Europas Wirtschaft

Ratschläge der Notenbanken sind unangebracht

Die Chefvolkswirte der Bundesbank und der EZB haben sich für stärkere Lohnsteigerungen ausgesprochen. Als langjähriger Beobachter reibt man sich die Augen: Werden nun bewährte Grundsätze über Bord geworfen?

Bundesbank-Chef Jens Weidmann Quelle: REUTERS

Die vergleichsweise gute Konjunktur und der stabile Arbeitsmarkt in Deutschland erlaubten es, dass die Phase der Lohnzurückhaltung hierzulande für beendet erklärt wird und die Arbeitseinkommen stärker steigen als in den anderen EU-Ländern. Bundesbank und Europäische Zentralbank (EZB) stellen sich damit hinter eine Forderung des Internationalen Währungsfonds (IWF), dessen Chefin Christine Lagarde schon seit Längerem mit Ratschlägen zu einer expansiveren Lohnpolitik in Deutschland auffällt.

Dass die Bundesbank dieser Forderung des IWF folgen würde, hat mich dann doch überrascht. Sie ist in der Vergangenheit oft als Warner aufgetreten, nicht mit überzogenen Tarifsteigerungen die Preisstabilität zu gefährden und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu belasten. Die Argumentation war dabei stets eher angebotsorientiert: Zurückhaltung bei den Arbeitskosten entlastet die Unternehmen, fördert die Wettbewerbsfähigkeit und unterstützt so die Beschäftigungsentwicklung und damit letztlich auch das Wachstum und den Wohlstand in Deutschland.

Stefan Bielmeier Quelle: Presse

Man darf wohl vermuten, dass die schwache Wirtschaftsentwicklung und die sehr niedrige Inflation im Euro-Raum einen enormen Druck auf die EZB und damit auch die Bundesbank ausüben. Wenn die Anfang Juni vom EZB-Rat verkündeten Maßnahmen zur Stützung der Kreditvergabe der (süd-)europäischen Banken keinen Erfolg haben sollten, die Wirtschaft schwach bleibt und die Inflationsrate möglicherweise sogar noch weiter zurückgeht, dann bleibt der EZB wohl nur noch ein breit angelegtes „Quantitative Easing“, also der großvolumige Ankauf von Staatsanleihen.

2014 – ein heikles Jahr für die EZB

Diese Maßnahme ist aber hoch umstritten. Insbesondere die Bundesbank hat hier größte Bedenken. Vor diesem Hintergrund sind höhere Lohnsteigerungen in den Augen der Bundesbank das „kleinere Übel“. Sie sorgen in Deutschland für Preissteigerungen und zugleich für Entlastung an der „Deflationsfront“. Höhere Lohnsteigerungen helfen also, etwas Druck aus dem Kessel entweichen lassen.

Höhere Löhne würden Notenbankpolitik erleichtern

Dass die EZB die Bundesbank in dieser Angelegenheit unterstützt, ist dagegen keine Überraschung. Ein stärkerer Lohnanstieg in Deutschland würde den hohen Wettbewerbsvorteil Deutschlands im Euroraum mit der Zeit dämpfen und damit die Notenbankpolitik etwas einfacher machen. Die Notenbankpolitik wird durch die Einebnung der Wettbewerbsunterschiede einfacher, da sich dann die Wachstumsaussichten der Euro-Länder angleichen und damit die Anforderungen bezüglich der Zinshöhe an die EZB sich ebenfalls angleichen. Aktuell wäre für Deutschland ein Notenbankzinsniveau von etwa drei Prozent angemessen, während in den südlichen Euroländern das aktuelle Zinsniveau von 0,15 Prozent eher noch zu hoch ist.

Weiterhin geht man davon aus, dass ein stärkeres Lohnwachstum in Deutschland die Binnennachfrage stärkt, da dann die verfügbaren Einkommen zulegen sollten. Eine stärke Binnennachfrage in Deutschland wiederum soll zu einer verstärkten Importnachfrage führen. Davon würden alle Euroländer profitieren.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%