Finanzexperte Daniel Stelter Die EZB wird zum Schuldentilgungsfonds

Exklusiv

EZB-Präsident Draghi ist es nach Einschätzung des Finanzexperten Daniel Stelter nur kurzfristig gelungen, den Euro mit seinem Rettungsversprechen zu stabilisieren. Investmentprofi Giordano Lombardo sieht das anders.

Nach Daniel Stelters Meinung konnte Mario Draghi nur kurzzeitig die Schuldenkrise bremsen Quelle: REUTERS

Die vor zwei Jahren erfolgte Ankündigung, notfalls Staatsanleihen von Krisenländern zu kaufen, habe auch dazu geführt, dass die Verschuldung der Krisenstaaten weiter steige und der Reformwille der Politiker erlahmt sei, sagt Finanzexperte Daniel Stelter. „Das Versagen der Politik macht die EZB zur letzten Rettungsinstanz in Europa. Sie ist auf bestem Wege, zu einem Schuldentilgungsfonds mit gemeinsamer Haftung zu werden – durch die Hintertür und ohne demokratische Legitimierung“, kritisiert Stelter, bis 2013 Partner der Unternehmensberatung Boston Consulting und heute Gründer des makroökonomischen Diskussionsforums „Beyond the obvious“ in einem Gastbeitrag für die WirtschaftsWoche.

„Es hilft, sich in Erinnerung zu rufen, dass die Krise die Folge zu billigen Geldes und zu vieler Schulden ist“, so Stelter. „Die EZB hat nur auf die Inflation geschaut und Blasen an Immobilienmärkten und Überkonsum toleriert. Folge war ein historisch einmaliger Verschuldungsboom. Jetzt wird versucht, die Krise durch noch mehr billiges Geld und noch mehr Kredite zu bekämpfen. Das wird nicht funktionieren“, kritisiert der Ökonom.

Der Instrumentenkasten der EZB

Es sei unumgänglich, die Verschuldung zurückzufahren durch Schuldenschnitt, Stundung und Zinssenkung. „Voraussetzung ist, dass die Politik sich traut, den Wählern die Wahrheit zu sagen: Angesichts fauler Schulden in der Eurozone von bis zu fünf Billionen Euro dürften alleine auf Deutschland Kosten jenseits einer Billion Euro zukommen.“

Lombardo: Draghis Strategie ist aufgegangen

Anders sieht das Giordano Lombardo, Investmentchef der Fondsgesellschaft Pioneer Investments. „Mario Draghis ‚Whatever it takes‘-Rede hat bewirkt, was sie bewirken sollte – den Euro zu erhalten und Wirtschaft und Finanzmärkte zu beruhigen“, schreibt Lombardo in einem Gastbeitrag für die WirtschaftsWoche. „Und dies, ohne dass es einen einzigen Euro gekostet hätte. Denn die wichtigste Maßnahme nach der Rede, das Outright-Monetary-Transaction-Programm (OMT), wonach die EZB kurzfristige Anleihen von Euro-Staaten kaufen kann, wurde kein einziges Mal in Anspruch genommen. Unter dem Strich waren Rede und Programm nicht mehr als eine geniale Kommunikationsmaßnahme.“

Draghi habe alle seine Ziele zur Stabilisierung der Eurozone erreicht. „Unsicherheiten und Schwankungen an den Finanzmärkten wurden eingedämmt, die Kreditkosten für Regierungen, Banken und, in geringerem Maße, für Unternehmen sanken vor allem in den besonders gefährdeten Ländern. Das Vertrauen in die Zukunftsfähigkeit des Euro war wiederhergestellt“, schreibt Lombardo. Auch heute stehe die Eurozone gut da.

„Es gibt wieder Wachstum, wenn auch nur ein bescheidenes. Ein Ende der Austerität ist in Sicht. Irland und Portugal haben den Rettungsschirm verlassen. Die Entwicklungen in Spanien und Italien erlauben verhaltenen Optimismus.“ Zwar gebe es noch Ungleichgewichte zwischen Peripherie- und Kernländern, aber ein Zerfall der Eurozone sei keine unmittelbare Bedrohung mehr.

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