EZB Das Comeback der Inflation

Mit großer Spannung hatten die Teilnehmer an den Finanzmärkten die heutige Sitzung des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) sowie die anschließende Pressekonferenz der Notenbanker erwartet.

Mario Draghi Quelle: dpa

Zwar rechnete niemand damit, dass die Eurohüter ihre Geldpolitik ändern. Doch mit der Griechenland-Krise, den jüngsten Volten an den Anleihemärkten und dem Wiederanspringen der Inflation liegen derzeit genügend Themen auf dem Tisch, die den Investoren Kopfzerbrechen bereiten.

Während sich EZB-Chef Mario Draghi mit Kommentaren zu den laufenden Verhandlungen der Geldgeber (zu denen auch die EZB gehört) mit der griechischen Regierung zurückhielt, machte er klar, dass die EZB ihr Anleihenkaufprogramm mindestens bis September nächsten Jahres fortsetzen werde. Daran werde auch das jüngste Auf und Ab der Renditen an den Anleihemärkten und der spürbare Anstieg der Inflationsrate nichts ändern. Klare Botschaft also aus Frankfurt. Mit dem Bekenntnis zum Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren (Quantitative Easing) will Draghi jedwede Diskussion an den Märkten über einen möglichen vorzeitigen Ausstieg der EZB aus der expansiven Geldpolitik im Keim ersticken.

Das sind die drei Leitzinssätze der EZB

Dabei ist genau diese Diskussion nötig. Im Mai kletterte die Inflation in der Eurozone von Null auf 0,3 Prozent.  Rechnet man die Energie- und Nahrungsmittelpreise heraus, sprang die Teuerungsrate sogar von 0,6 auf 0,9 Prozent. Damit liegt sie zwar noch ein gehöriges Stück unter dem Zielwert der EZB von knapp zwei Prozent. Doch der Trend bei der Inflation geht eindeutig nach oben. Dafür sind mehrere Faktoren maßgeblich. Zum einen hat sich der Ölpreis auf Dollarbasis seit seinem Tief im Januar um knapp 40 Prozent erhöht. In den nächsten Monaten dürfte er in der Tendenz weiter steigen.

Dazu kommt, dass der schwache Euro Rohstoffe und andere Importe verteuert. Setzt die EZB ihr Anleihenkaufprogramm wie von Draghi angekündigt fort und erhöht die US-Notenbank Fed wie erwartet demnächst die Leitzinsen, dürfte der Euro weiter auf Talfahrt gehen. Dann müssen die Bürger in Europa bald noch mehr Geld für importierte Smartphones, Autos und Benzin auf den Tisch legen.

Der Instrumentenkasten der EZB

Für mittelfristig höhere Preise spricht auch, dass sich die Lage auf den Arbeitsmärkten der Euroländer zunehmend bessert. Im April ging die Zahl der Arbeitslosen in der Währungsunion  um 130.000 zurück, die Arbeitslosenquote sank auf 11,1 Prozent. Das erhöht den Spielraum für die Gewerkschaften, höhere Löhne durchzusetzen. Das trifft vor allem auf Deutschland zu, wo qualifizierte Arbeitskräfte zunehmend knapp werden.  So sind die Lohnstückkosten hierzulande seit dem Jahr 2010 um satte 9 Prozent gestiegen. Der seit Jahresbeginn geltende Mindestlohn facht die Arbeitskosten zusätzlich an. Daher kann es nicht verwundern,  dass die Inflation in Deutschland mit 0,7 Prozent schon jetzt mehr als doppelt so hoch ausfällt wie im Schnitt der Währungsunion.

Der Kostenschub trifft auf eine Wirtschaft, die im Geld schwimmt. Stolz wies Draghi auf der Pressekonferenz darauf hin, dass die breit gefasste Euro-Geldmenge M3 (Bargeld, Sichtguthaben, Termineinlagen, Spareinlangen, Geldmarktfonds und kurzfristige Schuldverschreibungen) mit einer Rate von 5,3 Prozent wieder kräftig wachse. Die Expansionsrate liegt sogar über dem schon fast in Vergessenheit geratenen Referenzwert der EZB von 4,5 Prozent. Noch kräftiger wächst derzeit die eng definierte  Geldmenge M1 (Bargeld und Sichteinlagen). Seit Monaten schon bewegt sie sich kräftig nach oben. Im April lag die Zuwachsrate gegenüber dem Vorjahr bei 10,5 Prozent.

Empirische Studien zeigen, dass die Inflation langfristig durch die Geldmenge bestimmt wird. Die Bürger der Eurozone werden das Geld auf ihren Konten zunehmend für den Kauf von Gütern und Dienstleistungen verwenden, zumal sich das Sparen wegen der von der EZB künstlich nach unten gedrückten Zinsen kaum noch lohnt. Die steigende Nachfrage treibt die Preise dann nach oben.

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Die EZB glaubt jedoch, sie habe die Inflation unter Kontrolle. So rechnen die Notenbanker um Mario Draghi damit, dass die Teuerungsrate 2017 wieder auf  1,8 Prozent und damit auf den Zielwert der EZB einschwenkt.  Doch die Gefahr ist groß, dass die EZB mit ihrer Politik des Gelddruckens weit über das Ziel hinausschießt. Denn mit der Inflation ist es wie mit einer Ketchup-Flasche. Erst klopft man lange auf den Boden, ohne dass der Ketchup fließt. Dann aber ergießt sich plötzlicher ein ungewollt großer Schwall auf den Teller. Genauso könnte es der EZB ergehen. Berappeln sich Konjunktur und Ölpreise schneller als erwartet, dürfte die Inflation sich wie ein Schwall Ketchup über die Euroländer ergießen. Als Erste werden die Deutschen das zu spüren bekommen. Angesichts der robusten Konjunktur und der knappen Arbeitskräfte ist Deutschland prädestiniert, den Euro-Inflationszug anzuführen.  

Draghi scheint das keine Sorgen zu bereiten. Auf Nachfrage erklärte er, die EZB sei derzeit noch weit davon entfernt, sich Gedanken über einen Ausstieg aus der expansiven  Geldpolitik zu machen. „Wir haben noch einen langen Weg vor uns“, sagte Draghi mit Blick auf die angestrebte Re-Inflationierung der Euro-Zone. Wenn er sich da mal nur nicht irrt.

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