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Freytags-Frage
Der Komiker Dieter Nuhr (Archivbild) Quelle: dpa

Darf man Witze über Greta machen?

Ein Komiker macht Witze auf Kosten von Greta Thunberg und wird dafür von Klimaaktivisten scharf angegangen. Dabei übersehen die Kritiker eine wichtige Aufgabe von Humor.

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Über Nelson Mandela, den südafrikanischen Präsidenten der Jahre 1994 bis 1999 sind viele Anekdoten überliefert, eine davon betrifft seinen Umgang mit Kritik und Witzen auf seine Kosten. Er soll eines Tages bei Zapiro, dem legendären südafrikanischen Karikaturisten angerufen haben, um sich darüber zu beschweren, dass dieser lange nicht mehr über ihn, Mandela, gewitzelt hätte. Er hätte unter anderem dafür 27 Jahre im Gefängnis verbracht, dass die Regierenden von den Bürgern kritisiert werden könnten. Und nun unterbliebe das!

Das ist ein Beispiel für souveränen Umgang mit Kritik, zumal witzig, bisweilen sogar bissig vorgetragener Kritik. Der folgende Vergleich ist zwar in vielerlei Hinsicht schief, aber die jüngsten Reaktionen auf Witze über die Initiativen zum Klimaschutz sind alles andere als souverän.

In Deutschland wurde nämlich vor Kurzem sehr harsch auf Witze über Umweltschützer reagiert. Dieter Nuhr, der bekannte deutsche Komiker, hatte es doch gewagt, sich in seiner Sendung über die jugendlichen Klimaaktivisten, namentlich Greta Thunberg lustig zu machen. Dafür erntete er viel Kritik, zum Teil Hass im Internet. Es wurden Forderungen laut, ihn aus dem Programm zu kicken. Er wurde sogar als humoristischer Arm der Pegida bezeichnet.

Nun ist Greta Thunberg nicht mit Nelson Mandela zu vergleichen und Dieter Nuhr nicht mit Zapiro, allerdings haben sie eines gemeinsam: Weder Zapiro noch Nuhr bedienen sich ehrenrühriger Methoden. So waren die Witze von Nuhr über Greta Thunberg oder die Klimaaktivisten in keiner Weise persönlich beleidigend. Sie bezogen sich auf deren Positionen.

Den größten Unterschied muss man aber im Umgang mit Humor im Südafrika Mandelas und im heutigen Deutschland konstatieren. Mandela wollte Auseinandersetzung; er wusste auch um die verbindende Kraft von Humor. Er hat die Arbeiten der Komiker und Karikaturisten richtig eingeschätzt.

Diejenigen, denen Nuhr auf die Füße getreten ist, reagieren gänzlich anders, nämlich undemokratisch und totalitär. Für sie scheint es nur eine Wahrheit zu geben. Wer andere Positionen vertritt oder die Position der Klimaaktivisten auf ihre Sachlogik testet, soll möglichst vom öffentlichen Diskurs ausgeschlossen werden, selbst wenn er oder sie nur witzelt. Das erinnert an Autokraten wie die Herren Erdogan, Putin oder Xi Jinping. Nebenbei: Der nächste Schritt einer solchen Säuberung wären dann Haftstrafen.

Dabei sind Humoristen wie Dieter Nuhr insofern wichtig, als dass sie regelmäßig Inkonsistenzen in der Argumentation aufgreifen, die von vielen gesehen, aber oftmals nicht angesprochen werden. Im Falle der Klimapolitik zeigt Dieter Nuhr auf, dass ein Zielkonflikt besteht, der nicht einfach aufzulösen ist. Seine Methode ist der Witz. Man kann zwar über die Originalität mancher Sprüche in der fraglichen Sendung diskutieren, aber eines wurde deutlich: Klimapolitik ist nicht kostenlos; vielmehr muss man etwas aufgeben, wenn Energie verteuert wird. Klimaaktivisten wie auch zahlreiche Politiker scheinen zu glauben, dass dieser Konflikt nicht besteht oder irrelevant ist. Sie urteilen absolut, alles scheint sich dem Klimaschutz unterordnen zu müssen.

Diese absolutistische Haltung bewirkt in der Regel allerdings keine Einsicht bei weniger einseitig eingestellten Menschen, selbst dann, wenn die angesprochenen Probleme sehr real und Lösungen absolut notwendig sind. Vielmehr erzeugt sie bisweilen ebenso absolutistischen Widerstand. Dieser wird sichtbar in der Ankündigung der sogenannten Alternative für Deutschland (AfD), die Gegnerschaft zum Klimaschutz zur dritten Säule ihrer Politik zu machen (Gegen Europa, gegen Ausländer, gegen Klimaschutz!).

In diesem extremen politischen Klima – die einen für absoluten Klimaschutz, die anderen absolut dagegen – haben es diejenigen schwer, die für Mittelwege und Vernunft im Klimaschutz argumentieren, obwohl sie die Mehrheit auf ihrer Seite haben. Sie dringen nicht durch, werden niedergebrüllt. Da kommen die Komiker gerade recht. Sie geben der Vernunft dadurch eine Stimme, dass sie die absolutistischen Positionen lächerlich machen. Insofern ist Dieter Nuhr in Sachen Klimapolitik nicht der humoristische Arm der Pegida, sondern eher die humoristische Stimme der Vernunft. Es wäre geradezu boshaft, ihm unterstellen zu wollen, dass er das Klimaproblem nicht ernst nähme oder ein Fürsprecher der AfD wäre. Man kann deshalb nur hoffen, dass er nicht einknickt. Denn in einer freien Gesellschaft darf man sich über alles und jeden lustig machen, wenn es in angemessener Form geschieht.

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