Frankreich Die Deutschen machen Fehler, Franzosen passieren sie

Die Sicht auf Deutschland hat sich für unsere in Paris lebende Frankreich-Korrespondentin Karin Finkenzeller in den vergangenen Jahren deutlich gewandelt. Die Deutschen gestehen viel offener Fehler ein als es Franzosen jemals tun würden. Das macht sie auch kompromissbereiter.

Franzosen weichen ungern von einmal eingenommenen Positionen ab und gestehen im Gegensatz zu Deutschen selten Fehler ein. Quelle: dpa

Kürzlich habe ich mir mal wieder ein paar Tage Zeit genommen, mein Saxophon eingepackt und bin in den Hunsrück gefahren, um an einem Workshop teilzunehmen. Mit meiner Pariser Adresse darf ich mich unter Saxophonisten weltweit automatisch zu den Glücklichen zählen, weil ich sozusagen im Sax-Mekka lebe: Wer es Dank der Virtuosität auf dem Instrument zu Rang und Namen bringt oder schon brachte, spielt(e) ein Selmer-Saxophon. Die werden hier seit 1885 gefertigt.

Doch diesmal hatte mein Lehrer Grund zur Klage: Er hatte sich für teures Geld ein Sopran aus der ehrenwerten Schmiede gekauft, das nicht klang, wie es klingen sollte. Mit Hilfe eines unbestechlichen Messinstruments war schnell klar, dass eines der Löcher zu tief gebohrt war - wie bei insgesamt fünf von sechs Instrumenten, die er zur Auswahl hatte. Aus Paris kam dennoch eine für den Profimusiker verblüffende Reaktion: Er sollte seinen Ansatz überprüfen, also die Art, wie er das Instrument zwischen den Lippen hielt.

Was die Deutschen mit Frankreich verbinden
Was die Deutschen mit den Franzosen verbindenAm 22. Januar jährt sich der Elysee-Vertrag zum 50. Mal. Aus diesem Anlass hat die Deutsche Botschaft am Montag in Paris das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage vorgestellt. Die Frage lautete: Welches Bild haben die Franzosen von den Deutschen und umgekehrt? Ein kurzer Überblick, über die Begriffe, mit denen die Deutschen den französischen Nachbarn identifizieren. Quelle: dpa
Wir Deutschen erinnern uns gerne an die Dinge, die in der langen Beziehung mit Frankreich über den Rhein zu uns kamen: Vor allem an die französische Küche. Egal ob Käse, Austern (im Bild) oder Coq au Vin - La cuisine francaise zählt zu den Begriffen, die am häufigsten bei der Umfrage genannt wurden. Quelle: REUTERS
Die Baguette wurde bei 27 Prozent der Befragten am häufigsten genannt.
Auch an Wein denken die Deutschen besonders häufig, nämlich 32 Prozent der Befragten. Nicht verwunderlich: Weine aus Frankreich dominieren den Weltmarkt. Im Bild: Eine Degustation in Beaune, im Weingebiet Burgund. Quelle: REUTERS
Auch oft genannt: Der Eiffelturm, das Wahrzeichen der französischen Hauptstadt. 37 Prozent der Befragten dachten spontan als erstes an dieses Monument aus Stahl und Schrauben, das im 19. Jahrhundert gebaut wurde. La Tour Eiffel zählt zu den größten Touristenmagneten der Stadt. Quelle: Reuters
Auf dem ersten Platz: Die Hauptstadt Paris, die bei 56 Prozent der Befragten als erstes genannt wird. Das wirtschaftliche und politische Zentrum Frankreichs verbindet wie wenige Hauptstädte auf der Welt die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Landes. Der Arc de Triomphe und das Büroviertel La Défense (beides im Bild) sind ein gutes Beispiel dafür. Quelle: REUTERS

Ich war nicht ganz so überrascht. Je länger ich in Frankreich lebe und über die kulturellen Unterschiede zum Nachbarn Deutschland nachdenke, desto mehr konzentrieren sie sich auf eine einzige Formel: Franzosen weichen ungern von einmal eingenommenen Positionen ab und gestehen im Gegensatz zu Deutschen selten Fehler ein. Das führt dazu, dass in privaten, aber auch allen gesellschaftlichen Beziehungen - gerade auch den grenzüberschreitenden - Kompromisse ungleich schwieriger sind als jenseits des Rheins. Von Reformen ganz zu schweigen.

Einen Beweis für meine These liefert meiner Meinung nach bereits die französische Sprache, und wie Fehler (die nun einmal auch in Frankreich auftreten) formuliert werden. "Un erreur s'est produit." Wörtlich übersetzt hat sich ein Fehler also produziert, ganz eigenständig und ohne das Zutun von Menschenhand. Im Deutschen kann man auch sagen, dass sich ein Fehler "ereignet" hat, oder hübscher: "Der Fehlerteufel hat sich eingeschlichen." Aber viel häufiger wird doch aktiv formuliert. "Ich habe einen Fehler gemacht."

Ich hätte die Ursache dafür spontan in der deutschen Geschichte zwischen 1933 und 1945 gesucht. Ein Volk, das von sich selbst nicht ganz so überzeugt ist, weil es vor aller Welt den Beweis für ein schweres Versagen abgeliefert hat, scheint sich leichter in Frage stellen zu können.

Ein (französischer) Freund findet eine Erklärung für den unterschiedlichen Umgang mit persönlichen Versäumnissen bereits in der Religion. Die mehrheitlich protestantischen Deutschen seien eben davon überzeugt, dass niemand je wirklich frei von Schuld sei. Dass das Bekenntnis von Sünden bei Katholiken einen hohen Stellenwert hat, ändert nichts an der Tatsache, dass die Deutschen als kollektiver Racheengel wahr genommen werden. Der bestraft, anstatt die von - menschlich verständlichen - Rückfällen begleitete Bereitschaft zur Umkehr zu belohnen.

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