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Falsche Weisheiten Zehn hartnäckige Wirtschaftsmythen

Ohne den Euro geht es besser, die Hartz-Reformen führten zu mehr Beschäftigung, Exportüberschüsse sind gut. Mit solchen Mythen räumt Henrik Müller in dem Buch „Wirtschaftsirrtümer“ auf. Zehn Beispiele hartnäckiger Irrtümer.

Irrtum 1: Die Ära des Wachstums ist vorbeiDer Glaube an eine bessere Zukunft ist in Zeiten der Eurokrise geschwunden. Ökonomen wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman und der französische Ökonom Thomas Piketty unken, das Wachstum sei vorbei. Nach Aussage von Buchautor Henrik Müller hat dieses Gefühl nach weltweiten Krisen Tradition: Doch egal ob es um die Kriege des 20. Jahrhunderts oder die große Depression der USA in den Dreißigerjahren geht: Nach jeder Wachstumsdelle folgte ein Aufschwung. Denn „die eigentliche Quelle aller Wohlstandszuwächse“ sei die Neugierde – und die sei weiterhin vorhanden. Müller rechnet mit einer „Explosion der Kreativität“. Der Grund: In wohlhabenden Gesellschaften, wo die Grundbedürfnisse abgedeckt und Bildung und Informationen für große Teile der Gesellschaft leicht zugänglich sind, steigt die Innovationsfähigkeit. Quelle: REUTERS
Irrrtum 2: Große Exportüberschüsse sind gutFakt ist: Bis 2008 war Deutschland fünf Jahre in Folge Exportweltmeister. Fakt ist auch: Kein anderes Land verdient so viel Geld im Welthandel wie Deutschland – nicht einmal China. Ob das so gut ist, wie immer suggeriert wird? Müller bezweifelt das. Ihm zufolge kosten die Exportüberschüsse Wohlstand – denn dafür sinkten erstens die Löhne in der Industrie. Zweitens mache Deutschland sich unnötig abhängig vom Rest der Welt – vor allem von den Schwellenländern, die einen Großteil der deutschen Industriewaren kaufen. Und drittens fehlt das Kapital, das exportiert wird, was die niedrigen Investitionsquoten belegten. Quelle: REUTERS
Irrtum 3: Uns steht das Ende der Arbeit bevorNoch vor zwei Jahrzehnten gab es kaum auf der Welt so viele Langzeitarbeitslose wie in Deutschland. Damals machte sich der „Beschäftigungspessimismus“ breit. Bis heute mache er die Deutschen anfällig für Prophezeiungen über das vermeintliche „Ende der Arbeit“. Belegen lässt sich diese These nicht, meint Müller. So arbeiten heute doppelt so viele Menschen wie noch 1950. Quelle: dpa
Irrtum 4: Die Hartz-Reformen sind die Ursache des BeschäftigungswundersDie Hartz-Reformen gelten hierzulande immer noch als das Musterbeispiel einer Arbeitsmarktreform. In der Tat: Ein Jahr nach dem Inkrafttreten der Reform ging die Arbeitslosigkeit zurück und die Zahl der Beschäftigten stieg an. Einen Kausalzusammenhang sieht Müller aber nicht. Stattdessen sieht er andere Ursachen: Seit dem Jahr 2000 stiegen beispielsweise die Löhne kaum noch. Zudem habe der Euro gegenüber dem Dollar abgewertet. All das trug zur höheren preislichen Wettbewerbsfähigkeit der Deutschen bei. Deutschland sei zudem der große Profiteur des Aufschwungs in China gewesen: Fabriken, Flughäfen, Autos – all das lieferte die deutsche Industrie. Quelle: dpa
Irrtum 5: Deutschland wird von Einwanderern überranntDie CSU und die AfD profilieren sich derzeit mit ihren Kampagnen gegen „Armutszuwanderung“. Auch Thilo Sarrazin lässt grüßen. In Müllers Augen ist das alles purer Populismus. Seit den Fünfzigerjahren kamen Zuwanderer immer in Wellen. Sobald es in ihrer Heimat wirtschaftlich wieder besser lief, kehrten sie zurück. Zudem kämen die Zuwanderer derzeit, um zu arbeiten. Sie zögen deshalb gezielt dahin, wo Arbeitskräfte dringend gesucht werden. Mehr noch: Der Anteil der Zuwanderer, die sozialversicherungspflichtig beschäftigt sind, ist Müller zufolge größer als der in Deutschland geborenen. Von den bulgarischen und rumänischen Zuwanderern habe außerdem ein Viertel einen Hochschulabschluss – der Anteil unter den Deutschen sei geringer. Quelle: dpa
Irrtum 6: China & Co. werden den Westen schon bald in den Schatten stellenBRIC war lange der Inbegriff für die Zukunft der industrialisierten Welt– Brasilien, Russland, Indien und China als Wachstumstreiber der Weltwirtschaft. Bis heute geht die Angst um, dass die westlichen Gesellschaften schon bald von den Schwellenländern überholt werden. Alibaba ist nur ein Beispiel für die expandierende chinesische Wirtschaft. Solche Trends werden oft überzogen dargestellt, findet Müller. Der Aufschwung der BRIC-Staaten sei durch die steigende Nachfrage nach Ressourcen weltweit geprägt. Russland konnte seine Gas- und Öl-Reichtümer zu Geld machen, Brasilien glänzte mit Kohle, Kupfer und Gold. Chinas neue Mittelschiecht erhöhte die Energienachfrage deutlich. Dazu trieben Spekulationen die Preise noch zusätzlich in die Höhe. Damit ist es mittlerweile vorbei – und das kommt auch bei den Schwellenländern an. Quelle: REUTERS
Irrtum 7: Die Industrie ist die Zukunft der WirtschaftNach all den Jahren, in denen der Übergang in die Dienstleistungsgesellschaft als Lösung aller wirtschaftlichen Probleme besungen wurde, gilt die Industrie wieder als Schlüssel zur wirtschaftlichen Stabilität. Das Paradebeispiel: Deutschland. Doch der Aufschwung der deutschen Industrie ging vor allem einher mit der steigenden Nachfrage der Schwellenländer. Sollte der Aufschwung nachlassen, bleibt offen, wen die deutsche Industrie künftig beliefern sollte. Quelle: dpa
Irrtum 8: Durch Sparen lassen sich Schuldenkrisen überwindenDieses Credo prägt die Eurokrisenpolitik. Staaten wie Griechenland oder Italien, die wegen ihrer immensen Verschuldung ab 2009 Schwierigkeiten bekamen, sich an den Finanzmärkten mit frischem Geld zu versorgen, trotzte Deutschland Reformen und einen Sparkurs ab. Müller findet: Der Sparkurs habe zu einer Verschärfung der Krise geführt, schreibt Müller. So sei in Griechenland die Wirtschaftsleistung zwischen 2008 und 2012 um 20 Prozent zurückgegangen, die Arbeitslosenquoten in Spanien und Portugal hätten sich verdoppelt, die Investitionen in Spanien und Griechenland seien um ein Drittel zurückgegangen. Parallel dazu stiegen die Verbindlichkeiten weiter an. Die Ursache: Kürze der Staat in der Rezession die Ausgaben und erhöhe die Steuern, versiege die private Kaufkraft. Dass erschwere die Schuldentilgung – und senke das Vertrauen in die Wirtschaft. Quelle: dpa
Irrtum 9: Griechenland ist das größte Problem der EurozoneKein Mitgliedsland hat so hohe Staatsschulden wie Griechenland – mehr als 180 Prozent des BIP. Zudem sei das Land nicht wettbewerbsfähig, halte politische Zusagen nur selten ein, die Verwaltung sei korrupt und Zahlungsziele erfüllen für die Griechen ein Fremdwort. Trotz all diesen Problemen steht für Müller fest: Griechenland bedroht nicht die Existenz der Eurozone. Die Fixierung auf das Land lenke den Blick von zwei viel größeren Problemen ab: Italien und Frankreich. An der Wettbewerbsfähigkeit dieser beiden Nationen hänge das Wohl der Währungsunion. So vereinten sie gemeinsam 40 Prozent der Wirtschaftsleistung der EU auf sich. Die Aussichten für beide Länder sind allerdings nicht gut: Die Verschuldung beider Länder betrage, wenn man private und öffentliche Schulden addiere, 250 Prozent des BIP. Italien sei zudem noch hochgradig abhängig von ausländischem Kapital. Die Auslandsverschuldung liegt bei 40 Prozent – ein Vertrauensentzug aus dem Ausland könnte einen Kollaps herbeiführen.  Quelle: dpa
Irrtum 10: Die Auflösung der Währungsunion würde Europas Probleme lösenDie Deutschen wären ohne den Euro besser dran. Das hört man in diversen Debatten ständig, auch in Frankreich ist die Position populär. Die Währungsunion sei nicht perfekt – das räumt auch Autor Müller ein. Doch ohne den Euro würde Europa zerfallen, sagt Müller. Die Kleinstaaterei habe in Zeiten der Großmächte keine  Zukunft. Europas „Einzelteile“ würden die „Spielbälle“ der Großmächte. Der Preis der Einzelstaaten wäre immens: Über Jahre erarbeitete Standortvorteile, die mit der Währungsunion einhergehen, würden aufgeben und eine deutsche Währung würde so stark aufwerten, dass die Exporte dahin schmölzen. Auch die gut 7 Billionen Euro Schulden, die die größten vier Euro-Staaten angesammelt haben, würden zum Problem. Träte etwa Italien aus der Währungsunion aus, blieben die Schulden im Euro erhalten. Wertete die italienische Währung ab, wüchsen die Schulden massiv an. Auch die Zinsen dürften in die Höhe schießen. Zerfällt die Währungsunion, müsste Deutschland nicht zuletzt als große Gläubigernation auch einen Großteil seines 1 Billion Euro Nettoauslandsvermögens abschreiben. Quelle: dpa
Der frühere stellvertretende Chefredakteur des "Manager Magazins" und heutige Professor Henrik Müller hat im September sein Buch „Wirtschaftsirrtümer – 50 Denkfehler, die uns Kopf und Kragen kosten“ veröffentlicht. Die hier aufgeführten Beispiele finden Sie in ausführlicherer Form im Buch. Quelle: Campus Verlag
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