EZB-Zinsentscheid Mario Draghi braucht Mut zum Nichtstun

Die Unterschiede in der Euro-Zone werden immer größer, EZB-Chef Mario Draghi gerät weiter zwischen die Fronten. Warum er trotz Deflationsangst ausnahmsweise nicht handeln sollte.

Mario Draghi gerät immer weiter zwischen die Fronten. Quelle: Marcel Stahn

Als „pervers“ hat er sie bezeichnet. Die Angst der Deutschen vor der Inflation. Mario Draghi ist mit den Bundesbürgern hart ins Gericht gegangen, vor kurzem beklagte sich der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) in einem Interview mit dem „Spiegel“ über mangelndes Lob aus Deutschland. Die entsprechenden Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten, Draghis Äußerungen wurden als böswillig bezeichnet, Ökonomen sahen darin die große Unsicherheit des Zentralbankchefs.

Viel Kritik muss Draghi aus Europas größter Volkswirtschaft einstecken. Seine ultra-expansive Geldpolitik würde steigende Preise schüren, sagen die einen. Mit seiner Krisenpolitik würde der Italiener gezielt die südeuropäischen Krisenstaaten stützen, beklagen die anderen. Statt sich beleidigt über zu wenig Lob zu beschweren, sollte Draghi die Kritik lieber Ernst nehmen – und einsehen, dass es bei einer derart zerklüfteten Euro-Zone immer sowohl Für- als auch Gegensprecher geben wird. Auch wenn der Italiener beim ersten Zinsentscheid des neuen Jahres am Donnerstag erneut hin- und hergerissen sein wird, auch im Hinblick auf die gesamte Euro-Zone sollte er sich mit vorschnellen Maßnahmen dieses Mal zurückhalten.

Die alten Herren der EZB
Mario Draghi (Italien)Im September feierte der EZB-Präsident seinen 66. Geburtstag. Damit ist er der Zweitälteste im Direktorium - und auch älter als das Durchschnittsalter, das bei etwa 59 Jahren liegt. Laut US-Journalist Neil Irwin ist das kein Nachteil. Schließlich erfordere der Job viel Erfahrung und Wissen. Quelle: dpa Picture-Alliance
Jens Weidmann (Deutschland)Er ist mit 45 Jahren der Zweitjüngste im Rat und scheint auf diesem Bild vor Energie nur so zu sprühen. In seiner Antrittsrede sprach er sich für eine klare Trennung von Geld- und Fiskalpolitik aus. Im September 2011 distanzierte er sich von der Krisenpolitik der EZB. Er hielt die eingegangenen Risiken für zu hoch. Waidmann ist übrigens gegen eine Frauenquote: „ Ich möchte mehr Frauen in Führungspositionen haben und das möglichst schnell“, sagte Weidmann. „Eine Quote zu setzen, die ich am Ende nicht erreichen kann und Erwartungen zu schüren, die ich nicht erfüllen kann, ist nicht mein Ansatz.” Quelle: REUTERS
Vítor Constâncio (r.) (Portugal)Der Vizepräsident der EZB wird im Oktober stolze 70. Damit ist er der älteste im Rat. Auch wenn das Foto in einem anderen Zusammenhang gemacht wurde, es sieht fast so aus, als könne er das selbst nicht glauben. Quelle: dpa Picture-Alliance
Jörg Asmussen (Deutschland)Er gehört zu den Küken des EZB-Direktoriums. Im Oktober knackt er die 47. Aber damit liegt er immer noch über zehn Jahre unter dem Durchschnitt. Quelle: dpa Picture-Alliance
Benoît Cœuré (Frankreich)Der Franzose ist mit seinen 44 Jahren der Zweitjüngste im Rat. Er hat sich gemeinsam mit Jörg Asmussen zum Ziel gesetzt, die EZB transparenter zu machen, so erzählten sie dem Focus-online. Quelle: REUTERS
Peter Praet (Belgien)Der belgische Chefvolkswirt des Direktoriums ist 64 Jahre alt. Lange ist er bei der Vergabe von Top-Ämtern in der europäischen Geldpolitik leer ausgegangen. 2011 nutzte er seine Chance und wurde Direktoriumsmitglied der EZB. Er gilt als idealer Kompromisskandidat zwischen Deutschland und Frankreich. Quelle: dpa Picture-Alliance
Yves Mersch (Luxemburg)Der fast 64-jährige Direktor wurde anfangs gar nicht aufgenommen. Sein Platz wurde sechs Monate für eine Frau freigehalten. Dann gab der Europäische Rat nach. Quelle: dpa Picture-Alliance

Dabei sprechen die aktuellen Daten einmal mehr für die Befürworter einer expansiven Geldpolitik aus Europas Süden. Von Inflation kann offiziellen Statistiken zufolge keine Rede sein, im Gegenteil. Im Dezember hat sich der Anstieg der Verbraucherpreise in der Eurozone noch einmal leicht abgeschwächt. Um nur noch 0,8 Prozent legten die Preise zu. Das ist weit entfernt von einem Wert von knapp unter zwei Prozent, den die EZB als Preisstabilität definiert hat. Insbesondere in den Peripheriestaaten wachsen die Preise nur noch sehr langsam. In Griechenland sanken die Preise bereits, im November verbilligten sich Waren und Dienstleistungen im Schnitt um 2,9 Prozent.

Im Draghi-Kritikerland Deutschland sind die Preise dagegen im vergangenen Jahr durchschnittlich um 1,5 Prozent gestiegen. Vor allem niedrigere Ölpreise sorgten dafür, dass die Teuerung nicht höher ausfiel. Denn die Preise für Lebensmittel legten gewohnt deutlich um 3,8 Prozent zu. Kein Wunder also, dass sich viele Verbraucher angesichts des teuren Weihnachtseinkaufs über die niedrigen Inflationsraten wundern.

Die Folgen der EZB-Niedrigzinspolitik

Beim Wort „Deflation“ schrillen bei vielen die Alarmglocken. „Es ist möglich, dass sich in Europa in den kommenden Monaten deflationäre Tendenzen zeigen. Eine solche Entwicklung würde dem Euro wahrscheinlich Auftrieb geben. Sollte die Zentralbank nicht schnell genug darauf reagieren, könnte dies die exportabhängige europäische Wirtschaft belasten“, sagt Lutz-Peter Wilke, der beim Vermögensverwalter Blackrock eines der größten Multi-Asset-Teams der Branche leitet. Schon jetzt bestehe in einigen Ländern die Gefahr sinkender Preise, das müsse die EZB genau im Auge behalten. Auch der Chefvolkswirt der ING in Belgien mahnt: „Die EZB kann sich angesichts der Deflationsrisiken nicht zurücklehnen“.

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