WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

EZB-Anleihekäufe Mario Draghi lässt die Renditen purzeln

Die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank drücken die Zinsen noch weiter nach unten. Der Grund: Viele Investoren wollen vorerst nicht verkaufen. So aber drohen höhere Schulden und Fehlinvestitionen.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
EZB-Präsident Mario Draghi zwischen fallenden Zinsen Quelle: AP, Montage

Stell dir vor, es ist Wochenmarkt, und kein Händler ist da. Statt mit Körben voller Gemüse kehren die Kunden mit leeren Händen heim. Eine abstruse Vorstellung? Mag sein. Doch Vergleichbares könnte ausgerechnet den Notenbankern der Europäischen Zentralbank (EZB) bevorstehen. Zwar planen die hohen Herren des Geldes keinen gemeinsamen Einkaufsbummel auf dem Frankfurter Wochenmarkt. Shoppen aber wollen sie durchaus. Nur eben kein frisches Obst und Gemüse, sondern Staatsanleihen der Euro-Länder.

Bis September 2016 wollen die Notenbanker um EZB-Chef Mario Draghi Monat für Monat 60 Milliarden Euro für Wertpapiere ausgeben – und im Gegenzug Zentralbankgeld in das Finanzsystem pumpen. Experten bezeichnen diese Form der geldpolitischen Lockerung als Quantitative Easing, kurz QE. Ziel der Operation ist, die Kreditvergabe der Banken im Euro-Raum anzukurbeln und angebliche Deflationsrisiken abzuwehren.

Doch ganz so einfach, wie sich die Notenbanker das vorstellen, dürfte der Großeinkauf von Wertpapieren nicht werden. Viele Investoren denken gar nicht daran, sich von ihren Papieren zu trennen. Will die EZB sie zum Verkauf bewegen, muss sie deutlich höhere Preise bieten. Die Folge: Die Renditen, die sich ohnehin schon auf Talfahrt befinden, werden weiter sinken. Selbst für Anleihen mit langen Laufzeiten könnten sie bald unter die Null-Prozent-Marke rutschen.

Fragen zum EZB-Anleihekaufprogramm

Bereits seit Herbst vergangenen Jahres kauft die EZB Pfandbriefe und mit Forderungen unterlegte Wertpapiere (ABS). Jetzt kommen Staatsanleihen der Euro-Länder, Anleihen von europäischen Institutionen wie der Europäischen Investitionsbank (EIB) und von öffentlichen Förderbanken hinzu. Dabei wollen die nationalen Notenbanken auch Anleihen mit Negativzinsen von bis zu 0,2 Prozent erwerben.

Hunger der EZB kann nicht gestillt werden

Die Ökonomen der Commerzbank gehen davon aus, dass von den monatlichen Käufen rund zehn Milliarden Euro auf ABS und Pfandbriefe, elf Milliarden auf öffentliche Institutionen und 39 Milliarden auf Staatsanleihen entfallen. 20 Prozent der Käufe nimmt die EZB auf die eigene Bilanz. Die restlichen 80 Prozent der Käufe bleiben bei den nationalen Notenbanken. Weil die Kaufvolumina der nationalen Notenbanken sich an deren Anteil am Kapital der EZB orientieren und die Deutsche Bundesbank mit rund 25 Prozent den größten EZB-Kapitalanteil besitzt, muss sie auch den Löwenanteil der Käufe stemmen. Dabei wird sie nur Bundesanleihen und Anleihen deutscher staatlicher Förderbanken wie der KfW erwerben. Die Commerzbank rechnet mit monatlichen Käufen von Bundesanleihen durch die Bundesbank von rund neun Milliarden Euro.

Auf den ersten Blick sollte dies kein Problem sein. Immerhin beläuft sich der Wert aller ausstehenden Staatspapiere in der Euro-Zone auf rund 6200 Milliarden Euro. Das Gros der Anleihen befindet sich im Besitz von Banken (24,4 Prozent), Versicherungen (21,8 Prozent) und ausländischen Zentralbanken (20,6 Prozent).

Ökonomen zu den Staatsanleihenkäufen der EZB

Will die EZB mit diesen Investoren nicht um Anleihen konkurrieren, müssen genügend neue Papiere auf den Markt kommen. Genau das aber ist das Problem. Denn der größte Teil der Neuemissionen dient dazu, auslaufende Anleihen zu tilgen. Bereinigt um die Tilgungen kommen nicht genug Papiere auf den Markt, um den Hunger der EZB zu stillen. „Die Netto-Neuemissionen europäischer Staatsanleihen werden in diesem Jahr weniger als 70 Prozent der von der EZB angestrebten Käufe erreichen“, sagt Michael Leister, Zinsstratege der Commerzbank. Im Klartext: Die Nachfrage der EZB übersteigt das Netto-Angebot an neuen Anleihen.

Banken verkaufen Anleihen nur kleckerweise

Daher sind die Euro-Hüter darauf angewiesen, dass sich Inhaber von Altanleihen von diesen trennen. Ob diese jedoch zum Verkauf stehen, ist fraglich. Zwar bauen sowohl Deutsche Bank als auch Commerzbank milliardenschwere Portfolien ab, gleiches tun Landesbanken wie die HSH Nordbank und die BayernLB, ebenso die Bad Bank der Hypo Real Estate in München. Doch die Branche sieht keinen Sinn in breit angelegten Verkäufen. „Wir prüfen allenfalls einzelne Verkäufe an die EZB“, heißt es aus einer Großbank. „Wir sind nicht gezwungen, in größerem Umfang vom Kaufprogramm der EZB Gebrauch zu machen“, sagt Wolfgang Kirsch, Chef der DZ Bank, dem Zentralinstitut der Volks- und Raiffeisenbanken.

Für die Zurückhaltung der Banken gibt es gute Gründe:

  • Die Notenbank schreibt den Kreditinstituten beim Anleiheankauf Zentralbankgeld auf deren Notenbankkonto gut, für das die Banken derzeit einen Strafzins von 0,2 Prozent zahlen müssen – kein gutes Geschäft
  • Banken müssen Staatsanleihen nicht mit Eigenkapital unterlegen. Das steigert deren Attraktivität für die Institute.
  • Staatsanleihen gelten aus Sicht der Regulierung als liquide Mittel und erleichtern es den Banken, die geforderte Quote von liquiden Mitteln zu Geldabflüssen zu erfüllen. Das macht Verkäufe unattraktiv.
  • Staatsanleihen dienen den Banken als Sicherheiten für Geldleihgeschäfte am Interbankenmarkt.
  • Derzeit mangelt es an attraktiven Möglichkeiten für die Wiederanlage des Verkaufserlöses. Viele Banken haben die Staatsanleihen günstig erworben und kassieren jetzt ordentliche Renditen.
  • Banken haben ihre Anleihebestände häufig mit anderen Wertpapieren gegen Verluste abgesichert, die nicht im Paket mitverkauft werden können und dann weiter auf den Bankbilanzen lasten.

Anleihekaufprogramm belohnt höhere Staatsverschuldung

Auch die Versicherungen und die Pensionskassen, die zweite große Gruppe von Anleiheinvestoren, dürften kein allzu großes Interesse daran haben, sich von ihren Beständen zu trennen. Ebenso wie die Banken müssen sie für Staatsanleihen kein wertvolles Eigenkapital vorhalten. Zudem sind sie gesetzlich gezwungen, einen erheblichen Teil ihrer Beitragseinnahmen in Papiere staatlicher Emittenten zu stecken.

Darüber hinaus benötigen sie die zum Teil noch hohen Zinserträge aus den Anleihen, um die Auszahlungsversprechen zu erfüllen, die sie ihren Kunden gegeben haben. Zwar könnten die Versicherungen bei einem Verkauf an die Notenbank Kursgewinne erzielen. Die aber müssten sie versteuern und hätten Probleme, den Erlös wieder rentabel anzulegen.

Theoretisch könnten ausländische Zentralbanken einspringen und ihre Anleihebestände an die Kollegen in Frankfurt verkaufen. So sitzt die Schweizer Notenbank (SNB) auf einem milliardenschweren Portfolio an Bundesanleihen und ist damit der größte Gläubiger Deutschlands. Doch bei einem Verkauf der Anleihen an die EZB müsste sie den Erlös erneut im Euro-Raum anlegen, um eine unerwünschte Aufwertung des Franken zu vermeiden. Infrage kämen dafür nur risikoreichere und für die Zentralbank unattraktive Anlagen wie Unternehmensanleihen. Dazu kommt, dass die meisten Zentralbanken ihre Reserven über verschiedene Währungsräume diversifizieren. Ein Abbau ihrer Euro-Anlagen dürfte für sie daher kaum in Betracht kommen.

Negative Renditen bei Staatsanleihen

Bleiben als potente Verkäufer von Euro-Staatsanleihen nur ausländische Banken, Vermögensverwalter und Hedgefonds. Johannes Mayr, EZB-Experte der BayernLB, glaubt, diese Investoren wären wohl am ehesten bereit, sich von ihren Euro-Staatsanleihen zu trennen. „Investoren aus dem Ausland unterliegen häufig weniger strengen regulatorischen Vorgaben und können die Verkaufserlöse flexibel in vergleichsweise rentable Anlageformen in mehreren Währungsräumen umschichten“, sagt Mayr.

"Alles eine Frage des Preises"

Allerdings dürften diese Investoren erst bei höheren Kursen verkaufen. Derzeit horten sie ihre Papiere in Erwartung steigender Nachfrage durch die EZB. „Es gibt keine Verkäufer mehr“, ist aus dem Markt zu hören. BayernLB-Ökonom Mayr glaubt dennoch, dass die EZB am Ende ihr Ziel erreichen wird, Anleihen im Wert von mindestens 1,14 Billionen Euro zu kaufen. „Es ist alles eine Frage des Preises“, sagt Mayr, „steigt der, verkaufen die Anleger.“

Genau damit aber beginnen die Probleme. Gehen die Kurse der Staatsanleihen durch die Decke und rutschen die Renditen in den Keller, hat dies fatale volkswirtschaftliche Folgen.

Bestände an Euro-Staatsanleihen

Normalerweise wirkt der Zins als Sanktionsmechanismus des Marktes, wenn Regierungen zu viele Schulden machen und eine wachstumsfeindliche Wirtschaftspolitik betreiben. Steigende Zinsen für neue Kredite zwingen sie dann zur Korrektur. Drücken aber die Notenbanken die Zinsen mit Anleihekäufen künstlich nach unten, setzen sie diesen Mechanismus außer Kraft. Negative Zinsen belohnen die Finanzminister sogar für das Schuldenmachen, weil sie bei der Ausgabe der Anleihen mehr Geld einnehmen, als sie später zurückzahlen müssen. So bieten zurzeit 53 Prozent aller französischen Staatsanleihen negative Renditen, sprich: Der Staat verdient an seinen Schulden. Kein Wunder, dass sich die Regierung in Paris derzeit über alle Sparappelle hinwegsetzt und das Defizit aus dem Ruder laufen lässt.

Fehlinvestitionen auf dem Vormarsch

Die künstlich nach unten gedrückten Zinsen lassen zudem Investitionen als rentabel erscheinen, die es unter normalen Umständen gar nicht sind. Die Folge ist ein mit Fehlinvestitionen gespickter Boom.

Besonders gefährdet ist Deutschland, für dessen starke Wirtschaft die Zinsen schon seit Langem viel zu niedrig sind. Diese haben nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) einen Kaufrausch ausgelöst, wie zuletzt zu Zeiten der New-Economy-Blase 2001. Die gute Stimmung trägt auch zu einem starken Anstieg der Löhne bei. Allzu leicht könnten sich die Investitionen dann als unrentabel erweisen – und der Boom mündet in den Bust.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Dieses Element gibt es nicht mehr.

Verschärft wird dies durch die Entwicklung an den Finanzmärkten. Schon jetzt müssen Anleihekäufer längere Laufzeiten in Kauf nehmen, um noch Zinsen zu bekommen, warnen Bernd Feldhaus und Gerhard Rosenbauer, Portfoliomanager des Frankfurter Anleiheinvestors inprimo invest. „Im nächsten Schritt werden sie in risikoreichere Anlagen gedrängt, was auch deren Renditen stark nach unten verzerrt. Die Gefahr für Blasen steigt massiv“, warnen sie.

Das größte Problem aber dürfte sein, dass mit dem Zins auch die Sparbereitschaft verschwindet. Zuletzt hat sie nach Angaben der GfK ein historisches Tief erreicht. Mangelt es an Sparbereitschaft, fehlt die Basis für nachhaltige Investitionen. Der Kapitalstock erodiert – und mit ihm die Grundlage für Wachstum und Wohlstand. So droht die Politik der quantitativen Lockerung das Gegenteil dessen zu bewirken, was sie anzustreben vorgibt.

Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%