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Eurokrise Portugals steiniger Weg

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Portugal braucht wettbewerbsfähige Unternehmen

Textilarbeiterin in Portugal Quelle: Reuters

Auch Kirchhoff Automotive hat wenig Grund zur Klage über die portugiesische Tochter Gametal. Seit die Iserlohner den Automobilzulieferer 1993 übernahmen, wuchs Gametal im Schnitt jährlich um 15 Prozent. „Im Vergleich zu allen anderen Ländern in Europa sind unsere Lohnkosten sehr wettbewerbsfähig“, sagt Paul van Rooij, Leiter von Gametal. „Nur im extremen Osten von Europa sind die Lohnkosten niedriger.“

Selbst im gehobenen Textilsektor, in dem in den Neunzigerjahren viele deutsche und portugiesische Unternehmen der Löhne wegen ausgewandert waren, kehren sie mittlerweile wieder zurück, sagt Christian Bothmann, Geschäftsführer des Strumpfherstellers Falke in Portugal. Der Mittelständler aus dem Sauerland ist seit mehr als 30 Jahren im Land. Nicht zuletzt die gestiegenen Produktionskosten in China haben die Kalkulation zugunsten von Portugal verändert. „Hier haben sie Qualität, Zuverlässigkeit, Flexibilität, eine große Textiltradition und Nähe zum Markt, was sie unter dem Strich billiger werden lässt“, weiß Bothmann.

Doch Portugal braucht noch viel mehr wettbewerbsfähige Unternehmen, um die Wirtschaft auf einen nachhaltigen Wachstumkurs zu bringen. Jahrzehntelang lebte das Land über seine Verhältnisse, leitete den Großteil seiner Finanzmittel und Arbeitskräfte in die Produktion nicht handelbarer Güter. Das manifestiert sich in den Kreditportfolios der Banken, wo Darlehen an den Staatssektor, an die Bau- oder Immobilienwirtschaft einen viel zu großen Anteil haben. Das zeigt auch die hohe Arbeitslosigkeit von rund 14 Prozent, die nicht zuletzt durch die Sanierung des öffentlichen Sektors weiter steigen wird und nur durch eine Re-Industrialisierung abgebaut werden kann.

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    „Die Verschuldung der öffentlichen Verwaltung sowie der öffentlichen Unternehmen betrug Ende 2011 knapp 236 Milliarden Euro, der private Sektor war im gleichen Zeitraum mit circa 480 Milliarden Euro verschuldet“, rechnet der in Portugal ansässige deutsche Unternehmensberater Stephan Stieb vor. Per Ende 2011 habe die Gesamtverschuldung Portugals somit erschreckende 418 Prozent des BIPs erreicht.

    Das auf drei Jahre angelegte Anpassungsprogramm, das Portugals Premierminister Pedro Passos Coelho im Gegenzug zum Rettungskredit umsetzen muss, sieht ab 2013 die Rückkehr zu Wirtschaftswachstum vor – getragen von Exporten und privaten Investitionen. Bis dahin soll die Regierung den aufgeblähten öffentlichen Sektor in großen Teilen umstrukturieren und teilweise privatisieren, die Banken sollen das Verhältnis von Krediten zu Einlagen stark verbessern – und viele andere Wachstumsbremsen sollen verschwinden. Doch ob das so schnell gehen kann – daran zweifeln portugiesische Ökonomen und Unternehmer. „Die Wachstumsvorhersage der Troika für 2013 wird nicht eintreten“, meint auch Ex-Finanzminister Eduardo Catroga.

    So klagen Industrieunternehmen ausnahmslos über einen Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften. Portugals Universitäten bringen zwar gute Ökonomen, Ingenieure oder IT-Spezialisten hervor. Doch „vor allem im mittleren, technischen Bereich hapert es an einer praktischen Berufsausbildung“, sagt Kirchhoff-Automotive-Manager van Rooij.

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