Euro-Zone

Ohne Wachstum droht Zerfall des Euro-Raums

Für die einen wäre der Grexit ein Befreiungsschlag, für die anderen wäre es der Anfang vom Ende der Euro-Zone. Wie kann der Währungsraum nach 16 Jahren seine Daseinskrise überwinden und zukunftsfähig gemacht werden?

Eine Ein-Euro-Münze auf der Flagge der Europäischen Union Quelle: dpa

Viele Jahre galt die Europäische Union als Garant für die Stabilität auf dem Kontinent. Staats- und Regierungschefs trieben die Einigung weiter voran. Kompetenzen wurden auf supranationale Ebene verlagert, große Anstrengungen wurden unternommen, um einen gemeinsamen Binnenmarkt und eine enge Vernetzung der Finanzmärkte zu erreichen. Als Krönung dieses Prozesses galt die Einführung der gemeinsamen Währung. Sie stand für eine erfolgreiche Integration in die wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen der Europäischen Gemeinschaft.

Spätestens seit der Staatsanleihekrise hat das positive Euro-Bild erheblich gelitten. Die Proteste auf Frankfurts Straßen im Rahmen der Eröffnung des neuen Gebäudes der Europäischen Zentralbank sind Ausdruck dafür, dass die Unzufriedenheit mit den herrschenden strukturellen und wirtschaftlichen Unterschieden auf europäischer Ebene zugenommen hat. Besonders deutlich lassen sich die Unterschiede an den Arbeitslosenquoten ablesen. Auf der einen Seite stehen Länder wie Griechenland, Spanien, Zypern und Portugal, wo zum Teil jeder vierte Arbeitsuchende keinen Job findet. Auf der anderen stehen Länder wie Deutschland, Österreich und Luxemburg. Hier liegt die Arbeitslosenquote bei gerade einmal 5 Prozent.

Was droht Griechenland und seinen Banken?

Zusätzlich verschärft wurden die Gegensätze – zumindest in der Wahrnehmung der betroffenen Bürger – durch fiskalische Maßnahmen. In vielen Ländern Südeuropas ging die Konsolidierung der Staatshaushalte mit Einsparungen bei den Sozialsystemen, beispielsweise Rentenkürzungen, niedrigeren Gehältern oder gar Entlassungen im öffentlichen Dienst sowie Steuererhöhungen einher. So gravierend die Einschnitte für einige auch gewesen sein mögen, wurden dennoch finanzielle Mittel von Seiten anderer Euro-Mitgliedsländer benötigt. „Europäische Rettungsschirme“ wurden etabliert, um in Zahlungsschwierigkeiten geratene Euro-Ländern vor der Zahlungsunfähigkeit zu bewahren. Profitiert haben hiervon Portugal, Irland, Griechenland, Spanien und Zypern.

In den Geberländern gingen die Finanzhilfen mit einem wachsenden Unmut über die damit verbundenen Risiken einher. Zähe Verhandlungen über die Ausgestaltung von Spar- und Reformmaßnahmen sowie immer wieder aufkommende Meldungen über die mangelnde Umsetzung von Vereinbarungen haben dabei sicherlich ihren Teil zu einer wachsenden Unzufriedenheit bei den Bürgern der Geldgeberländer beigetragen.

Griechenlands Zahlungsverpflichtungen 2015

Da verwundert es kaum, dass in den letzten Jahren europaweit Parteien mit einer kritischen Haltung gegenüber einer stärkeren Integration auf dem Kontinent an Bedeutung gewonnen haben. Auffällig ist dabei, dass in den südeuropäischen Euro-Ländern vor allem links-orientierte Parteien hohe Zustimmungswerte erfahren, während in Kern- und Nordeuropa eher national-konservative Gruppierungen ihre Umfragewerte verbessern konnten. So ging die linke Syriza aus den jüngsten Parlamentswahlen in Griechenland als Sieger hervor. Weitere prominente Beispiele sind die Podemos in Spanien, die Fünf-Sterne-Bewegung in Italien, die AfD in Deutschland oder der Front Nationale in Frankreich.

Aus Sicht der Gemeinschaftswährung birgt diese Entwicklung langfristig die Gefahr, dass der Währungsraum nicht mehr als Gemeinschaft angesehen wird, sondern nur noch als Summe einzelner Länder, wobei jedes Mitgliedsland separat betrachtet wird. Damit würde das Vertrauen in den dauerhaften Bestand und die Werthaltigkeit des Euro nachhaltigen Schaden nehmen.

Von Grexit bis Graccident - die wichtigsten Begriffe zur Schuldenkrise

Es sind vor allem die von der Europäischen Zentralbank ergriffenen Maßnahmen, die dafür sorgen, dass sich die bestehenden fundamentalen und politischen Divergenzen innerhalb des Euroraums nicht an den Finanzmärkten widerspiegeln. Was mit dem Securities Markets Programme (SMP) im Jahr 2010 begann, führte über das 2012 etablierte Outright Monetary Transactions (OMT) Programm hin zu einem Staatsanleiheankaufprogramm im Umfang von weit mehr als 1000 Mrd. EUR.

Spätestens mit dem im März gestarteten Ankaufprogramm stellt die Notenbank nicht nur die Zahlungsfähigkeit der einzelnen EWU-Länder sicher. Sie sorgt darüber hinaus für extrem niedrige Renditen und geringere Zinsunterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten. Uneigennützig handelt die EZB dabei nicht. Denn insbesondere mit Blick auf die Geldpolitik ist die Betrachtung des Währungsraums als Einheit von großer Bedeutung. Eine Währung hat nun einmal nur eine Zentralbank, einen Leitzins. Die separate Wahrnehmung der einzelnen Mitglieder läuft einer einheitlichen Geldpolitik dabei zuwider.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%