Frankreich Hollande regiert im Zickzack-Kurs

Seit einem Jahr ist der Präsident François Hollande im Amt. Seine Bilanz ist ernüchternd: Das Volk ist wütend - und die Beziehungen zu Deutschland befinden sich auf dem Gefrierpunkt.

Vor den Wahlen waren die Erwartungen an Hollande ungeheuer groß. Er hat sie selbst angefeuert. Quelle: rtr

Castéras ist ein kleines Dorf am Fuß der französischen Pyrenäen. Vor genau einem Jahr haben die 24 wahlberechtigten Bewohner geschlossen für den Sozialisten François Hollande als neuen französischen Staatschef gestimmt. Sie würde es auch heute wieder tun, betonen Jeanine, Yves, Georges und Eugène, vier unerschrockene Rentner. Damit fallen sie schon wieder aus dem Rahmen. Denn landesweit sind Umfragen zu Folge drei von vier Bürgern inzwischen enttäuscht von ihrem Präsidenten. In Paris, 743 Kilometer von Castéras entfernt, wollen die Organisatoren einer Protestkundgebung an diesem Sonntag mehr als 100.000 Leute auf die Straße bringen.

Beunruhigen muss die Demonstration Hollande, weil nicht etwa die konservative Opposition dazu aufgerufen hat. Vielmehr versucht Frankreichs extreme Linke, ihn mit einer Front aller Enttäuschten zu einer Regierungsumbildung zu zwingen und von Einsparungen im Haushalt und ihrer Meinung nach zu unternehmerfreundlichen Reformen abzubringen.

Was die Franzosen mit Deutschland verbinden
Was die Franzosen mit Deutschland verbindenDie Deutsche Botschaft in Paris hat im vergangenen Jahr das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage vorgestellt. Die Frage lautete: Welches Bild haben die Franzosen von den Deutschen und umgekehrt? Fest steht: Es ist eine lange Geschichte der Anerkennung, aber auch der Anfeindung. Ein kurzer Überblick, über die Begriffe, mit denen die Franzosen uns Deutsche identifizieren. Quelle: dpa
Abgeschlagen auf den hinteren Plätzen landeten Begriffe wie „Hitler“, „Nazis“ und „Krieg“. Die Autoren der Studie schlussfolgern daraus: Germanophobie gibt es in Frankreich kaum noch. Gerade die jüngeren Franzosen denken mit Blick auf die vergangenen Jahrzehnte eher an den Fall der Mauer, als an Deutschlands Rolle unmittelbar vor und während des Zweiten Weltkrieges. Quelle: AP
Die Franzosen reden bei Deutschland von "Respekt" (33 Prozent); die Deutschen eher von "Sympathie" (65 Prozent). Die Frage, ob Deutschland ein Verbündeter oder gar ein Freund ist, haben die Franzosen in der Vergangenheit auch mal giftig beantwortet. Der französische Schriftsteller Francois Mauriac sagte einst: "Ich liebe so sehr Deutschland, dass ich mich freue, dass es gleich zwei davon gibt". Er meinte die Bundesrepublik und die DDR. Nun wählen die Franzosen den Begriff "Partnerschaft", um ihre Beziehung zu Deutschland zu beschreiben. Daran soll sich auch künftig nichts ändern - laut der Umfrage der Deutschen Botschaft in Paris schätzen 45 Prozent der Befragten Deutschland als privilegierten Partner. Anders sehen das die Deutschen: 72 Prozent wollen Frankreich als ein Land wie jeden anderen Partnerstaat sehen. Quelle: dpa
Die Würstchen oder das Sauerkraut nannten zwölf Prozent der Befragten als was typisch Deutsches. Man muss davon ausgehen, dass die deftige Küche als Beispiel deutscher Kochkünste herhalten muss. Quelle: dpa
Das deutsche Auto genießt bei den Franzosen ein hohes Ansehen. 18 Prozent der Befragten gaben das an erster Stelle an - genauso viele, die "Strenge" nannten. Gerade in Wirtschaftsangelegenheiten dient Deutschland aus französischer Sicht als Vorbild: 63 Prozent der Befragten gaben an, dass sich Frankreich stärker am deutschen Modell ausrichten sollte. Entsprechend hoch ist auch der Wille, dass die künftige Kooperation mit deutschen Unternehmen verstärkt werden sollte - 38 Prozent der Franzosen vertraten diese Meinung. Quelle: dpa
Die deutschen Rheinnachbarn werden auch stark mit ihrem Bier assoziiert: 23 Prozent der Befragten nannte als erst das deutsche Getränk par excellence. Quelle: AP
Gefragt nach einem spontanen Gedanken zu Deutschland, wurde der Nachname der deutschen Bundeskanzlerin bei der Umfrage der Deutschen Botschaft am meisten genannt. 29 Prozent der Befragten gaben " Merkel" an. Nicht nur für die Franzosen verkörpert die Bundeskanzlerin die Werte Fleiß, Disziplin und Rechtschaffenheit. Dass Merkel in Paris einen hohen Stellenwert genießt, zeigte sich schon im Sommer 2011. Eine breite Mehrheit der Franzosen hatte in einer Umfrage der französischen Zeitung "Le Parisien" erklärt, sie trauen der Deutschen eher als dem damaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy zu, die Schuldenkrise zu lösen. Mit dem sozialistischen Präsidenten Francoise Hollande dürfte die Zahl nicht kleiner geworden sein. Quelle: REUTERS

Paris ist mit eigenen Problemen beschäftigt

Wäre Frankreich irgendein Land von nachrangiger Bedeutung in Europa, wäre dies noch zu verschmerzen. Doch zusammen mit Deutschland war die zweitgrößte europäische Wirtschaftsmacht bisher der wichtigste Motor, der die EU voran brachte. Seit Monaten haben die Partner keine wegweisende gemeinsame Initiative ergriffen. Stattdessen ist Paris mit eigenen wirtschaftlichen Problemen beschäftigt. Die Arbeitslosigkeit steigt seit 23 Monaten unaufhörlich und beträgt inzwischen mehr als zehn Prozent. Nach dem Internationalen Währungsfonds (IWF) rechnet nun auch die EU-Kommission für dieses Jahr mit einer Rezession und räumt Frankreich deshalb eine Frist bis 2015 ein, um sein Haushaltsdefizit wieder unter die Drei-Prozent-Marke zu bringen.

Fakten zu François Hollande

"Nach der Wahl Hollandes waren die Erwartungen an ihn ungeheuer groß", erklärt Claire Demesmay, Frankreich-Expertin bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin, den tiefen Fall des Sozialisten. Vielen Franzosen sei immer noch nicht klar, dass angesichts der Lage keine Füllhörner auszuschütten seien.

Doch Hollande selbst hatte den Eindruck erweckt. In seinem Wahlprogramm hatte er Zuckerbrot für die benachteiligten Schichten der Gesellschaft und die Peitsche für Großverdiener und die Finanzwelt. Den Stabilitätspakt, den die EU-Partner noch mit seinem Amtsvorgänger Nicolas Sarkozy ausgefochten hatten, wollte er neu verhandeln und für mehr soziale Gerechtigkeit sorgen. Gewiss, Hollande versprach auch, bis zum Ende seiner fünfjährigen Amtszeit einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen - was Frankreich seit 1974 nicht mehr geschafft hat. Aber der Arztsohn aus Rouen, der eines seiner drei Diplome von der renommierten Handelshochschule HEC Paris hat, ging dabei von optimistischen Wachstumszahlen für die französische Wirtschaft aus: Plus 1,7 Prozent für 2013, 2 Prozent für 2014 und zwischen 2 und 2,5 Prozent für die folgenden Jahre.

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