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Ex-Premier John Major "Britischer EU-Austritt würde Deutschland schaden"

Der frühere britische Regierungschef John Major warnt vor der Gefahr eines EU-Austritts seines Landes – und hält ein Plädoyer für ein Europa der Nationalstaaten, wie es sich viele Briten wünschen.

John Major warnt vor der Gefahr eines EU-Austritts Großbritanniens Quelle: AP

Nie hatte es der Konservative John Major leicht mit der Idee des vereinten Europa. Nicht zuhause in Großbritannien, wo er als Nachfolger der „eisernen Lady“ Margaret Thatcher als Premierminister (1990 bis 1997) mit tiefen euroskeptischen Strömungen zu kämpfen hatte. Aber auch nicht in der Ferne, wo man den Briten selbst gern als Anti-Europäer abstempelte.

Gut, dass der Londoner nun als Polit-Rentner Klartext sprechen kann, wie er es fern der Heimat auf der Bühne der Konrad Adenauer-Stiftung in Berlin ankündigt. Und so präsentiert er sich als Europäer überzeugter als er es auf der Insel je sein durfte.

Er hege „keinen Funken Zweifel, dass das Vereinigte Königreich viel besser innerhalb der EU aufgehoben ist“, und zwar als ein „aktives Mitglied“. Major verspricht, hart für dieses Ziel zu arbeiten.

Was die Briten an der EU stört
Mittelstand könnte beim Brexit-Referendum am 23. Juni den Ausschlag geben Quelle: dpa/Montage
Nationale IdentitätAls ehemalige Weltmacht ist Großbritanniens Politik noch immer auf Führung ausgelegt. London ist gewohnt, die Linie vorzugeben, statt sich mühsam auf die Suche nach Kompromissen zu begeben. „London denkt viel mehr global als europäisch“, sagt Katinka Barysch, Chefökonomin beim Centre for European Reform in London. Die Angst, von EU-Partnern aus dem Süden Europas noch tiefer in die ohnehin schon tiefe Krise gezogen zu werden, schürt zusätzliche Aversionen. Quelle: dpa
Finanztransaktionssteuer und Co.Die Londoner City ist trotz massiven Schrumpfkurses noch immer die Lebensader der britischen Wirtschaft. Großbritannien fühlt sich von Regulierungen, die in Brüssel ersonnen wurden, aber die City treffen, regelrecht bedroht. „Regulierungen etwa für Hedgefonds oder die Finanztransaktionssteuer treffen London viel mehr als jeden anderen in Europa“, sagt Barysch. Allerdings hatte die Londoner City in der Finanzkrise auch mehr Schaden angerichtet als andere Finanzplätze. Quelle: dpa
Regulierungen des ArbeitsmarktsGroßbritannien ist eines der am meisten deregulierten Länder Europas. Strenge Auflagen aus Brüssel, etwa bei Arbeitszeitvorgaben, stoßen auf wenig Verständnis auf der Insel. „Lasst uns so hart arbeiten wie wir wollen“, heißt es aus konservativen Kreisen. Quelle: dapd
EU-BürokratieDie Euroskeptiker unter den Briten halten die Bürokratie in Brüssel für ein wesentliches Wachstumshemmnis. Anti-Europäer in London glauben, dass Großbritannien bilaterale Handelsabkommen mit aufstrebenden Handelspartnern in aller Welt viel schneller aushandeln könne als der Block der 27. Die Euroskeptiker fordern auch, dass der Sitz des Europaparlaments in Straßburg (hier im Bild) abgeschafft wird und die Abgeordneten nur noch in Brüssel tagen. Quelle: dpa
MedienDie britische Presse ist fast durchgehend europafeindlich und prägt das Bild der EU auf der Insel. Das hat auch politische Wirkung. „Ich muss meinen Kollegen in Brüssel dauernd sagen, sie sollen nicht den 'Daily Express' lesen“, zitiert die „Financial Times“ einen britischen Minister. Quelle: dpa

Beginnen kann er damit bei seinem Nach-Nach-Nachfolger David Cameron, einem Parteifreund. Der will den Zuzug von EU-Ausländern begrenzen und droht mit einem EU-Austritt im Jahr 2017. Die Frustration der Briten über Europa, warnt Major hingegen, sei „kein Spiel, sondern ein reales Risiko“. Es könne sowohl Großbritannien selbst als auch der Europäischen Union Schaden zufügen.

„Einmal getrennt von Europa, werden wir eine leisere Stimme in der Welt haben“, so der Politiker, der sich freilich auch vor einer sinkenden Attraktivität seines Landes gegenüber Investoren fürchtet. Aber auch die EU könne nur verlieren – nämlich ihren zweitgrößten Markt mit der mitunter größten Kaufkraft, einen vom Freihandel überzeugten Partner. Dann richtet sich Major an die „deutschen Freunde“: „Sie würden die einzige europäische Nation verlieren, deren ökonomische Instinkte mit den ihren zusammenpassen.“

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Was also tun? Von der Anti-Europa-Rhetorik des jungen David Cameron distanziert sich der „elder Statesman“. Er muss ja auch keine Wahlen mehr gewinnen.

Bei der Forderung nach einer EU-Reform haut er hingegen in dieselbe Kerbe wie dieser: „Ich möchte eine Reform der Europäischen Union sehen, die sie mehr kompatibel mit den Nationalstaaten macht“, so Major. Und die EU müsse sich ihren ökonomischen Problemen stellen, wie der brutalen Arbeitslosigkeit, der Ungleichheit und dem niedrigen Wachstum.

Major meint: „Wir müssen die Entfremdung von Europa konfrontieren und bezwingen.“ Andernfalls könne er nicht garantieren, dass die Briten nicht doch für den Austritt aus der EU stimmen. Im Moment sehe er die Zustimmung dafür allerdings bei "knapp unter 50 Prozent".

Aus britischer Sicht heißt das: Die EU muss zu einem Europa der Nationalstaaten zurückgestutzt werden, zu einem Klub gemeinsamer Wirtschaftsinteressen – wobei Major für eine gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik klar eintritt. Aber: „Ich will nicht, dass Großbritannien seine nationale Identität verliert“, so der Konservative, der die Einwanderungspolitik seines Parteifreunds Cameron im Prinzip verteidigt.

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