WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Euro-Krise Ist die D-Mark besser als der Euro?

Ein beträchtlicher Teil der Bundesbürger wünscht sich die Deutsche Mark zurück. Jene Währung, die dem Land Wachstum und Wohlstand beschert hat. War Deutschland mit Mark und Pfennig wirklich besser bedient?

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

War die D-Mark besser als der Euro?

Die D-Mark hat Deutschland Jahrzehnte der Prosperität beschert. Die Bundesrepublik ist nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Mark zu einer der weltweit führenden Industrie- und Exportnationen aufgestiegen. In dieser Zeit wurde Deutschland für seine stabile Währung von vielen anderen Ländern beneidet. Das war nicht zuletzt darauf zurück zu führen, dass die Bundesbank ihre Aufgabe, die Preise stabil zu halten, ernst genommen hat. Aus diesem Grund  drängte Deutschlands darauf, die Europäische Zentralbank (EZB) nach dem Vorbild der Bundesbank zu konzipieren. Ebenso wie diese sollte die EZB weisungsunabhängig gegenüber den Regierungen und Parlamenten sein. Zudem wurde sie auf die Wahrung stabiler Preise verpflichtet.

Die Währungshüter der EZB weisen gern darauf hin, dass sie den Stabilitätsauftrag besser erfüllt haben als die Bundesbank. Tatsächlich gelang es der EZB, die Inflationsrate vergleichsweise niedrig zu halten. In Deutschland stiegen die Verbraucherpreise seit der Euro-Einführung im Schnitt um rund 1,6 Prozent pro Jahr. Zu D-Mark-Zeiten, in den Siebziger- und Achtzigerjahren, lag die Teuerungsrate noch bei knapp vier Prozent. 1992 überschritt sie sogar die Marke von fünf Prozent.

Doch es wäre verfehlt, daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, die EZB habe ihre Aufgabe besser erfüllt als die Bundesbank. Die Bundesbank hatte es mit deutlich widrigeren Umständen zu tun als die EZB. So waren die Siebziger- und Achtzigerjahre weltweit durch hohe Inflationsraten gekennzeichnet. Die Ölpreiskrisen hatten Lohn-Preisspiralen ausgelöst, gegen die die Bundesbank mit höheren Zinsen ankämpfte. Anfang der Neunzigerjahre trieben die kräftigen Lohnsteigerungen im Zuge des Wiedervereinigungsbooms die Inflation in die Höhe. Erst nachdem die Bundesbank die Zinsen erhöht und eine Stabilisierungsrezession in Kauf genommen hatte, sanken die Teuerungsraten wieder.

Wo die D-Mark steckt
Geldbörse Quelle: dpa
D-Mark-Scheine in einem Portemonnaie Quelle: dpa
Zerstörter 50 Euro Schein Quelle: AP
Ringe und Schmuck mit D-Mark-Scheinen Quelle: REUTERS
Geld wird unter der Matratze versteckt Quelle: Fotolia
Geschredderte D-Mark-Stücke Quelle: AP
Grenzschild Bundesrepublik Deutschland Quelle: dpa

Globalisierung spielt der EZB zu

Dagegen profitierte die EZB von Beginn an von den preisdämpfenden Effekten der Globalisierung. Die wirtschaftliche Öffnung großer Schwellenländer wie China und Indien ließ das weltweite Angebot an Arbeitskräften Anfang der 2000er Jahre steigen. Unternehmen verlagerten Teile ihrer Produktion in die  kostengünstigeren Schwellenländer. Das schmälerte die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften, drückte auf die Löhne und hielt die Preise in der Euro-Zone in Schach. Ein simpler Vergleich der Inflationsraten aus D-Mark-Zeiten mit denen des Euro-Zeitalters führt daher in die Irre.

Häufig ist zu hören, die deutschen Unternehmen hätten unter der stark aufwertenden D-Mark gelitten, weil diese die Exporte verteuert habe. Tatsächlich wertete die  D-Mark nach dem Ende des Festkurssystems von Bretton Woods Anfang der Siebzigerjahre gegenüber den meisten anderen Währungen auf. Gleichwohl steigerten die deutschen Exporteure in dieser Zeit ihren Anteil am Welthandel.  

Das hat mehrere Gründe.  Zum einen stellen deutsche Unternehmen Produkte her, bei denen die Qualität, nicht der Preis, das kaufentscheidende Merkmal ist. Zudem besetzen sie mit ihren Produkten Nischenmärkte, in denen sie nur wenige Konkurrenten haben. Statt Standardlösungen bieten sie ihren Kunden auf deren Bedürfnisse zugeschnittene Produkte und Dienstleistungen an. Auf diese Weise gelang es ihnen, trotz der starken Mark ihre Produkte an den Mann zu bringen.  

Auswirkungen der starken D-Mark

10 Gründe für den Euro
Boxer trainieren in einer Box-Halle Quelle: dpa
Mit herausgezogener Hosentasche steht ein Autofahrer vor der Preistafel einer Tankstelle Quelle: dpa
Eine Fugzeugpassagierin an einer Geldwechselstube in London Quelle: AP
Eine Frau hält ein euro starter kit neben einem Zwanzig-Mark-Schein Quelle: REUTERS
Thilo Sarrazin präsentiert sein Buch "Europa braucht den Euro nicht" Quelle: REUTERS
Kunden im Westfield Stratford City Shopping-Center in London Quelle: REUTERS
Ministerpräsidenten beim EU-Gipfeltreffen am 23.05.2012 Quelle: dpa

Hinzu kommt, dass die Unternehmen die aufwertungsbedingte Verteuerung ihrer Exporte auch dadurch ausglichen, dass sie ihre in D-Mark gerechneten Verkaufspreise verringerten. Um die Preiskonzession aufzufangen und die Gewinnspanne zu stabilisieren, senkten sie ihre Kosten. Sie mussten mithin effizienter wirtschaften, die betrieblichen Abläufe ständig verbessern und die Produktivität steigern. Unter dem Druck der starken Mark wurden auch die Unternehmen stark.

Weil die D-Mark im Trend aufwertete, benötigten die Deutschen weniger Geld für den Import von in Fremdwährung berechneten Produkten und konnten  zudem billiger Urlaub im Ausland machen.  Für ihr mit Exporten erwirtschaftetes Einkommen konnten sie sich mehr Produkte aus dem Ausland  leisten. Das Austauschverhältnis im Handel mit anderen Ländern verbesserte sich, die starke D-Mark erhöhte Deutschlands Wohlstand.

Der Einfluss der Mark

Der größte Vorteil der D-Mark war, dass die Bundesbank die Leitzinsen und andere geldpolitische Maßnahmen an den Bedürfnissen Deutschlands ausrichten konnte. Drohte die Konjunktur heiß zu laufen und die Inflation sich zu beschleunigen, erhöhte die Bundesbank die Zinsen und bremste so die Wirtschaft. Lief es schlecht mit der Konjunktur, senkte sie die Zinsen. Mit dem Euro ist das nicht mehr möglich. Die EZB versucht, ihre Geldpolitik nicht an einzelnen Staaten, sondern am gesamten Euro-Raum auszurichten. Da Wirtschaftskraft und Konjunktur zwischen den Mitgliedsländern stark divergieren, kann sie keine passgenaue Geldpolitik für Deutschland betreiben. Im Zuge der Euro-Krise hat sie den Fokus auf die Peripherieländer gerichtet. Um deren Wirtschaft zu stützen, hat sie die Zinsen gesenkt und die Geldpolitik massiv gelockert.

WirtschaftsWoche Online Euro Spezial

Die EZB hat jüngst angekündigt, im Notfall sogar unbegrenzt Staatsanleihen der Krisenländer zu kaufen. Damit verstößt sie gegen das im Vertrag über die  Arbeitsweise der Europäischen Union und der Verordnung zum EU-Vertrag festgelegte Verbot der Staatsfinanzierung durch die Notenpresse. Die EZB hat sich dadurch endgültig vom Vorbild der Bundesbank verabschiedet und droht zum Staatsfinanzier Südeuropas zu werden.

Europa



Das Geld, das sie durch den Ankauf von Staatsanleihen in den Bankensektor pumpt, fließt zunächst in die Märkte für Vermögensgüter wie Rohstoffe, Immobilien und Aktien und treibt deren Preise in die Höhe. Zieht die Konjunktur wieder an, dürfte das zusätzliche Zentralbankgeld auch in die Kreditvergabe an Unternehmen und private Haushalte fließen und so die Gütermärkte erreichen. Die Folgen sind höhere Inflationsraten und ein weicher Euro. Der Wohlstand, den sich Deutschland mit der D-Mark erarbeitet hat, gerät in Gefahr.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%