EZB-Ratsmitglied Christian Noyer "Frankreich könnte viel aggressiver sparen"

Christian Noyer, Chef der französischen Notenbank, fordert von der Regierung in Paris mehr Sparanstrengungen. Außerdem warnt er im Interview vor der Aufnahme neuer Euro-Mitglieder.

Christian Noyer, Chef der französischen Notenbank Quelle: Bloomberg

WirtschaftsWoche: Monsieur Noyer, seit Jahren lamentiert Frankreich, der starke Euro benachteilige die französische Wirtschaft. Nun ist der Kurs dank der lockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank auf 1,29 Euro zum Dollar gefallen. Das reicht Ihnen aber noch nicht. Wo hätten Sie den Euro-Kurs denn gern?

Noyer: Ich habe keinen konkreten Wechselkurs im Kopf. Das ist nicht die Aufgabe der Geldpolitik. Das Mandat der EZB lautet, die Preise mittelfristig stabil zu halten. Ist die Inflation zu lange zu niedrig, verfehlen wir unser Mandat, für Preisstabilität zu sorgen. Diese Sorge treibt die europäische Geldpolitik um.

Vita

Warum will die EZB dann unbedingt den Euro-Kurs drücken?

Es gibt mehrere Gründe für die niedrige Inflation. Zum einen hängt sie mit der schwachen Konjunktur im Euro-Raum zusammen, aber auch der Wechselkurs hat eben seinen Anteil daran. Um die Inflation näher an unser Ziel von zwei Prozent zu bringen, ist ein etwas schwächerer Euro hilfreich.

Sehen Sie die Euro-Zone schon in der Deflation wie die französische Regierung?

Nein, das sehe ich nicht so. Das Wort „Deflation“ ist übertrieben. Wir sind uns aber im EZB-Rat einig, dass eine zu lang anhaltende niedrige Inflation gefährlich ist.

Die alten Herren der EZB
Mario Draghi (Italien)Im September feierte der EZB-Präsident seinen 66. Geburtstag. Damit ist er der Zweitälteste im Direktorium - und auch älter als das Durchschnittsalter, das bei etwa 59 Jahren liegt. Laut US-Journalist Neil Irwin ist das kein Nachteil. Schließlich erfordere der Job viel Erfahrung und Wissen. Quelle: dpa Picture-Alliance
Jens Weidmann (Deutschland)Er ist mit 45 Jahren der Zweitjüngste im Rat und scheint auf diesem Bild vor Energie nur so zu sprühen. In seiner Antrittsrede sprach er sich für eine klare Trennung von Geld- und Fiskalpolitik aus. Im September 2011 distanzierte er sich von der Krisenpolitik der EZB. Er hielt die eingegangenen Risiken für zu hoch. Waidmann ist übrigens gegen eine Frauenquote: „ Ich möchte mehr Frauen in Führungspositionen haben und das möglichst schnell“, sagte Weidmann. „Eine Quote zu setzen, die ich am Ende nicht erreichen kann und Erwartungen zu schüren, die ich nicht erfüllen kann, ist nicht mein Ansatz.” Quelle: REUTERS
Vítor Constâncio (r.) (Portugal)Der Vizepräsident der EZB wird im Oktober stolze 70. Damit ist er der älteste im Rat. Auch wenn das Foto in einem anderen Zusammenhang gemacht wurde, es sieht fast so aus, als könne er das selbst nicht glauben. Quelle: dpa Picture-Alliance
Jörg Asmussen (Deutschland)Er gehört zu den Küken des EZB-Direktoriums. Im Oktober knackt er die 47. Aber damit liegt er immer noch über zehn Jahre unter dem Durchschnitt. Quelle: dpa Picture-Alliance
Benoît Cœuré (Frankreich)Der Franzose ist mit seinen 44 Jahren der Zweitjüngste im Rat. Er hat sich gemeinsam mit Jörg Asmussen zum Ziel gesetzt, die EZB transparenter zu machen, so erzählten sie dem Focus-online. Quelle: REUTERS
Peter Praet (Belgien)Der belgische Chefvolkswirt des Direktoriums ist 64 Jahre alt. Lange ist er bei der Vergabe von Top-Ämtern in der europäischen Geldpolitik leer ausgegangen. 2011 nutzte er seine Chance und wurde Direktoriumsmitglied der EZB. Er gilt als idealer Kompromisskandidat zwischen Deutschland und Frankreich. Quelle: dpa Picture-Alliance
Yves Mersch (Luxemburg)Der fast 64-jährige Direktor wurde anfangs gar nicht aufgenommen. Sein Platz wurde sechs Monate für eine Frau freigehalten. Dann gab der Europäische Rat nach. Quelle: dpa Picture-Alliance

Was sind die Gefahren?

Zum einen besteht das Risiko, dass sich die Inflationserwartungen ändern. Seit dem Start des Euro waren diese Erwartungen sehr stabil. Bleibt die Inflation aber zu lange zu niedrig, besteht die Gefahr, dass die Finanzmärkte diesen Erwartungen nicht mehr trauen. Das wiederum ist gefährlich für die Glaubwürdigkeit der Notenbank. Das Vertrauen, dass wir unser Mandat erfüllen und für stabile Preise sorgen, steht auf dem Spiel. Zweitens: Wenn in der aktuellen Niedriginflationsphase ein Schock von außen dazukäme, etwa ein neuer geopolitischer Konflikt oder eine Energiekrise, würde sich das Deflationsrisiko erhöhen. Deshalb ist es wichtig, dass wir wieder eine Inflation nahe unserer Zielmarke erreichen. Damit hätten wir im Falle neuer Schocks einen Puffer. Aber noch einmal: Im Moment befinden wir uns ganz sicher nicht in einer Deflation.

2014 – ein heikles Jahr für die EZB

Die geldpolitischen Instrumente der EZB erweisen sich bisher nicht als übermäßig wirkungsvoll, die Inflation zu erhöhen.

Geldpolitische Maßnahmen brauchen ein bis eineinhalb Jahre Zeit, bis sie in der Realwirtschaft ankommen. Es ist ein stufenweiser Prozess. Einige Instrumente helfen aber auch kurzfristig. Veränderungen des Wechselkurses etwa wirken schneller.

Warum dann der Aktionismus Anfang September? Die EZB senkte den Leitzins erneut und kündigte an, Kreditverbriefungen kaufen zu wollen.

Das war kein Strategiewechsel, sondern die Fortsetzung dessen, was wir im Juni entschieden haben. Während des Sommers bemerkten wir erste Anzeichen, dass sich Inflationserwartungen und Finanzmarktindikatoren verändern. Da konnten wir nicht untätig bleiben. Deshalb haben wir im September den Leitzins weiter gesenkt. Damit sind wir nun aber aus meiner Sicht am unteren technischen Ende angekommen. Das ABS-Programm hatten wir bereits angekündigt. Wir wollen mit diesem Instrument direkt auf dem Kreditmarkt intervenieren, um vor allem kleine und mittelständische Unternehmen besser mit Krediten für Investitionen versorgen zu können.

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