Europäische Zentralbank Die EZB und ihr fataler Glaube an das billige Geld

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat ihre Wachstums- und Inflationsprognosen deutlicher gesenkt als erwartet. Ebnet die Zentralbank damit den Weg für eine Ausweitung ihrer Anleihekäufe? Vieles deutet darauf hin.

EZB-Chef Draghi:

Zu seinem Geburtstag hätte sich Mario Draghi vermutlich ein paar erfreulichere Nachrichten gewünscht. Niedrige Inflationsraten und die Sorgen um die chinesische Volkswirtschaft sorgten dafür, dass von ausgelassener Stimmung zum Wiegenfest beim Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) keine Rede sein konnte.

Insbesondere die unsichere Lage in China veranlasste die Notenbanker auf ihrem ersten regulären Ratstreffen nach der Sommerpause dazu, die Wachstumsprognosen für die Euro-Zone nach unten zu korrigieren. Die EZB-Ökonomen erwarten nun ein Wachstum von 1,4 Prozent in diesem Jahr (Juni: 1,5 Prozent), 1,7 Prozent (1,8 Prozent) für 2016 und 1,8 Prozent 2017 (2,0 Prozent). Die Korrekturen gegenüber den vorhergehenden Prognosen begründete Draghi mit der „niedrigeren Nachfrage aus dem Ausland“, welche vor allem durch die wirtschaftliche Schwäche der Schwellenländer ausgelöst werde.

Draghis zweite Baustelle ist der niedrige Ölpreis. Dieser drückt die Inflationsraten so weit nach unten, dass die EZB trotz milliardenschwerem Anleihekaufprogramm meilenweit von ihrem Inflationsziel von rund zwei Prozent entfernt ist. Im August lag die Inflationsrate in der Euro-Zone bei 0,2 Prozent, obwohl saisonale Faktoren eher für einen leichten Anstieg gesprochen hätten. Verhindert haben das die niedrigen Ölpreise. Um Energiepreise bereinigt stagniert die Inflationsrate bei einem Prozent.

Entsprechend senkten die EZB-Volkswirte auch die Inflationsprognosen deutlich auf nun 0,1 Prozent in diesem Jahr (Juni: 0,3 Prozent), 1,1 Prozent für 2016 (1,5 Prozent) und 1,7 Prozent für 2017. Damit nicht genug: Draghi betonte, angesichts der letzten Entwicklungen am Ölmarkt seien auch die September-Prognosen mit Vorsicht zu bewerten, es bestehe das Risiko, dass die Vorhersagen erneut nach unten korrigiert werden müssten.

Während die Prognosen gesenkt wurden, beließen die Währungshüter den Leitzins wie erwartet konstant auf seinem Rekordtief von 0,05 Prozent. Auch der Strafzins für Geld, welches Banken kurzfristig über Nacht bei der EZB parken, blieb bei Minus 0,2 Prozent.

Fragen zum EZB-Anleihekaufprogramm

Das Problem: Zinsseitig hat Mario Draghi kaum noch Kapazität, auf ein Abkühlen der Konjunktur zu reagieren. Lediglich an seinem Anleihekaufprogramm – die EZB kauft seit einem halben Jahr monatlich Anleihen für 60 Milliarden Euro – könnte der Italiener schrauben. Für die Märkte wäre das ein fatales Signal, würde es doch belegen, dass die EZB noch nicht an eine nachhaltige Erholung der Wirtschaft in der Euro-Zone glaubt.

Zudem müsste so die Schlagkraft des Programms in Frage gestellt werden. Sind milliardenschwere Anleihekäufe nicht ausreichend, um einer zwar zahlungsunfähigen, aber kleinen Volkswirtschaft (Griechenland), einem niedrigen Ölpreis und einer verschnupften Weltkonjunktur Paroli zu bieten?

Eine Ausweitung des Programms würde die Euro-Zone noch tiefer in die Abhängigkeit vom billigen Geld schicken. Umso schwieriger wäre der Weg zurück.

Angesichts dessen ist es wohl als erfreulich zu bewerten, dass Mario Draghi bisher nur andeutet, dass Anleihekaufprogramm könne, wenn nötig, auch länger laufen, als bisher geplant. Ende September 2016 will die Notenbank ihre Anleihekäufe eigentlich einstellen.

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