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Finnischer Notenbankchef "Wir dürfen nicht alles an Brüssel abgeben"

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"Die Finanzkrise wird zehn Jahre dauern"

Wohin steuert Mario Draghi die EZB?
Eines kann man Mario Draghi sicher nicht vorwerfen: Tatenlosigkeit. Seit der Italiener vor bald 100 Tagen an die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) aufrückte, kramt er tief im Instrumentenschrank. Schließlich brennt es im Euroraum lichterloh - und nicht wenige sehen in der EZB den einzigen potenten Retter im Kampf gegen Schuldenkrise, drohenden Bankenkollaps und Rezession. „Realistisch gesehen verfügt gegenwärtig nur noch die Geldpolitik über die Mittel, die Wirtschaft zu beleben“, sagt etwa Ansgar Belke vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Quelle: dpa
Draghi wurde fündig. Gleich zum Amtsantritt nahm der Bank- und Finanzexperte die Zinserhöhungen von Jean-Claude Trichet (rechts) zurück. „Dies war ein Einstand mit Pauken und Trompeten, denn Draghi korrigierte die viel zu restriktive Geldpolitik seines Vorgängers“, lobt Thomas Steinemann, Chefstratege der Bank Vontobel. Quelle: dapd
Dass der renommierte Ökonom Draghi, der seit seiner Zeit bei den Analysten von Goldman Sachs den Beinamen „Super-Mario“ trägt, mit der Lockerung der Zinsschraube typisch südländisch handelte und vor allem seinem angeschlagenen Heimatland diente, glaubt in Notenbankkreisen niemand. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann soll sogar überrascht sein, in Draghi einen engen Verbündeten zu haben, für den Geldwertstabilität auch bei Konjunkturflauten das Oberziel der Notenbank bleibt. Quelle: Reuters
Während er den Leitzins bisher „nur“ auf das frühere Rekordtief senkte, betrat der Italiener mit einer anderen Maßnahme Neuland: Um einen Bankenkollaps samt Kreditklemme zu verhindern, flutete die EZB die Banken mit billigem Geld für die Rekordlaufzeit von drei Jahren. Die Draghi-„Bazooka“ wirkte: Seither können sich klamme Staaten günstiger finanzieren, Aktienkurse starteten zum Höhenflug. „Wir haben eine schwere Kreditkrise verhindert“, ist Draghi überzeugt. Quelle: dpa
Ohne Zweifel: Der Schritt hat die hypernervösen Märkte nicht nur beruhigt, sondern beflügelt. Für Ende Februar ist ein zweites Dreijahresgeschäft geplant, bei dem sich Europas Banken womöglich bis zu einer Billion Euro bei der Zentralbank leihen. „Sollte sich die Lage verschärfen, dann wäre die EZB bereit, auch einen dritten und vierten Tender mit einer Laufzeit von drei Jahren durchzuführen“, ist Jürgen Michels, Europa-Chefvolkswirt der Citigroup, überzeugt. Quelle: dpa
Der Präsident des Privatbankenverbandes BdB, Andreas Schmitz, lobt den „Schuss Pragmatismus“, mit dem die EZB in den vergangenen Monaten für Entschärfung der Krise gesorgt habe. „Aber Geld- und Fiskalpolitik müssen wieder getrennte Wege gehen“, betont Schmitz. Er habe „nicht den leisesten Zweifel“, dass Draghi das auch so sehe. Quelle: dpa
Das gigantische Verleihgeschäft birgt Gefahren. Während das Inflationsrisiko nicht unmittelbar steigt, rückte die Notenbank näher an die Politik. Denn obwohl dies nach Draghis Bekunden nicht das Ziel war, lädt das Dreijahresgeld quasi zum Nulltarif die Banken förmlich dazu ein, staatliche Bonds zu kaufen. Damit werde die EZB durch die Hintertür zum Staatsfinanzierer, moniert DIW-Experte Ansgar Belke. Quelle: PR

Welche Rolle spielt die EZB bei der Rettung der spanischen Banken?

Keine. Die EZB macht eine unabhängige Geldpolitik. Wir leihen Geld an zahlungsfähige Banken gegen angemessene Sicherheiten.

Die massive Bereitstellung von Liquidität und die Absenkung der Anforderungen an Sicherheiten dienen also nicht der Bankenrettung?

Die unbegrenzte Kreditvergabe an Banken war, als wir Ende 2008 damit begonnen haben, sehr wichtig. Damals mussten die Banken am Geldmarkt völlig übertriebene Zinsaufschläge für Liquidität zahlen, und der geldpolitische Transmissionsmechanismus war gestört. Als wir dann den Banken so viel Geld gaben, wie sie wollten, verbesserte sich die Situation. Wissenschaftliche Papiere bestätigen, dass die Vollzuteilung eine Eskalation der Krise verhindert hat.

Haben auch die zwei Dicken Berthas – also die Zentralbankkredite für Banken mit dreijähriger Laufzeit in Höhe von insgesamt einer Billion Euro – etwas gebracht?

Sie müssen diese im Zusammenhang sehen. Die Banken hatten große Probleme, sich zu refinanzieren. Das hinderte sie daran, Kredite an die Realwirtschaft zu vergeben.

Wird es eine dritte Dicke Bertha geben?

Kein Kommentar. Die Krise ist nicht vorbei. Sie begann 2007, aber einige Historiker sagen, dass Finanzkrisen zehn Jahre andauern. Erst dann sind Wachstum und Beschäftigung auf Vorkrisenniveau.

Wegen der Rezession in den Peripheriestaaten müsste die EZB die Leitzinsen eigentlich weiter senken, andererseits sind diese schon so niedrig, dass sie in stabilen Ländern wie Deutschland und Finnland zu mehr Inflation führen können. Wie wird die Zentralbank agieren?

Die EZB hat bei der Ratssitzung im Juni entschieden, den Leitzins bei 1,0 Prozent zu belassen. Es gibt das Risiko eines Abschwungs, die Wahrscheinlichkeit von Inflation und Deflation ist in der Euro-Zone ungefähr gleich hoch.

Deutschland fürchtet sich aber eher vor Inflation.

Falls es einen Preisverfall im übrigen Europa geben sollte, würde dieser die Deutschen und die Finnen ebenso treffen – schließlich sind beides Exportnationen.

Europa



Wie beurteilen Sie den Vorwurf an Bundeskanzlerin Angela Merkel, sie würde zu wenig zu einer schnellen Lösung der Euro-Krise beitragen?

Ich habe 14 Jahre in Brüssel gelebt und die deutsche Politik in europäischen Angelegenheiten verfolgt. Im ausschlaggebenden Moment hatte die deutsche Politik immer auch starke europäische Elemente. Willy Brandt, Helmut Schmidt, Helmut Kohl, Gerhard Schröder und Angela Merkel: Die Zeiten änderten sich, doch sie alle erkannten die Bedeutung von Europa. Sie haben sich alle um Lösungen bemüht. Manchmal war es hart, denn sie waren alle sehr starke Persönlichkeiten. Doch ich habe niemals ihre grundsätzliche Überzeugung von Europa bezweifelt.

Was bedeutet es für den Euro, wenn die enge Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich abkühlt?

Historisch betrachtet war der Zusammenhalt zwischen Deutschland und Frankreich immer sehr stark. Ich habe erlebt, wie Kohl und François Mitterrand miteinander umgegangen sind. Sie hatten keine gemeinsame Sprache, doch zwischen ihnen herrschte eine enge Bindung. Die Zeit mit Jacques Chirac und Schröder war nicht immer so leicht. Aber die beiden versuchten immer, eine Lösung zu finden. Für mich gibt es keinen Grund, die europäische Überzeugung von François Hollande und Merkel zu bezweifeln. Es wird einige Meinungsverschiedenheiten zwischen ihnen geben, aber ich sehe diese nicht als fundamental an.

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