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Eurokrise Die Europäische Union stirbt

Frankreich wird das Eurosystem vor Probleme stellen, die auch EU-Schattenkanzler Mario Draghi per Druckerpresse nicht lösen kann. Ein Gastkommentar.

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Auch wenn die Eurokrise teilweise bereits für beendet erklärt wurde, ist davon auszugehen, dass die Krise in Wirklichkeit gerade erst zu eskalieren droht. Quelle: dapd

"Es gibt keinen Währungskrieg!" Auch wenn der OECD-Generalsekretär Angel Gurría dieses der Welt als ein Ergebnis des im Februar in Moskau veranstalteten G20-Gipfeltreffens versicherte, ist es doch bemerkenswert, dass sich die Staatengemeinschaft mit den (gewollten oder ungewollten) Nebenwirkungen des unbegrenzten Gelddruckens inzwischen auch offiziell auseinandersetzen muss. Doch selbst wenn die G20-Protagonisten nun erklärterweise ihre "Wechselkurse nicht zu Wettbewerbszwecken vorherbestimmen" wollen, wird es der internationalen Staatengemeinschaft aufgrund nationaler Zwänge nur schwer gelingen aus der Logik der Abwertungswettläufe auszusteigen. Da sich damit im globalen Geldsystem, wie auch von Mexikos Zentralbankchef Agustín Carstens befürchtet, dann der "perfekte Sturm" zusammenbraut, wird es zunehmend wahrscheinlicher, dass es, ausgehend von den aufstrebenden Schwellenländern, die, so der Deutsche-Bank-Ex-Chefökonom Thomas Mayer "ihren Wohlstand nicht länger vom westlichen Schuldgeldsystem abhängig machen wollen", zu einer Neuordnung des Weltwährungssystems kommen wird.

Die zehn größten Euro-Lügen
Ex-EZB-Chef Jean-Claude Trichet Quelle: dpa
Wolfgang Schäuble Quelle: dpa
Giorgios Papandreou Quelle: dpa
Wolfgang Schäuble Quelle: dapd
Chef der Eurogruppe Jean-Claude Juncker Quelle: dapd
Angela Merkel mit Draghi Quelle: dapd
Mariano Rajoy Quelle: REUTERS

Auch wenn der Vorsitzende des Brüsseler Zentralkomitees José Manuel Barroso die Eurokrise bereits für beendet erklärt hatte, muss man davon ausgehen, dass die Krise in Wirklichkeit gerade erst zu eskalieren droht. Dabei richtet sich der Blick weniger auf Griechenland, das schon wieder den nächsten Schuldenschnitt fordert und auch nicht auf den gerade für systemrelevant (!) erklärten Zwerg-Staat Zypern, der für seine maroden Banken einen Betrag von "nur" 17 Mrd. Euro, also 100 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung, verlangt, sondern auf die desolate Lage in Spanien, Italien und Frankreich. In Spanien erreichte die den sozialen Frieden immer stärker gefährdende Arbeitslosigkeit inzwischen ein Rekordniveau von unfassbaren 26,2 Prozent (Jugendarbeitslosigkeit 55,5 Prozent), während das Land im "Jahr des Sparens" 2012 gleichzeitig ein neues Rekorddefizit von 146 Milliarden  Euro (!) zu verzeichnen hatte.

Grand désastre

Was die Franzosen mit Deutschland verbinden
Was die Franzosen mit Deutschland verbindenDie Deutsche Botschaft in Paris hat im vergangenen Jahr das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage vorgestellt. Die Frage lautete: Welches Bild haben die Franzosen von den Deutschen und umgekehrt? Fest steht: Es ist eine lange Geschichte der Anerkennung, aber auch der Anfeindung. Ein kurzer Überblick, über die Begriffe, mit denen die Franzosen uns Deutsche identifizieren. Quelle: dpa
Abgeschlagen auf den hinteren Plätzen landeten Begriffe wie „Hitler“, „Nazis“ und „Krieg“. Die Autoren der Studie schlussfolgern daraus: Germanophobie gibt es in Frankreich kaum noch. Gerade die jüngeren Franzosen denken mit Blick auf die vergangenen Jahrzehnte eher an den Fall der Mauer, als an Deutschlands Rolle unmittelbar vor und während des Zweiten Weltkrieges. Quelle: AP
Die Franzosen reden bei Deutschland von "Respekt" (33 Prozent); die Deutschen eher von "Sympathie" (65 Prozent). Die Frage, ob Deutschland ein Verbündeter oder gar ein Freund ist, haben die Franzosen in der Vergangenheit auch mal giftig beantwortet. Der französische Schriftsteller Francois Mauriac sagte einst: "Ich liebe so sehr Deutschland, dass ich mich freue, dass es gleich zwei davon gibt". Er meinte die Bundesrepublik und die DDR. Nun wählen die Franzosen den Begriff "Partnerschaft", um ihre Beziehung zu Deutschland zu beschreiben. Daran soll sich auch künftig nichts ändern - laut der Umfrage der Deutschen Botschaft in Paris schätzen 45 Prozent der Befragten Deutschland als privilegierten Partner. Anders sehen das die Deutschen: 72 Prozent wollen Frankreich als ein Land wie jeden anderen Partnerstaat sehen. Quelle: dpa
Die Würstchen oder das Sauerkraut nannten zwölf Prozent der Befragten als was typisch Deutsches. Man muss davon ausgehen, dass die deftige Küche als Beispiel deutscher Kochkünste herhalten muss. Quelle: dpa
Das deutsche Auto genießt bei den Franzosen ein hohes Ansehen. 18 Prozent der Befragten gaben das an erster Stelle an - genauso viele, die "Strenge" nannten. Gerade in Wirtschaftsangelegenheiten dient Deutschland aus französischer Sicht als Vorbild: 63 Prozent der Befragten gaben an, dass sich Frankreich stärker am deutschen Modell ausrichten sollte. Entsprechend hoch ist auch der Wille, dass die künftige Kooperation mit deutschen Unternehmen verstärkt werden sollte - 38 Prozent der Franzosen vertraten diese Meinung. Quelle: dpa
Die deutschen Rheinnachbarn werden auch stark mit ihrem Bier assoziiert: 23 Prozent der Befragten nannte als erst das deutsche Getränk par excellence. Quelle: AP
Gefragt nach einem spontanen Gedanken zu Deutschland, wurde der Nachname der deutschen Bundeskanzlerin bei der Umfrage der Deutschen Botschaft am meisten genannt. 29 Prozent der Befragten gaben " Merkel" an. Nicht nur für die Franzosen verkörpert die Bundeskanzlerin die Werte Fleiß, Disziplin und Rechtschaffenheit. Dass Merkel in Paris einen hohen Stellenwert genießt, zeigte sich schon im Sommer 2011. Eine breite Mehrheit der Franzosen hatte in einer Umfrage der französischen Zeitung "Le Parisien" erklärt, sie trauen der Deutschen eher als dem damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zu, die Schuldenkrise zu lösen. Mit dem sozialistischen Präsidenten Francoise Hollande dürfte die Zahl nicht kleiner geworden sein. Quelle: REUTERS

Der "falsche" Wahlausgang in Italien, wo die Euro-Politiker Mario Monti und Pier Luigi Bersani sich nicht durchsetzen konnten, und der Politclown Silvio Berlusconi und der einstige politische Kabarettist Beppe Grillo triumphierten, dürfte die Euro-Politiker jäh aus ihren "Die Krise ist beendet"-Träumen gerissen haben. Sowohl Grillo als auch Berlusconi fordern eine Neuverhandlung der untragbaren italienischen Schuldenlast und drohten sogar schon mit der Wiedereinführung der Lira!

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Dem nicht genug, lassen aber vor allem auch die immensen wirtschaftlichen Probleme Frankreichs mehr als nur Zweifel am Erfolg der bisherigen Euro-Rettungspolitik aufkommen. "Die sind gerade dabei, grandios abzustürzen", befand jüngst Rainer Brüderle, und auch die Deutsche Bank befürchtet beim wichtigsten Handelspartner Deutschlands ein "Grand désastre", während der französische Arbeitsminister Michel Sapin seine sozialistische Grande Nation sogar bereits als "vollkommen pleite" bezeichnete! Insgesamt 4,97 Millionen Arbeitslose und Unterbeschäftigte sowie 26,9 Prozent Jugendarbeitslosigkeit dokumentieren die stetig sinkende Wettbewerbsfähigkeit des Landes eindrucksvoll, während sich die ausgabenfokussierte französische Politik (Sozialausgaben: 24 Prozent vom BIP, 56 Prozent Staatsquote!) angesichts einer stets "auf Krawall gebürsteten" Bevölkerung scheut, endlich die längst überfälligen Reformprozesse in Gang zu setzen.

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Spätestens aber, wenn auch noch die Immobilienpreisblase in Frankreich platzt, werden die mit 7,9 Billionen Euro verschuldeten französischen Banken (398 Prozent vom BIP) das Eurosystem vor Probleme stellen, die nicht einmal die vom EU-Schattenkanzler Mario Draghi gesteuerte Europäische Zentralbank per Druckerpresse lösen könnte - jedenfalls nicht, ohne einen totalen Vertrauensverlust in die Esperanto-Währung zu riskieren! EU-Parlamentspräsident Martin Schulz ahnt also wahrscheinlich nicht zu Unrecht: "Ich glaube, dass die EU tödlich bedroht ist."

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