Expansive Geldpolitik EZB sieht keine Enteignung der Sparer

Eine Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) versucht zu erklären, warum die Geldpolitik den Sparer nicht enteignet. Eine Erklärung liefern die Ökonomen zwar, das grundlegende Dilemma kann die Studie aber nicht lösen.

Die EZB rechtfertigt ihre Geldpolitik. Quelle: dpa

Die Sparer und Mario Draghi werden wohl keine Freunde mehr. Trotzdem will die Europäische Zentralbank (EZB) nun mithilfe einer Studie die Gemüter beruhigen. EZB-Generaldirektor Ulrich Bindseil erklärt mit seinen Co-Autoren Clemens Domnick und Jörg Zeuner von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), warum von einer Enteignung der Sparer durch die EZB keine Rede sein kann.

Langfristig hänge der reale Zins, also der Zins abzüglich der Inflationsrate, vom Wachstum ab, so die Autoren der Studie. Geldpolitik könne diesen Zins nicht nachhaltig manipulieren. "Das geht vielleicht zeitweise, etwa für ein oder zwei Jahre", schreiben die Autoren. Das sei aber nicht der Zeithorizont, der für den Sparer relevant sei. Diese hätten normalerweise einen Anlagehorizont von rund 20 Jahren.

Die Ökonomen versuchen sich am Gegenbeweis: Würde die EZB langfristig versuchen, den Zins künstlich zu steigern, würde das dem Sparer mehr schaden als nützen. Zwar würden die höheren Zinsen die Erträge der Sparer steigern, gleichzeitig würde die Zentralbank aber das Wachstum abbremsen, so die Studienautoren.

Fragen zum EZB-Anleihekaufprogramm

Zudem würde die Notenbank gegen ihr Mandat der Preisstabilität verstoßen, deren Ziel eine Teuerungsrate von knapp unter zwei Prozent ist. "Eine Deflationsspirale ist sehr teuer für eine Volkswirtschaft", heißt es in der Studie. Auch diese Kosten würden am Ende die Sparer belasten.

Als Anlass für die Studie nimmt die EZB die anhaltende Kritik an der Niedrigzinspolitik der Notenbank. Vor allem von deutschen Medien und einigen Ökonomen seien die Aktionen der Zentralbank als unnötig und nicht effektiv kritisiert worden, so die Verfasser der Studie.

Ist das alles nötig?

Zuletzt war die EZB vor allem für ihr milliardenschweres Anleihekaufprogramm kritisiert worden. Insbesondere in Deutschland waren die Zweifel groß, viele hielten das Programm für unnötig. Während die EZB rechtfertigte, die Gefahr einer Deflation in der Euro-Zone sei angesichts der niedrigen oder negativen Teuerungsraten zu groß, hielten Kritiker die Angst für überzogen. Denn die Inflation ist vor allem aufgrund der niedrigen Ölpreise schwach.

Wird dieser Effekt abgezogen, ist die Gefahr sinkender Preise deutlich geringer. Aus Sicht der Kritiker überwiegen daher die Risiken einer solchen Politik, wie die Gefahr stark steigender Preise. Zudem wird der EZB vorgeworfen, sie wolle mit ihrer Politik lediglich den Peripheriestaaten helfen - diese können sich dank der Anleihekäufe leichter finanzieren, der Reformdruck ist deutlich gesunken.

Gut möglich, dass die EZB-Forscher mit ihrer Einschätzung richtig liegen, dass Sparer zumindest langfristig, also über einen Horizont von etwa 20 Jahren, von der expansiven Geldpolitik profitieren werden. Auf die Seite der EZB schlagen werden die Sparer sich wohl dennoch nicht. Zudem schafft es auch die Studie nicht, mit dem grundsätzlichen Problem der Konstruktion aufzuräumen.

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Es ist schließlich kein Zufall, dass der Widerstand gegen die Politik der EZB besonders in Deutschland groß ist. Die Zinsraten der Zentralbank sind gerade für die Bundesrepublik zu niedrig, gemessen am Wachstum hätten sie höher ausfallen müssen. Für einige Krisenstaaten waren die niedrigen Raten dagegen immer noch zu hoch. Dieses Dilemma der heterogenen Euro-Zone wird allerdings auch keine Studie der EZB lösen können.

Trotzdem versuchen sich die Ökonomen auch für Deutschland an Wachstumshilfen. "Ohne Reformen bleibt das Wachstum niedrig", heißt es in der Studie. Wichtig sind aus der Sicht der Ökonomen eine bessere Ausbildung, insbesondere bei der frühkindlichen Bildung gebe es noch Verbesserungsmöglichkeiten. Zudem könnte ein noch größerer Teil der Bevölkerung in den Arbeitsmarkt integriert werden, auch das böte Potenzial für weiteres Wachstum in Deutschland.

Vor allem müsse das Investitionsklima in Deutschland weiter verbessert werden: "Eine Szenario-Analyse zeigt, dass das potenzielle Wachstum in Deutschland um 0,6 Prozentpunkte höher sein könnte, wenn die Bundesrepublik zu ihrem ursprünglichen Pfad mit mehr Investitionen zurückkehrt", schreiben die Ökonomen.

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