WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Euro-Krise So will Alexis Tspiras den Grexit verhindern

Die griechische Regierung verspricht, die Auflagen ihrer Gläubiger weitgehend zu erfüllen. Eine Einigung in Brüssel scheint damit möglich. Doch Alexis Tsipras und Angela Merkel könnten an anderer Stelle scheitern – in ihren Hauptstädten.   

Merkel, Tsipras Quelle: REUTERS

Wir – die Griechen – wollen um jeden Preis im Euro bleiben. Das ist die Botschaft, die der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras gestern Abend mit seinen Reformvorschlägen in die Richtung von Brüssel und den EU-Hauptstädten schickte. Tsipras bittet die europäischen Partner zwar um weitere 53,3 Milliarden Euro über einen Zeitraum von drei Jahren. Die Gelder sollen aus dem Euro-Rettungsschirm ESM fließen. Im Gegenzug will Athen aber die Auflagen der Gläubiger, die schon vor dem Referendum in Gespräch waren, weitgehend erfüllen – darunter unter anderem Steuererhöhungen für Unternehmen und Bevölkerung, höhere Renteneintrittsalter, Kürzungen im Wehretat und weitere Privatisierungen von Staatsunternehmen.

Die ersten Reaktionen fallen auf europäischer Ebene positiv aus. Frankreichs Staatspräsident François Hollande, dessen Berater die Vorschläge mit formuliert haben, bewertet das griechische Reformpapier als „glaubwürdig und ernsthaft“. Maltas Premier Joseph Muscat sieht eine „Basis zur Diskussion“. Und Eurogruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem bezeichnete die Vorschläge als „sorgfältig“.

"Der Euro ist stabil, der Euro ist stark"
Stärker als gedacht"Scheitert der Euro, scheitert Europa" ist einer der Sätze von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die vielen in Erinnerung bleiben. Mittlerweile wurde er ein wenig umgedeutet, an Griechenland dürfe der Euro nicht scheitern, hieß es kürzlich. Bisher sieht es danach auch aus, die Gemeinschaftswährung hält sich trotz des eskalierenden Griechenland-Dramas überraschend stabil. Auf Wochensicht verläuft die Entwicklung des Euro zum Dollar seitwärts, die Verluste vom Handelsbeginn am Montag hat die Gemeinschaftswährung wieder ausgeglichen. "Während sich die Lage in Griechenland zuspitzt, zeigt sich der Devisenmarkt weiterhin gelassen", schreibt die Commerzbank in einem Kommentar. Aus Sicht der Analysten liegt das vor allem an der Europäischen Zentralbank (EZB). "Die Lorbeeren gehören der EZB, die mit ihrem Versprechen, dass sie all ihre Instrumente nutzen würde, um Ansteckungseffekte einzudämmen, Spekulationen binnen kurzer Zeit den Garaus gemacht hat." Quelle: REUTERS
Retter in der NotOffenbar gibt es einige, deren Vertrauen in den Euro vor allem auf dem Engagement der Zentralbank fußt. Alle glauben das aber nicht: "Die Wette gegen den Euro war gefährlich und verlustreich”, sagt Ray Attrill, Chef-Devisenstratege der National Australia Bank in Sydney. „Es gibt genug Leute, die daran glauben, dass ein Austritt Griechenlands keine signifikanten Ansteckungseffekte haben wird und dass die EZB und die EU-Politiker alles tun werden, um den Euro zu stützen. Ich gehöre nicht dazu“. Quelle: dpa
Positive oder negative Folgen?Die Folgen eines Austritts des Landes aus dem Euro („Grexit“) würden am Devisenmarkt sehr unterschiedlich bewertet, begründet Lutz Karpowitz von der Commerzbank die geringe Reaktion der Märkte auf Griechenland-Meldungen. So sei die Gruppe derjenigen, die einen Austritt als positiv für den Euro bewerte, etwa gleich groß wie die Gruppe, die ihn negativ sehe. „Nach einem Grexit dürfte allerdings schnell klar werden, dass Ansteckungseffekte ausbleiben“, erwartet Karpowitz. Anfängliche Verluste würde der Euro zügig wieder gutmachen. Quelle: dpa
Ansteckungseffekte ja oder nein?Eine mittel- bis langfristige Gefahr für den Euro könnte von möglichen Ansteckungseffekten anderer Euro-Länder wie Spanien oder Portugal ausgehen. Österreichs Finanzminister rechnet nicht damit: "Der Euro ist stabil, der Euro ist stark", sagte Hans Jörg Schelling am Dienstag in Wien. Er erwarte durch den ungelösten Schuldenstreit mit Griechenland keine Finanzkrise. Selbst wenn sich die Griechen bei dem geplanten Referendum gegen die Vorschläge der internationalen Geldgeber aussprechen sollten, erwarte er keine "Ansteckungseffekte" für die Euro-Zone. Quelle: REUTERS
Untergang abgesagt?Insgesamt hält die Mehrheit der Analysten die Gefahr für den Euro für deutlich geringer als vor einigen Monaten. "Ein "Grexit" wird nicht mehr mit dem Ende des Euro verknüpft", sagt Claudia Windt, Analystin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Insgesamt habe die Untergangsrhetorik deutlich abgenommen. Quelle: dpa
VertrauensproblemEin Grexit könnte weniger ein Ansteckungs-, als ein Vertrauensproblem für den Euro werden. "Ein Austritt Griechenlands dürfte den Euro merklich schwächen", sagt Bernd Krampen, Analyst bei der NordLB. Davon würde zwar die heimische Exportwirtschaft profitieren, gesamtwirtschaftlich wäre der Vertrauensverlust allerdings problematisch. Quelle: REUTERS
Grexit oder Graccident Quelle: Marcel Stahn

Doch alle Beteiligten wissen auch: Der griechische Premierminister geht mit diesem Angebot ein hohes Risiko ein. Noch vor einer Woche hatte er seine Landsleute gegen die Vorschläge der Gläubiger mobilisiert, um ein Nein im Referendum zu erreichen. Nun will er die Auflagen in weiten Teilen umsetzen. Schon kommen aus der Unionsfraktion in Berlin erste Fragen auf, wie ernst Tsipras es überhaupt meint.

Nicolai von Ondarza von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) bezweifelt, dass der griechische Premier blufft. „Die Europäer haben die Drohkulisse Grexit in den letzten Tagen sehr glaubwürdig aufgebaut“, sagt der Politikwissenschaftler. Am Sonntag treffen sich in Brüssel die Staats- und Regierungschefs der gesamten EU. Es bräuchte die Stimmen aller 28, um den Grexit zu beschließen. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker betonte zuletzt auffällig häufig, ein Plan B sei vorbereitet.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%