WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

EZB-Anleihekäufe Mario Draghi lässt die Renditen purzeln

Seite 2/2

Anleihekaufprogramm belohnt höhere Staatsverschuldung

Auch die Versicherungen und die Pensionskassen, die zweite große Gruppe von Anleiheinvestoren, dürften kein allzu großes Interesse daran haben, sich von ihren Beständen zu trennen. Ebenso wie die Banken müssen sie für Staatsanleihen kein wertvolles Eigenkapital vorhalten. Zudem sind sie gesetzlich gezwungen, einen erheblichen Teil ihrer Beitragseinnahmen in Papiere staatlicher Emittenten zu stecken.

Darüber hinaus benötigen sie die zum Teil noch hohen Zinserträge aus den Anleihen, um die Auszahlungsversprechen zu erfüllen, die sie ihren Kunden gegeben haben. Zwar könnten die Versicherungen bei einem Verkauf an die Notenbank Kursgewinne erzielen. Die aber müssten sie versteuern und hätten Probleme, den Erlös wieder rentabel anzulegen.

Theoretisch könnten ausländische Zentralbanken einspringen und ihre Anleihebestände an die Kollegen in Frankfurt verkaufen. So sitzt die Schweizer Notenbank (SNB) auf einem milliardenschweren Portfolio an Bundesanleihen und ist damit der größte Gläubiger Deutschlands. Doch bei einem Verkauf der Anleihen an die EZB müsste sie den Erlös erneut im Euro-Raum anlegen, um eine unerwünschte Aufwertung des Franken zu vermeiden. Infrage kämen dafür nur risikoreichere und für die Zentralbank unattraktive Anlagen wie Unternehmensanleihen. Dazu kommt, dass die meisten Zentralbanken ihre Reserven über verschiedene Währungsräume diversifizieren. Ein Abbau ihrer Euro-Anlagen dürfte für sie daher kaum in Betracht kommen.

Negative Renditen bei Staatsanleihen

Bleiben als potente Verkäufer von Euro-Staatsanleihen nur ausländische Banken, Vermögensverwalter und Hedgefonds. Johannes Mayr, EZB-Experte der BayernLB, glaubt, diese Investoren wären wohl am ehesten bereit, sich von ihren Euro-Staatsanleihen zu trennen. „Investoren aus dem Ausland unterliegen häufig weniger strengen regulatorischen Vorgaben und können die Verkaufserlöse flexibel in vergleichsweise rentable Anlageformen in mehreren Währungsräumen umschichten“, sagt Mayr.

"Alles eine Frage des Preises"

Allerdings dürften diese Investoren erst bei höheren Kursen verkaufen. Derzeit horten sie ihre Papiere in Erwartung steigender Nachfrage durch die EZB. „Es gibt keine Verkäufer mehr“, ist aus dem Markt zu hören. BayernLB-Ökonom Mayr glaubt dennoch, dass die EZB am Ende ihr Ziel erreichen wird, Anleihen im Wert von mindestens 1,14 Billionen Euro zu kaufen. „Es ist alles eine Frage des Preises“, sagt Mayr, „steigt der, verkaufen die Anleger.“

Genau damit aber beginnen die Probleme. Gehen die Kurse der Staatsanleihen durch die Decke und rutschen die Renditen in den Keller, hat dies fatale volkswirtschaftliche Folgen.

Bestände an Euro-Staatsanleihen

Normalerweise wirkt der Zins als Sanktionsmechanismus des Marktes, wenn Regierungen zu viele Schulden machen und eine wachstumsfeindliche Wirtschaftspolitik betreiben. Steigende Zinsen für neue Kredite zwingen sie dann zur Korrektur. Drücken aber die Notenbanken die Zinsen mit Anleihekäufen künstlich nach unten, setzen sie diesen Mechanismus außer Kraft. Negative Zinsen belohnen die Finanzminister sogar für das Schuldenmachen, weil sie bei der Ausgabe der Anleihen mehr Geld einnehmen, als sie später zurückzahlen müssen. So bieten zurzeit 53 Prozent aller französischen Staatsanleihen negative Renditen, sprich: Der Staat verdient an seinen Schulden. Kein Wunder, dass sich die Regierung in Paris derzeit über alle Sparappelle hinwegsetzt und das Defizit aus dem Ruder laufen lässt.

Fehlinvestitionen auf dem Vormarsch

Die künstlich nach unten gedrückten Zinsen lassen zudem Investitionen als rentabel erscheinen, die es unter normalen Umständen gar nicht sind. Die Folge ist ein mit Fehlinvestitionen gespickter Boom.

Besonders gefährdet ist Deutschland, für dessen starke Wirtschaft die Zinsen schon seit Langem viel zu niedrig sind. Diese haben nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) einen Kaufrausch ausgelöst, wie zuletzt zu Zeiten der New-Economy-Blase 2001. Die gute Stimmung trägt auch zu einem starken Anstieg der Löhne bei. Allzu leicht könnten sich die Investitionen dann als unrentabel erweisen – und der Boom mündet in den Bust.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Verschärft wird dies durch die Entwicklung an den Finanzmärkten. Schon jetzt müssen Anleihekäufer längere Laufzeiten in Kauf nehmen, um noch Zinsen zu bekommen, warnen Bernd Feldhaus und Gerhard Rosenbauer, Portfoliomanager des Frankfurter Anleiheinvestors inprimo invest. „Im nächsten Schritt werden sie in risikoreichere Anlagen gedrängt, was auch deren Renditen stark nach unten verzerrt. Die Gefahr für Blasen steigt massiv“, warnen sie.

Das größte Problem aber dürfte sein, dass mit dem Zins auch die Sparbereitschaft verschwindet. Zuletzt hat sie nach Angaben der GfK ein historisches Tief erreicht. Mangelt es an Sparbereitschaft, fehlt die Basis für nachhaltige Investitionen. Der Kapitalstock erodiert – und mit ihm die Grundlage für Wachstum und Wohlstand. So droht die Politik der quantitativen Lockerung das Gegenteil dessen zu bewirken, was sie anzustreben vorgibt.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%