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Europa Italien auf dem Weg ins Desaster

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Verloren im Sumpf

Ob das durchkommt? Schließlich lauert hinter den Kulissen „la palude“, der Sumpf. In ihm versinkt man langsam, aber unerbittlich, während alle vor der Kulisse bella figura machen. La palude ist Symbol für eine selbstverliebte politische Kaste. Die besteht neben zwei sozialdemokratischen Parteien, die sich auf absurde Weise hassen, aus einem Dutzend weiterer Parteien, die auf einer Skala des politischen Wahnsinns zwar auf unterschiedlich ausgeprägten Positionen rangieren – allerdings alle jenseits des in Westeuropa Üblichen. Die stärkste davon ist die Fünf-Sterne-Bewegung des Exkomikers Beppe Grillo.

Schon bei anderen Projekten lernten Padoan und Gentiloni la palude kennen: Zunächst hatte die Regierung die Beschäftigung von Gelegenheitsarbeiten vereinfacht. Dagegen hatte die größte Gewerkschaft mit einer Million Unterschriften angekämpft. „Italien kann sich keine neue Spaltung leisten“, befand Gentiloni und gab nach. Dann durfte die Regierung die Spitzen der wichtigsten Staatsunternehmen besetzen. Dabei zählten aber nicht die Vorstellungen des Ministerpräsidenten oder gar Qualifikation, sondern die von Wahlkämpfer Renzi. Es folgte ein Festspiel der Vetternwirtschaft.

Gentiloni lässt immer wieder durchblicken, dass Italien reformiert werden müsse, doch von kraftvollen Regierungsentscheidungen ist er mit Rücksicht auf Renzis Wahlkampfinteressen weit entfernt. Das Einzige, was wirtschaftspolitisch zuletzt gelang, ist auch noch recht zweifelhaft: Mit einer Flat Tax von 100.000 Euro Steuern für Einkommensmillionäre aus dem Ausland will Italien eben jene anlocken. Steuerdumping beim Sorgenkind? So lässt sich Finanzpolitik auch zur Kulisse degradieren.

Industriellenchef Boccia mahnte am Wochenende: „Das Land braucht eine Schocktherapie: Es braucht ein Programm, das Unternehmen für junge Menschen, die sie einstellen, Steuern und Abgaben erlässt.“ Das würde allerdings auch sechs Milliarden Euro kosten. Fast so viel, wie die Krisenbank Monte dei Paschi vom Staat erhält.

Es gibt Hoffnung – wo der Staat nicht ist

Alessandro Petazzi hat schon als Berater gearbeitet. Er war in London, und auch in den USA hat er beruflich Zeit verbracht. Dann aber wollte Petazzi, Mitte 30, ein Unternehmen gründen. Und zog nach Mailand. „Die Bedingungen sind vielleicht manchmal schwierig“, sagt Petazzi, während er den Blick aus den Fenstern der Unternehmenszentrale auf das Mailänder Häusermeer wendet und sich an die letzte Diskussion mit einer Behörde erinnert. „Aber Mailand hat einen Vorteil: Viele junge Menschen aus aller Welt würden hier gern mal ein Jahr leben und arbeiten – und wenn man ihnen einen Arbeitsplatz in englischer Sprache bietet, kommen sie.“ Und so schreiben knapp 100 Leute aus 13 Ländern an der Erfolgsgeschichte von Musement – einem Onlineportal, das Touristen Programme für ihre Reisen verkauft und in 55 Ländern aktiv ist.

Petazzi und seine Mitgründer haben also etwas getan, was in Italien nahezu niemand macht: Sie hatten eine frische Idee und haben daraus ein Geschäftsmodell geformt. Dass sie nach wie vor existieren, dass sie gerade sogar eine Kapitalrunde erfolgreich bestritten haben, grenzt an ein Wunder – zeigt aber auch, dass hinter der Kulisse manch Unerwartetes erblüht. Zwar ist Italien laut einer Studie des Weltwirtschaftsforums so unattraktiv für Gründer wie kein anderes Industrieland. Zwar gründen nur vier Prozent der Italiener trotz einer Jugendarbeitslosigkeit von 38 Prozent. Zwar verhindern ein starrer Arbeitsmarkt und sieche Institutionen Dynamik – aber Petazzi ist das egal: „Unseren Sitz haben wir in Italien“, sagt er. „Aber das Geschäftsmodell ist global.“ So lange seine Mitarbeiter schnelles Internet haben, läuft der Rest. „Wir wachsen in Italien nicht wegen des Staats, sondern weil unser Geschäft nicht auf ihn angewiesen ist.“ Da wäre sie wieder, die italienische Kulissenwirtschaft: Man tut nur so, als ob man den Staat braucht. Dann fällt auch nicht auf, wenn er nicht da ist.

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