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Ex-Sparkommissar Carlo Cottarelli Dieser Mann sollte Italiens Schulden abtragen – hier erklärt er sein Scheitern

Sonderkommissar Carlo Cottarelli (im Hintergrund), von Renzis Vorgänger Enrico Letta eingesetzt, sollte Italiens Regierung zur Sanierung des Haushalts beraten. Nach acht Monaten mit Matteo Renzi war Schluss. Cottarelli wird auf einen Posten beim IWF abgeschoben. Quelle: imago images

Carlo Cottarelli sollte für Italiens gerade abgewählte Regierung das Haushaltsproblem in den Griff kriegen. Dann stellte er seine eigene Machtlosigkeit fest. Nun sagt er: Italien nach der Wahl ist mein Alptraumszenario.

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Und dann will diese verdammte Jalousie nicht. Zumindest nicht so wie Carlo Cottarelli will. Der hagere Mann mit dem wettergegerbten Gesicht und den grauen Haaren drückt einen Knopf. Die Jalousie fährt komplett hoch. Er drückt den Knopf wieder. Die Jalousie fährt komplett runter. Nun ist es nahezu dunkel in Cottarellis Büro im Rektorat der Katholischen Universität zu Mailand. Cottarelli flucht. Er drückt den Knopf wieder. Das Teil rattert wieder hoch. Schließlich öffnet er das Fenster, schiebt den Arm durch den Schlitz, zieht mit der Hand die Jalousie auf die gewünschte Höhe, schließt das Fenster und setzt sich hinter seinen Schreibtisch.

Der Mann ist nun 63, und er mag mit dem ein oder anderen technischen Problem zu kämpfen haben. Aber wie man Dinge löst, die sich einer nachvollziehbaren Steuerung widersetzen, darin hat der Ökonom nun sehr viel Erfahrung. Denn Cottarelli hat sich in den vergangenen vier Jahren zeitweilig einer Aufgabe gewidmet, an der man nur scheitern konnte. Und an der er auch gescheitert ist. Einerseits.

Andererseits hat er so Erfahrungen gesammelt, die den Mann wertvoll bei dem machen, was in den nächsten Wochen und Monaten noch auf die Euro-Währungsunion zukommen wird. Denn Cottarelli war von der gerade abgewählten sozialdemokratischen Regierung Italiens eingesetzt, als oberster Spar- oder Schuldenkommissar des Landes irgendwie Licht in den italienischen Haushalt zu bringen.

Diese Aufgabe ist kaum hoch genug einzuschätzen. Italien ist mit mehr als 2,2 Billionen Euro oder 133 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts verschuldet. Nur die USA und Japan tragen eine noch höhere Staatsschuld mit sich herum. Anders als Italien aber stehen diese Länder nicht ständig in Verdacht, ihre Schuldenlast nicht mehr tragen zu können. Weswegen Italien wiederum ein beständiges Risiko für die Euro-Zone darstellt, sich nach Griechenland die nächste veritable Staatsschuldenkrise aufzuhalsen. Nun mögen sie in Rom den Vergleich mit Athen überhaupt nicht, weswegen sich die letzte sozialdemokratische Regierung einige Zeit Cottarelli leistete. Als unabhängiger und damit vermeintlich vom römischen Interessensgeflecht unbehelligter, Sparkommissar sollte er Struktur in den italienischen Haushalt bringen. Sparideen entwickeln. Ein Bewusstsein für mehr Haushaltsdisziplin schaffen.

Nun sitzt er in seinem Büro mit der widerspenstigen Jalousie und sagt: „Es ist ein bisschen besser geworden. Aber nicht gut.“ Und wer mit ihm spricht, warum es nicht gut wurde, der lernt viel über eine der größten ökonomische Achillesfersen Europas in diesen Zeiten.

Bürokraten und Besitzstandswahrer

Als Cottarelli im November 2013 zum Sonderkommissar der Regierung berufen wird, glaubt er, alles gesehen zu haben. Zumindest alles, was so ein Leben in einer Regierung anstrengend macht. Der Ökonom war auf verschiedenen Posten im italienischen Finanzministerium, arbeitete für den Internationalen Währungsfonds, beobachtete Europas Regierungen zudem immer wieder als Wissenschaftler. Dennoch startet er sein Amt frohen Mutes.

Schließlich hat Italien 2012 eine Verfassungsänderung verabschiedet, die perspektivisch einen ausgeglichenen Haushalt zum Staatsziel erklärt. Gerade war das Land, vom vorbestraften Medienunternehmer Silvio Berlusconi bis an den Rand des Bankrotts getrieben, noch einmal aus dem Visier der Finanzmärkte entkommen. Es wirkte, als habe dies als heilsamer Schock die Italiener zur Vernunft gerufen. Und die Regierung verschrieb sich auch noch einem Primär-Überschuss des Haushalts von vier Prozent. Dass man nach einem Jahr bei 2,3 war. Ach. Ein bisschen besser, aber nicht gut?

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