kontrollieren.

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