Frankreich Eine Bergregion zeigt Paris, wie Wirtschaft geht

Die französische Regierung von François Hollande streitet über Steuererhöhungen und Industriepolitik. Eine kleine Bergregion an der Grenze zur Schweiz steht derweil blendend da.

Das Département Haute-Savoie, dem

Annabelle Schont will ein hohes "A" hören. So kristallklar wie aus den Kehlen eines Knabenchors. Ein ums andere Mal greift sie in die Palette mit Feuerzeugen auf ihrem Arbeitstisch und lässt den Unterarm nach oben schnellen, während der Daumen die Schutzkappe aufschnippt. "Madame Cling", wie jeder sie in der Firma nennt, ist streng. Nur zwei oder drei von zehn Feuerzeugen bestehen auf Anhieb den Test. Die übrigen müssen zur Nachbearbeitung zurück in die Produktion. Denn nur ein Feuerzeug, das beim Öffnen ein hohes "A" singt, darf den berühmten Namen S.T. Dupont tragen.

Perfektion bis ins kleinste Detail ist das Markenzeichen des französischen Luxusherstellers und steht auch für den Erfolg seiner Heimatregion Hoch-Savoyen. Ausgerechnet eine der einst ärmsten Gegenden Frankreichs steht heute wirtschaftlich bedeutend besser da als der Rest des Landes. Während man es im Pariser Wirtschaftsministerium schon als Erfolg verbucht, dass dank geringerer Importe das Defizit der Handelsbilanz zuletzt "nur" noch 4,3 Milliarden Euro betrug, wird hier an der Grenze zur Schweiz mit dem Export von Industrieprodukten richtig Geld verdient.

"Petite Allemagne" , kleines Deutschland, nennen die Hoch-Savoyer deshalb ihre Region. Ihrer Meinung nach sollten die Politiker aus der Hauptstadt Paris mal auf Lehrfahrt in die Berge reisen - und nicht nur zum Skifahren wie in den Weihnachtsferien Industrieminister Arnaud Montebourg.

Was die Franzosen mit Deutschland verbinden
Was die Franzosen mit Deutschland verbindenDie Deutsche Botschaft in Paris hat im vergangenen Jahr das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage vorgestellt. Die Frage lautete: Welches Bild haben die Franzosen von den Deutschen und umgekehrt? Fest steht: Es ist eine lange Geschichte der Anerkennung, aber auch der Anfeindung. Ein kurzer Überblick, über die Begriffe, mit denen die Franzosen uns Deutsche identifizieren. Quelle: dpa
Abgeschlagen auf den hinteren Plätzen landeten Begriffe wie „Hitler“, „Nazis“ und „Krieg“. Die Autoren der Studie schlussfolgern daraus: Germanophobie gibt es in Frankreich kaum noch. Gerade die jüngeren Franzosen denken mit Blick auf die vergangenen Jahrzehnte eher an den Fall der Mauer, als an Deutschlands Rolle unmittelbar vor und während des Zweiten Weltkrieges. Quelle: AP
Die Franzosen reden bei Deutschland von "Respekt" (33 Prozent); die Deutschen eher von "Sympathie" (65 Prozent). Die Frage, ob Deutschland ein Verbündeter oder gar ein Freund ist, haben die Franzosen in der Vergangenheit auch mal giftig beantwortet. Der französische Schriftsteller Francois Mauriac sagte einst: "Ich liebe so sehr Deutschland, dass ich mich freue, dass es gleich zwei davon gibt". Er meinte die Bundesrepublik und die DDR. Nun wählen die Franzosen den Begriff "Partnerschaft", um ihre Beziehung zu Deutschland zu beschreiben. Daran soll sich auch künftig nichts ändern - laut der Umfrage der Deutschen Botschaft in Paris schätzen 45 Prozent der Befragten Deutschland als privilegierten Partner. Anders sehen das die Deutschen: 72 Prozent wollen Frankreich als ein Land wie jeden anderen Partnerstaat sehen. Quelle: dpa
Die Würstchen oder das Sauerkraut nannten zwölf Prozent der Befragten als was typisch Deutsches. Man muss davon ausgehen, dass die deftige Küche als Beispiel deutscher Kochkünste herhalten muss. Quelle: dpa
Das deutsche Auto genießt bei den Franzosen ein hohes Ansehen. 18 Prozent der Befragten gaben das an erster Stelle an - genauso viele, die "Strenge" nannten. Gerade in Wirtschaftsangelegenheiten dient Deutschland aus französischer Sicht als Vorbild: 63 Prozent der Befragten gaben an, dass sich Frankreich stärker am deutschen Modell ausrichten sollte. Entsprechend hoch ist auch der Wille, dass die künftige Kooperation mit deutschen Unternehmen verstärkt werden sollte - 38 Prozent der Franzosen vertraten diese Meinung. Quelle: dpa
Die deutschen Rheinnachbarn werden auch stark mit ihrem Bier assoziiert: 23 Prozent der Befragten nannte als erst das deutsche Getränk par excellence. Quelle: AP
Gefragt nach einem spontanen Gedanken zu Deutschland, wurde der Nachname der deutschen Bundeskanzlerin bei der Umfrage der Deutschen Botschaft am meisten genannt. 29 Prozent der Befragten gaben " Merkel" an. Nicht nur für die Franzosen verkörpert die Bundeskanzlerin die Werte Fleiß, Disziplin und Rechtschaffenheit. Dass Merkel in Paris einen hohen Stellenwert genießt, zeigte sich schon im Sommer 2011. Eine breite Mehrheit der Franzosen hatte in einer Umfrage der französischen Zeitung "Le Parisien" erklärt, sie trauen der Deutschen eher als dem damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zu, die Schuldenkrise zu lösen. Mit dem sozialistischen Präsidenten Francoise Hollande dürfte die Zahl nicht kleiner geworden sein. Quelle: REUTERS

Die Zahlen sind in der Tat beeindruckend. 30 Prozent beträgt der Anteil der Industrieproduktion am regionalen Bruttoinlandsprodukt. In ganz Frankreich sank die Quote zwischen den Jahren 2000 und 2011 von 18 auf nur noch 12,5 Prozent. Die Arbeitslosigkeit in Hoch-Savoyen liegt mit 7,4 Prozent weit unter dem landesweiten Schnitt von zuletzt 9,9 Prozent. Die Handelsbilanz weist einen Überschuss von 611 Millionen Euro auf.

An der Geduld und Ausdauer der Einheimischen, die schon die Schweizer Uhrmacher im 19. Jahrhundert schätzten und auch die Söhne von Firmengründer Simon Tissot Dupont vor fast hundert Jahren aus dem quirligen Paris in die ruhige Provinz lockten, kann es allein nicht liegen. Auch nicht an der Mentalität der Bergbewohner, die der konservative Regionalpolitiker Christian Monteil beschwört: "Wenn Sie einen Montagnard vor eine Steigung stellen, wird er immer hinaufklettern und nicht hinunter."

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%