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Euro-Rettungsschirm-Chef Klaus Regling „Mehr Europa kann nicht die Antwort sein“

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"Freihandel kennt auch Verlierer"

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat als Reaktion auf das Brexit-Referendum gefordert, der Euro müsse möglichst schnell einzige Währung in der EU werden.

Wenn die Briten tatsächlich die EU verlassen würden, gehe ich davon aus, dass fast alle Länder eines Tages dem Euro beitreten werden. Das Tempo wird von Land zu Land sehr unterschiedlich sein, weil es unterschiedliche Probleme und Präferenzen gibt. Blieben die Briten aber in der EU, wäre das Konzept eines Europas der zwei Geschwindigkeiten auch bei den Währungen sehr viel dauerhafter. Großbritannien würde dann mit Dänemark, Schweden und anderen Ländern einen äußeren Ring bilden, der Euro-Raum würde aus stark integrierten Staaten bestehen.

Übersieht Juncker nicht auch, dass Länder Beitrittskriterien erfüllen müssen, ehe sie dem Euro beitreten können?

Die Beitrittskriterien gelten. Im Moment erfüllt keines der Nicht-Euro-Länder alle Beitrittskriterien. Es wird dauern, ehe es so weit ist.

Kaum war das Brexit-Referendum ausgezählt, kam aus Brüssel der Wunsch nach mehr Integration. Kann das die Lösung sein?

Mehr Europa kann nicht generell die Antwort sein. Schon vor dem Referendum in Großbritannien haben sich die Bürger in vielen europäischen Ländern nicht „mehr Europa“ gewünscht. Das hat etwas mit der Gegenbewegung zur Globalisierung zu tun, die es ja nicht nur auf unserem Kontinent, sondern weltweit gibt. Wir sehen das im US-Wahlkampf sehr deutlich, die Entwicklung ist aber auch in der Schweiz schon lange zu beobachten. Die EU ist ein Musterbeispiel an Globalisierung, an grenzüberschreitender Zusammenarbeit. Deshalb müssen wir jede Bewegung gegen die Globalisierung nicht nur ernst nehmen, wir müssen uns auch mit ihr auseinandersetzen.

Können Sie als Ökonom die Ängste von Globalisierungsgegnern nachvollziehen?

Für mich als Ökonomen sind die Vorbehalte schwer verständlich, denn wir sind der Überzeugung, dass grenzüberschreitende Zusammenarbeit und Handel den Lebensstandard der Menschen insgesamt heben. Die große Mehrheit der Bürger profitiert davon, das zeigt die Wirtschaftsgeschichte ganz klar. Offenbar ist es den Eliten aber zuletzt nicht ausreichend gelungen, diese Vorteile zu erklären. Und: Wir Ökonomen wissen, dass es im Freihandel in aller Regel auch Verlierer gibt. Vielleicht haben wir es schlicht versäumt, uns ausreichend um diese Verlierer zu kümmern.

Der Euro ist eine unvollendete Konstruktion. Wie wichtig ist es, das Bauwerk nun zu vervollständigen?

In den vergangenen Jahren haben wir – als Antwort auf die Euro-Krise – den Euro-Raum schon deutlich gestärkt. Institutionen wie der Rettungsschirm ESM und der Bankenabwicklungsfonds sind neu entstanden, die Staaten haben sich auf eine Bankenunion verständigt. Neue Regeln stärken die Koordinierung der Wirtschaftspolitik. Dies sollte man berücksichtigen, wenn man sich die Frage stellt, welche Veränderungen überhaupt noch notwendig sind, damit die Währungsunion besser funktioniert. Ich sehe gar nicht so viele Bereiche, an denen noch gearbeitet werden muss. Und im Übrigen: Wenn man an bestimmten Punkten eine Vertiefung anstrebt, könnten im Gegenzug manche Kompetenzen an die Mitgliedstaaten zurückwandern. Das Paket muss schlicht ausgewogen sein.

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