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Expo Mailand Der Kuschel-Kapitalismus von Solomeo

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Ein Land, auf Kuschelkurs mit sich selbst

„Wenn wir uns alle“, sagt Cucinelli, „dem Markt unterordnen, läuft etwas schief. Am Ende geht es nur noch um Kosten – und wir alle verlieren.“ Deswegen lässt er Dinge fertigen, deren Anschaffung sich der Kunde sorgsam überlegt und die er nicht einfach wegkonsumiert. Was bei 500 Euro für einen Pullover auch kaum anders geht. Und große Teile dieser 500 Euro fließen wieder in den Kreislauf zurück: Cucinelli, obwohl seit 2012 börsennotiert, nutzt sie, um sich eine Produktion zu leisten wie kaum noch jemand: Fast alles produzieren seine Leute in Handarbeit in Umbrien.

Valter Conca, Professor an der Mailänder Wirtschaftshochschule SDA Bocconi, hält Italiens Mittelstand in Sachen Mode und Ernährung für eine der attraktivsten Branchen der Welt. Nicht trotz, sondern wegen seiner akribischen Umständlichkeit. Gut die Hälfte aller Deals von Finanzinvestoren etwa geht derzeit in Italien in den Lebensmittel- und Mode-Mittelstand. Conca hat sich die Wirtschaft in der Gegend um Monza angeschaut. Ein Epizentrum des handwerklichen Mittelstands. „Seit China die Massenproduktion unschlagbar günstig anbietet, haben sich diese Firmen auf Premiumhandwerk konzentriert.“ Um neun Prozent sind laut Conca die 500 besten Unternehmen dieser Region im vergangenen Jahr gewachsen.

Die Geschichte der Expo

Anderswo im Land ist es ähnlich: Da ist die Food-Kette Eataly, die Chicago, Dubai oder Istanbul mit Pasta, Lardo und Olivenöl versorgt und damit 400 Millionen Euro im Jahr umsetzt, oder die Eiskette Grom, deren Bio-Gelato es bis nach New York geschafft hat.

Ministerpräsident Matteo Renzi ließ verlauten, die Nahrungs-Expo könnten einen Zehn-Milliarden-Euro-Schub fürs Agrargewerbe auslösen. Schon heute steuert die Lebensmittelverarbeitung mit 270 Milliarden Euro fast ein Fünftel zum Bruttoinlandsprodukt bei. Während die Industrieproduktion seit Ausbruch der Krise um etwa 25 Prozent sank, wuchs das Lebensmittelhandwerk um fast 20 Prozent. In Italien gefertigte Mode steuert ein weiteres knappes Viertel zur Wirtschaftsleistung bei.

Kuschelkapitalismus

„Schauen Sie“, Cucinelli hat einen der Räume seiner Handwerksakademie betreten. Sechs Studenten sitzen unter Backstein und dicken Balken an Nähtischen, schneiden Stoffe, stecken Bahnen für Sakkos ab. „Das ist ehrliche Arbeit. Wir als Italiener brauchen die, auch als Sinnbild für die Situation in unserem Land: als Ausdruck einer neuen Ehrlichkeit im Land.“ Und dann setzt er an, erzählt wie Papst Franziskus und Ministerpräsident Matteo Renzi, die beiden neuen starken Männer in Rom, sich dranmachten, die Hinterlassenschaften der Ära Berlusconi beiseitezuschaffen.

Europa



Die beiden haben in der Tat einen Wandel in der Öffentlichkeit eingeleitet: Sie haben gezeigt, wie leicht sich alte Eliten ablösen lassen. Und die neuen kommen eben mit neuen Ideen. Für den Wirtschaftsstaat nordeuropäischer Prägung mag das seltsam erscheinen, für viele Italiener ist es folgerichtig. Eataly-Gründer Oscar Farinetti sagt: „Die Italiener müssen endlich wieder eine Geschichte von sich erzählen. Dann werden wir auch wieder eine große Volkswirtschaft.“ Ein Land, auf Kuschelkurs mit sich selbst.

So könnte diese Geschichte nach 190 Zeilen enden. Doch es gibt auch andere Nachrichten dieser Tage: Der Expo-Pavillon des Gastgeberlandes war bis kurz vor Start nicht wirklich fertig, die Expo ist von der Mafia unterwandert, der Transportminister musste wegen Korruption zurücktreten. Aber das gehört zu einer ganz anderen Geschichte.

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