Europäische Zentralbank EZB wird Zinszügel trotz Brexit nicht lockern

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird Experten zufolge ihr Pulver trotz höherer Konjunkturrisiken nach dem Brexit-Votum vorerst trocken halten. Ein Spiel um Zeit?

Die größten Netto-Zahler der EU
Touristen in Helsinki Quelle: dapd
Eine Windkraftanlage nahe Dänemark Quelle: dapd
Der Wiener Opernball Quelle: dpa
Da Atomium in Belgien Quelle: REUTERS
Eine Mitarbeiterin in der Schwedischen Botschaft in Minsk Quelle: REUTERS
Frau Antje Quelle: AP
Das Colosseum Quelle: REUTERS

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird Experten zufolge ihr Pulver trotz höherer Konjunkturrisiken nach dem Brexit-Votum vorerst trocken halten. Volkswirte gehen davon aus, dass die Währungshüter auf ihrer Ratssitzung am Donnerstag die Leitzinsen nicht antasten werden, die seit März auf dem Rekordtief von 0,0 Prozent liegen. Sie halten es aber für möglich, dass EZB-Chef Mario Draghi Stellschrauben für das umstrittene Anleihen-Kaufprogramm nachjustiert oder dies zumindest in Aussicht stellt. Denn nach der Entscheidung der Briten für einen EU-Austritt waren viele Investoren in als sicher geltende deutsche Staatsanleihen geflüchtet. In der Folge sanken die Renditen. Der EZB könnten damit bald Engpässe bei ihren Käufen drohen - und so eines ihrer wichtigsten Instrumente ins Stocken geraten.

"Das EZB-Treffen nächste Woche wird von der Brexit-Abstimmung dominiert werden", sagt Carsten Brzeski, Deutschland-Chefvolkswirt des Bankhauses ING. Die Sitzung komme aber zu früh, um das Ausmaß negativer wirtschaftlicher Folgen für die Euro-Zone schon abzuschätzen. "Wir glauben, dass die EZB schlichtweg versuchen wird, Zeit zu kaufen." Nach Einschätzung von Helaba-Volkswirt Ulf Krauss hat die EZB auch die Bank von England fest im Blick. Die Hauptbetroffenen eines Brexit müssten sich als erstes bewegen. "Alles andere würde nur Fragen bezüglich der Stabilität des Euro-Raums provozieren." Großbritanniens Notenbank hatte am Donnerstag ihre Zinszügel trotz drohender Rezession im Land still gehalten und eine Leitzinssenkung erst für August angedeutet.

Diese Anleihen rentieren unter Null
Top 15: Daimler AGDie EZB startete den Ankauf von Firmenbonds in der vergangenen Woche und sammelte an einem einzigen Tag Titel im Volumen von 348 Millionen Euro ein. Daneben kaufen die Währungshüter Staatsanleihen im Volumen von inzwischen 80 Milliarden Euro monatlich. Dies drückt unter anderem die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe erstmals unter die Marke von null Prozent. Bei kürzeren Laufzeiten gehören Negativzinsen bereits zum Alltag. Daimler verzinst seine bis zum 27. Juni 2018 ausgegebene Anleihe mit 2,125 Prozent. Die Rendite beträgt bei einem Gesamtvolumen der Anleihe von 935.617.500 Dollar minus 0,1049266 Prozent. Quelle: dpa
Top 14: Cooperatieve Rabobank UADas Gesamtvolumen europäischer Unternehmensanleihen mit dem Gütesiegel Investment Grade, die grundsätzlich von der Europäischen Zentralbank (EZB) aufgekauft werden können, liegt aktuell bei 2,8 Billionen Euro. Das entspricht in etwa der jährlichen Wirtschaftsleistung Frankreichs. Auf platz 14 kommt die Rabobank mit einer Anleihe von 4,75 Prozent Normalzins. Der Titel der Niederländer läuft bis zum 15. Juni 2018 und rentiert bei derzeit -0,0853134 Prozent. Das Volumen: 5.084.241.250 Dollar Quelle: REUTERS
Top 13: Commerzbank AGAuch die Anleihen des zweitgrößten Geldhauses der Bundesrepublik rentieren mit -0,1815399 Prozent negativ. Der Titel läuft bis zum 2. Juni 2019, hat einen Zinskupon von 4,375 Prozent und kommt damit auf ein Volumen von 2.101.800.000 Dollar. Quelle: REUTERS
Top 12: Caixa SADie Ausweitung der EZB-Anleihekäufe auf Schuldscheine europäischer Großkonzerne drückt deren Renditen immer tiefer. Inzwischen müssten Anleger bei 16 Prozent der Papiere dafür zahlen, den Firmen Geld leihen zu dürfen, teilte Tradeweb mit. Anfang Mai habe die Quote noch bei fünf Prozent gelegen. Anleihen der spanischen Bank CatalunyaCaixa kommen trotz eines Zinskupons von 4,25 Prozent auf eine Effektivverzinsung von -0,036232066 Prozent. Der Schein wird am 26. Januar 2017 fällig und hat ein Volumen von 2.507.600.000 Dollar. Quelle: REUTERS
Top 11: BNP Paribas SADer Französische Bankenriese verzinst seinen bis zum 27. Juni 2017 laufenden Bond mit 2,875 Prozent. Doch die Rendite ist auf -0,1012968 Prozent gefallen. Das Volumen: 1.559.362.500 Dollar. Quelle: REUTERS
Top 10: BMW Finance NVDer Langläufer der Bayern ist mit einem Normalzins von 3,25 Prozent ausgestattet und verfällt am 14. Januar 2019. Aktuelle Rendite: -0,0732932 Prozent. Der Ertrag beläuft sich auf 1.584.700.000 Dollar. Quelle: AP
Top 9: Berlin Hyp AGDie Deutsche Pfandbriefbank legte einen Bond auf mit einem Normalzins von 4,5 Prozent. Das Papier läuft bis zum 3. Mai 2019 und rentiert bei minus 0,1940956 Prozent. Der Ertrag beläuft sich auf 1.359.410.000 Dollar. Quelle: PR

Anna Grimaldi von der italienischen Großbank Intesa Sanpaolo glaubt, dass die EZB auf gestiegene Gefahren für das Wirtschaftswachstum und die Inflationsentwicklung im Euro-Raum hinweisen wird. Im Juni lag die Teuerung hier lediglich bei 0,1 Prozent. Die EZB strebt aber als Idealwert für die Wirtschaft knapp zwei Prozent Inflation an. Viele Fachleute gehen davon aus, dass die erwartete Konjunkturabkühlung in Großbritannien auch auf die Euro-Zone durchschlagen wird. Draghi hatte bereits von einem verringerten Wachstum um insgesamt bis zu einem halben Prozentpunkt in den kommenden drei Jahren gewarnt.

Stellenschrauben des Anleihen-Kaufprogramms im Blick

Im Kampf gegen ein schwaches Wirtschaftwachstum und die aus EZB-Sicht zu niedrige Inflation hält die Notenbank ihre Geldschleusen schon lange weit offen. Seit März 2015 pumpen die Euro-Wächter Woche für Woche über Anleihenkäufe Milliarden in das Bankensystem, um Institute zur stärkeren Vergabe von Krediten zu bewegen. Das inzwischen auf 1,74 Billionen Euro angelegte Programm umfasst seit kurzem auch Firmenanleihen und soll noch bis mindestens Ende März 2017 laufen.

Inzwischen fragen sich aber Volkswirte, ob die EZB ihre Wertpapierkäufe überhaupt im geplanten Umfang umsetzen kann. Denn zuletzt rentierten Bundesanleihen mit einer Laufzeit von bis zu sieben Jahren unter dem sogenannten Einlagensatz von minus 0,4 Prozent. Damit sind sie nach den EZB-Regeln im Rahmen des Programms nicht mehr kauffähig. Passende Anleihen drohen damit rar zu werden. "Als Reaktion hierauf wird die EZB vermutlich auch Anleihen kaufen, deren Renditen unter dem Einlagensatz liegen", schätzt Commerzbank-Volkswirt Michael Schubert. Geldhäuser müssen bereits seit 2014 Strafzinsen zahlen, wenn sie über Nacht bei der EZB Geld parken. BayernLB-Ökonom Johannes Mayr hält es für möglich, dass die EZB die Ankaufgrenze pro Emission nach oben setzt, die aktuell bei 33 Prozent liegt.

Für unwahrscheinlich halten Experten, dass die Währungshüter das Grundgerüst der Käufe über Bord werfen - die Orientierung am Kapitalschlüssel. Dies würde sonst bedeuten, dass mehr Anleihen jener Länder aufgekauft werden, als diese der Zentralbank Eigenkapital zur Verfügung stellen. Würden die Käufe etwa nach dem ausstehenden Marktvolumen organisiert, wären besonders hoch verschuldete Länder im Vorteil. "Damit würde sich die EZB dem Verdacht der monetären Staatsfinanzierung aussetzen", so Commerzbank-Volkswirt Schubert.

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