Ex-Präsidentenberater Alain Minc "Frankreich wird noch Jahre dahindümpeln"

Alain Minc, bekannter französischer Ökonom und Ex-Sarkozy-Berater, ruft Frankreich auf, von Deutschland zu lernen. Berlin mache vieles richtig, Paris fast alles falsch. Erst 2017 dürfte sich das Blatt wenden.

François Hollande bekommt die Wirtschaft nicht in den Gang. Die Perspektiven sind mau. Quelle: dpa

Herr Minc, Sie loben in Ihrem neuen Buch die Bundesrepublik als Vorbild und haben die Formel „Vive la France“ in „Es lebe Deutschland“ geändert. Wie kam das bei den stolzen Franzosen an?

Alain Minc: Das Buch ist inzwischen mein 35. Werk. Ich habe eine Reihe von treuen Lesern, die waren wenig überrascht. Sie kannten meine Position bereits, sie ist nicht wirklich neu. Aber in der breiten Öffentlichkeit gab es durchaus Verwunderung, dass ich, ein französischer Jude, dessen vier Großeltern im Holocaust umgekommen sind, mich so stark mit Deutschland beschäftigt und die Vorzüge des Landes gelobt habe. Für mich ist das aber kein Widerspruch.

Zur Person

Sie bezeichnen Deutschland als das demokratischste Land Europas. Wie kommen Sie darauf?

Für mich besteht eine Demokratie nicht nur aus der Tatsache, dass wir demokratische Wahlen haben. Das ist zum Glück in der gesamten Europäischen Union der Fall. Schauen Sie sich Frankreich an: Wir wählen alle fünf Jahren einen Präsidenten. Dazwischen passiert nichts. Der Gewählte kann mehr oder weniger tun und lassen, was er will und das Volk ist zum Zuschauen verdammt. Man könnte die Präsidentschaftswahlen auch umbenennen in Königskrönung. Deutschland hingegen hat ein ausgeklügeltes System des „Checks and Balances“, also der gegenseitige Kontrolle von Verfassungsorganen. Gesetze müssen fast immer vom Bundestag und vom Bundesrat abgesegnet werden.

Frankreichs Präsident - das mächtigste Staatsoberhaupt

Das mag in Frankreich anders sein, aber etwa auch in Großbritannien gibt es ein sehr ausdifferenziertes politisches System.

Da haben Sie Recht. Aber Sie vergessen zwei Punkte. Ich rede nicht nur von der Gesetzgebung. Schauen Sie auf den Arbeitsalltag, wo Betriebsräte und Arbeitsgeber gemeinsam über die Arbeitsbedingungen diskutieren. Oder nehmen Sie die als zweites Beispiel die Lohnfindung: Nicht die Politik bestimmt die Höhe des Gehalts, sondern die Tarifpartner. Das wäre in Frankreich undenkbar.

Der Ex-Berater von Nicolas Sarkozy, Alain Minc, blickt skeptisch in die Zukunft. Quelle: Presse

Warum geraten in Ihrer Heimat die Gewerkschaften und die Arbeitgeber immer wieder aneinander? Werksbesetzungen oder Barrikaden scheinen inzwischen fast Alltag zu sein.

Anders als Deutschland ist in Frankreich der Wille zum Kompromiss nicht wirklich ausgeprägt. Es gibt keine große Empathie für den Gegenüber. Die Arbeitnehmer denken, Sie würden ausgebeutet. Die Arbeitgeber glauben, ihre Mitarbeiter seien faul. Das ist jetzt stark verallgemeinert, trifft aber oft den Kern. Von daher halte ich es auch für undenkbar, dass in Frankreich die beiden Seiten die Löhne verhandeln. Gleichzeitig möchte ich aber Ihrem Eindruck widersprechen, in Frankreich seien Streiks an der Tagesordnung. Das ist ein verzerrtes Bild der Öffentlichkeit. 

Die Nachrichtenagenturen beliefern uns regelmäßig mit Bildern und Videos von brennenden Reifen vor französischen Fabriken.  

Ich sage ja auch nicht, dass das nicht vorkommt. Ich kenne die Bilder auch aus unseren Nachrichten. Noch einmal: Es gibt Demonstrationen und Streiks. Und wenn, dann sind die sicherlich auch weniger zimperlich, als in Deutschland. Das hat Methode, denn das schafft schließlich auch Aufmerksamkeit. Generell aber gilt: Die Gewerkschaften in Frankreich sind traditionell schwach. Sie haben so gut wie keinen politischen Einfluss. Das liegt auch daran, dass die Zahl der Menschen, die Mitglieder in einer Gewerkschaft sind, äußerst gering ist. Nur sieben Prozent der Franzosen sind gewerkschaftlich organisiert. Das ist der geringste Wert von allen OECD-Ländern. Selbst in der Türkei sind mehr Menschen bei der Gewerkschaft. In Deutschland ist fast jeder fünfte Bürger Mitglied einer Gewerkschaft, in Luxemburg fast jeder vierte Bürger.

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