WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Flughafen Istanbul-Atatürk Türkei kehrt in Rekordzeit zur Normalität zurück

Beim Anschlag auf den Flughafen Istanbul-Atatürk sterben Dutzende Menschen, Hunderte werden verletzt. Doch schon nach wenigen Stunden nimmt der Airport seinen Betrieb wieder auf. Wie sich ein Land an den Terror gewöhnt.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
"Dieses Jahr ist die reinste Katastrophe"
Vor der Wassersportanlage an der türkischen Riviera dümpeln zwei Jetski und Motorboote im türkisblauen Wasser. Die Leere hat sich manch ein Tourist vielleicht schon mal gewünscht, der sich bei 32 Grad mitten in der Hochsaison ein Plätzchen auf der Liege neben Hunderten anderen sichern musste. Verlassene Strände sind in diesem Jahr traurige Wirklichkeit in der Türkei. Das Land kommt nicht zur Ruhe: Auf Terroranschläge folgte ein Putschversuch – und nun auch noch der Ausnahmezustand. Pralle Sonne, stahlblauer Himmel, funkelndes Meer und gewaltige Berge: Weder die perfekte Urlaubskulisse noch die günstigen Preise oder der gute Service in den Hotels am Mittelmeer können so viele Touristen nach Antalya locken wie in den vergangenen Jahren. Quelle: dpa
Mehmet Tekerek am türkischen Strand Quelle: dpa
Konyaalti Quelle: dpa
Nur wenige Menschen bevölkern den Strand Konyaalti in Antalya. Quelle: dpa
Die Konsequenz dieser Unsicherheit lässt sich an der Statistik ablesen. Laut dem türkischen Tourismus-Ministerium ist die Zahl der Besucher, die im Mai im Vergleich zum Vorjahresmonat ins Land kamen, um knapp 22,9 Prozent gesunken. Betrachtet man die Region Antalya, wo die Menschen hauptsächlich vom Tourismus leben, sind die Zahlen noch dramatischer. Quelle: dpa
Turkish-Airlines-Maschine im Anflug auf Antalya Quelle: REUTERS
Der weltgrößte Reisekonzern Tui schätzt derweil, dass er in diesem Jahr mit einer Million Urlaubern nur rund halb so viele Gäste in die Türkei bringt wie 2015. Die Buchungen liegen bis jetzt 40 Prozent niedriger als im Vorjahr, nur das Last-Minute-Geschäft birgt noch Hoffnung. Quelle: dpa

Aufgeregt steht eine Gruppe von Touristen vor ihrem Hotel in Istanbul. Die Stimmen gehen durcheinander. "Fliegen wir?", "Geht unser Flugzeug?", "Ist das sicher?". "Ja, keine Sorge, wir fliegen", beruhigt der Reiseleiter. Komplett leer sind die weißgedeckten Tische der Restaurants auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

Der Atatürk Flughafen in Istanbul, kurz IST, ist einer der größten der Welt. Über 60 Millionen Passagiere fertigte er im vergangenen Jahr ab - in etwa so viele wie der Frankfurter Flughafen. Er gilt als Drehscheibe zwischen Europa und dem Nahen Osten. Von hier aus fliegt Turkish Airlines fast jedes Ziel in Europa, im Nahen Osten, Afrika und Zentralasien an. Man kann sagen: Der Flughafen von Istanbul ist einer der wichtigsten der Welt. Bislang glaubte man auch, er sei einer der sichersten.

Die Attentäter kamen mit einem Taxi und zündeten drei Bomben. Einer feuerte vorher mit einer Kalaschnikow auf Passagiere. Eine Bombe explodierte im Eingangsbereich der Abflughalle.

So schützen sich große Flughäfen vor Terror

Zu wenig Sicherheitskontrollen waren nicht das Problem: Denn an türkischen Flughäfen gibt es einen Sicherheitscheck schon vor dem Eingangsbereich, durch den auch Besucher müssen. Der wurde eingeführt, um Terroristen frühzeitig zu erkennen. Tatsächlich aber führt er zu Warteschlangen – wiederum ein leichtes Ziel für Terroristen. Genau das geschah am Dienstagabend: mindestens 41 Menschen starben, 239 wurden verletzt.

Istanbul hat sich an den Terror gewöhnt

In der Stadt selbst ist am Mittwoch wenig vom Schrecken zu spüren. Istanbul musste sich in den letzten Monaten an den Terror gewöhnen: Anfang Januar explodiert eine Bombe an der berühmten Sultan-Ahmed-Moschee und tötete eine Gruppe deutscher Touristen. Im März dann ein Anschlag auf der belebten Einkaufsstraße Istiklal, vor drei Wochen auf einen Polizei-Bus und nun das Attentat am Flughafen, dem Tor zur Türkei. Hinzu kommen die Anschläge von Ankara und im Süden der Türkei.

Der Ben-Gurion-Flughafen gilt als Vorbild
Einer der sichersten Flughäfen der WeltNach einem Anschlag mit 26 Toten im Jahr 1972 baute Israel die Sicherheitsmaßnahmen am Ben-Gurion-Flughafen aus. Der Ex-Sicherheitschef des Flughafens, Pini Schiff, plädiert für frühzeitige Kontrollen der Passagiere – ganz anders als in Ländern wie Deutschland praktiziert wird. Inzwischen gilt der Ben-Gurion-Flughafen gilt als einer der sichersten Flughäfen weltweit. So sehen die einzelnen Sicherheitsmaßnahmen aus ... Quelle: dpa
Keine Menschenansammlungen im Flughafen-GebäudeAm Ben-Gurion-Flughafen werden einzelne Personen bereits vor dem Gebäude überprüft und gar nicht erst in die Eingangshalle gelassen. Auch wird vermieden, dass sich lange Schlangen bilden. „Das Problem jedes internationalen Flughafens sind Menschenansammlungen. Deswegen braucht es ein System, damit das Sicherheitspersonal Verdächtige entdecken und schnell reagieren kann“, sagt Ex-Sicherheitschef Pini Schiff. Quelle: dpa
Geschultes Personal sorgt für SicherheitDer Ben-Gurion-Airport setzt auf sogenannte „Sicherheitskreise“: Am Flughafen arbeiten geschulte Sicherheitskräfte, die jedes Fahrzeug kontrollieren, das in das Gebiet um den Flughafen herum fährt. Am Eingang zum Flughafen ist ein weiterer Kreis, der die Leute ebenfalls überprüft. Anschließend mischt sich spezielles Sicherheitspersonal unter die Passagiere, das unerkannt bleibt. Am Ende kommt noch der Sicherheitscheck der Personen und des Handgepäcks. Am gesamten Airport sieht man keine Soldaten mit Maschinengewehren. Quelle: AP
Elite-Kampfeinheiten der israelischen ArmeeDer Airport setzt auf Sicherheitsoffiziere, die aus den Elite-Kampfeinheiten der israelischen Armee stammen. Sie werden zudem an einer speziellen Akademie bis zu weitere sechs Monate dafür trainiert, wie sie im Fall eines Terroraktes reagieren müssen. „Wir haben viel Erfahrung damit, was man gegen Terrorismus tun muss im Vergleich zu anderen Nationen“, so Pini Schiff. Quelle: dpa
Sichere Atmosphäre für die Passagiere16 Millionen Passagiere kommen pro Jahr am Ben Gurion Flughafen an. In anderen Flughäfen sind es mehr als 60 Millionen. Die israelische Philosophie lautet, eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich der Passagier nicht wie in einem Militärcamp fühlt. "Aber wir in Israel können auch Verfahren durchführen, die größere Flughäfen nicht machen können," erklärt Pini Schiff. Quelle: dpa

Istanbul übt sich darin, in Rekordzeit zur Normalität zurückzukehren. Da die Explosionen vor dem Terminal stattfanden, wurden kaum Gebäudeteile zerstört. Nur fünf Stunden blieb der Flughafen geschlossen. Der Flughafen in Brüssel fiel nach den Anschlägen vom 22. März über zehn Tage lang aus. Schon heute fliegen die meisten Maschinen wieder - wenn auch mit Verspätungen. Um 9 Uhr hob eine Maschine vom Flughafen Berlin-Tegel Richtung Istanbul ab. 

Anschläge gefährden die türkische Tourismus-Branche

Am Galata-Turm und auf der Istiklal-Straße, zwei beliebte Touristen-Orte in der Innenstadt Istanbuls, spürt man am nächsten Morgen wenig von dem Horror der vergangenen Nacht. Der Simit-Verkäufer grüßt wie jeden Tag mit Hand auf dem Herz, vor der Augenklinik sitzen wie immer ein paar Männer. Dass sie griesgrämiger als sonst dreinblicken, liegt weniger an den Anschlägen als am Fastenmonat Ramadan. Kein Essen macht schlechte Laune.

Wie immer bei Terroranschlägen ist der Schaden ein psychologischer. Sie werde versuchen, in Zukunft auch das Umsteigen am Istanbuler Flughafen zu vermeiden, sagt eine Bekannte am Telefon. Auch sie weiß, dass es dafür einen rationalen Grund gibt.

Dass der Terror die Türkei langsam, aber nachhaltig verändert, ist schon seit Längerem sichtbar. Die ersten Souvenir-Läden rund um den Galata-Turm haben bereits dicht gemacht. Die Hotel-Preise sind zum Teil um 50 Prozent gefallen.

Wohnungen anzumieten, sie zu möblieren und dann an Touristen via Airbnb zu vermieten, war die letzten Jahre ein sicheres und ertragreiches Geschäft. "Alle versuchen gerade, ihre Wohnungen abzustoßen", sagt einer der Unternehmer. "Das Geschäft ist komplett zusammengebrochen."

Urlauber fürchten um ihre Sicherheit

Große Terroranschläge in Europa

Für den Tourismus sind die Anschläge eine Katastrophe. Schon im Mai kamen 34 Prozent weniger Touristen als im Vorjahr. Vier Millionen russische Urlauber fehlen dieses Jahr aufgrund der Sanktionen, die Putin nach dem Abschuss eines Kampfflugzeuges im vergangenen November gegen die Türkei verhängt hatte.

Die Deutschen kommen nicht, weil sie um ihre Sicherheit fürchten. Nach den Anschlägen im März hieß es bei vielen Reiseveranstaltern: Noch kann sich das Geschäft erholen, sofern kein weiteres Attentat folgt. Das ist jetzt vorbei.

Gerade erst diese Woche hatte Ankara eine außenpolitische Offensive gestartet, hatte die Beziehungen zu Israel nach sechs Jahren normalisiert und Moskau um Entschuldigung gebeten. Das soll alte und neue Touristen locken.

Doch an dem Zweifrontenkrieg, den die Türkei gegen den Terror führt, ändert die neue Entspannungspolitik wenig.

Während die kurdische Terror-Organisation PKK vor allem Bomben zündet, setzt der IS auf Selbstmordattentäter. Das spricht dafür, dass auch hinter den Anschlägen vom Dienstagabend Islamisten stecken. Beide Organisationen haben angekündigt, weitere Attentate zu verüben. Bei beiden Konflikten ist keine Lösung in Sicht.

Jetzt auf wiwo.de

Sie wollen wissen, was die Wirtschaft bewegt? Hier geht es direkt zu den aktuellsten Beiträgen der WirtschaftsWoche.
Diesen Artikel teilen:
  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%