Finanzmärkte Wirkungslose Zentralbanken

Der Versuch der EZB, die Märkte mit der Aussicht auf eine Aufstockung ihrer monatlichen Anleihekäufe oder eine Verlängerung der Käufe über September 2016 hinaus zu stabilisieren, ist wirkungslos verpufft. Die Risiken an den Finanzmärkten nehmen sprunghaft zu. Der US-Aktienmarkt hat ein wichtiges Verkaufssignal gegeben.

EZB Quelle: dpa

Ursprünglich waren Notenbanken dafür konzipiert, in Krisenzeiten mit kurzfristig angelegten geldpolitischen Hilfsprogrammen der Wirtschaft wieder auf die Beine zu helfen. An eine permanente Liquiditätsversorgung von Regierungen, Finanzwirtschaft, Aktien-, Anleihe- und Immobilienmärkten war nicht gedacht. Diese Zweckentfremdung ist der Hauptgrund, warum die Geldpolitik in der Realwirtschaft nicht richtig verfängt. Die jüngsten Börsenturbulenzen signalisieren jetzt auch einen Kontrollverlust der Notenbanken über ihre wichtigste Zielgröße - den Aktienmarkt. 

Auf den ersten Blick versuchen Notenbanken, über Zinsen und Kreditaufnahme die Realwirtschaft zu beeinflussen. Das eigentliche Ziel der geldpolitischen Lockerungen der US-Notenbank Fed seit 2008 war es aber, den amerikanischen Aktienmarkt aufzublasen, um über einen positiven “Vermögenseffekt” (die Amerikaner sollten dank Aktiengewinnen reicher werden und mehr konsumieren) die Realwirtschaft in Schwung zu bringen. Die Bank of England folgte diesem Beispiel 2009, die  Bank of Japan startete im April 2013 ihre Wertpapierkäufe, die Europäische Zentralbank (EZB) setzt darauf seit Anfang dieses Jahres.

Notenbanken rund um den Globus lockern ihre Geldpolitik

Tatsächlich zeigt sich über einen Zeitraum von fünf Jahren ein Gleichlauf des US-Aktienindex S&P 500 mit der Ausweitung der Fed-Bilanzsumme. Der Nikkei in Japan hat sich seit April 2013 zwischenzeitlich fast verdoppelt und in Großbritannien erhöhte sich die Anzahl der Millionäre in den vergangenen fünf Jahren dank steigender Aktien- und Immobilienpreise um 40 Prozent.

Die Kehrseite der Medaille: Die Realeinkommen sinken unisono, in Japan und der Eurozone lahmt die Konjunktur, in Großbritannien kollabieren die Vollzeitarbeitsplätze bei gleichzeitig rekordhoher Verschuldung der Privathaushalte. Doch nicht nur die Briten sind bis unters Dach verschuldet. Weltweit war die Verschuldung im Vergleich zur Wirtschaftsleistung noch nie so hoch wie heute.

Innerhalb weniger Jahre brachen mit der globalen Finanzkrise und der Euro-Krise gleich zwei Schuldenkrisen aus. Die nächste hat schon begonnen. Ihr Epizentrum liegt in China. Als Seismograph dient der Dollar. 1994 belief sich die chinesische Gesamtverschuldung auf 500 Milliarden Dollar, heute auf 28.000 Milliarden Dollar. Schätzungsweise 3000 Milliarden Dollar dieser Schulden wurden über sogenannte Carry-Trades in Dollar aufgenommen. Spekulanten verschuldeten sich in niedrig verzinsten Dollar und legten das Geld in höher verzinsten Renminbi an. Diese Trades werden gerade geschlossen, weshalb der Renminbi gegenüber dem Dollar weiter abwerten wird.

Auf globaler Ebene beläuft sich der Carry-Trade nach Schätzungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich auf 9000 Milliarden Dollar und kommt durch die Entwicklung in China jetzt ebenfalls unter Druck. Wie in China werden auch in anderen Schwellenländern Positionen an den Aktien- und Anleihemärkten abgebaut, die Währungen brechen ein. Wer sich in Dollar verschuldet hat, bekommt ein Problem.

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Zum Vergleich: Die Asienkrise von 1997/98 wurde durch die Rückführung solcher Carry Trades im Umfang von vergleichsweise läppischen 300 bis 500 Millionen Dollar verschärft.

Neben der japanischen Börse und den europäischen Aktienmärkten ist inzwischen auch Wall Street vom Baissebazillus infiziert. Wie 2007 und zuvor 2000 hat der US-Aktienmarkt mit seiner ersten Korrektur im S&P 500 jetzt ein wichtiges, auf Momentum-Indikatoren basierendes, Verkaufssignal gegeben. Der Versuch der EZB, die Märkte mit der Aussicht auf eine Aufstockung ihrer monatlichen Anleihekäufe oder eine Verlängerung der Käufe über September 2016 hinaus zu stabilisieren, ist am Donnerstag und am Freitag wirkungslos verpufft. Die Zentralbanken verlieren die Kontrolle.

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