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Freytags-Frage
Klimaaktivisten protestieren am Donnerstag im Vorfeld des Klimagipfels in Glasgow. Quelle: imago images

Kann der Klimagipfel den ersehnten Durchbruch bringen?

Niemand kann von der Nutzung der Atmosphäre als CO2-Senke ausgeschlossen werden – den Schaden haben alle. Mit vier großen Zielen soll der Gipfel in Glasgow den Klimaschutz voranbringen. Doch die Vorzeichen sind schlecht.

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Am Sonntag beginnt die 26. Klimakonferenz (COP26) in Glasgow. Dann werden Politiker, Aktivisten und Wissenschaftler (die bisweilen von den Aktivisten kaum zu unterscheiden sind), über die Klimapolitik der Zukunft beraten. Allgemein wird von der enormen Dringlichkeit eines wirksamen Klimaschutzes gesprochen; die Erwartungen sind also hoch. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt erscheinen die Voraussetzungen für einen klimapolitischen Durchbruch jedoch denkbar schlecht, und dies aus verschiedenen Gründen.

Zunächst fällt auf, dass der britische Gastgeber Premierminister Boris Johnson etwas angeschlagen wirkt, hat er doch in Großbritannien mit den Folgen des Brexit eigentlich genug zu tun. Er wirkt dabei keineswegs so, als hätte er die Lage im Griff. Von ihm sind somit keine Impulse und keine echte Führung zu erwarten.

Weiterhin haben zwei wichtige Akteure, die zusammen für etwa ein Drittel der weltweiten Treibhausgasemissionen stehen, bereits abgesagt. Weder die Präsidenten Putin aus Russland noch Xi Jinping aus China werden dabei sein, was durchaus als ein Ausdruck der mangelnden Wertschätzung der Bemühungen der Weltgemeinschaft um eine gemeinsame Lösung interpretiert werden kann. Aber auch in der Europäischen Union (EU) sind die Voraussetzungen für einen starken Beitrag zum Klimaschutz gering, gibt es doch Streit um die Frage, wie die steigenden Energiepreise und deren Folgen zu bewältigen seien.



Dabei ist viel zu tun. Auf der offiziellen Website sind vier große Ziele aufgeführt, die Sinn ergeben, aber auch unter besseren Voraussetzungen sicherlich nicht leicht zu erreichen wären.

Erstens sollen die Staaten dafür Sorge tragen, dass die Klimaziele eingehalten werden, dass also bis Mitte des 21. Jahrhunderts die Treibhausgasemissionen auf Null zurückgehen, damit das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken, erreicht werden kann. Dazu müssen die Regierungen laut COP26-Website den Kohleausstieg beschleunigen, den Regenwald besser schützen, die Elektromobilität fördern und die Investitionen in erneuerbare Energien steigern. Die Komplexität dieser Aufgaben sieht man bereits sehr klar an deutscher Verwaltungspraxis; ob es anderswo besser funktioniert, ist offen.

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    Zweitens geht es um Adaption. Die bereits heute vom Klimawandel betroffenen Länder sollen darin unterstützt werden, die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um die Folgen des Klimawandel zu bewältigen. Dazu gehören die Wiederherstellung von Naturräumen und die Steigerung der Resilienz gegenüber Klimaschäden. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund versuchen die Länder im Pazifischen Ozean, auf die anderen Druck auszuüben.

    Diese Aufgaben benötigen drittens viel Geld. Da vom Klimawandel wohl hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, Entwicklungs- und Schwellenländer, die zudem noch am wenigsten dazu beigetragen haben, betroffen sein werden, wird das Thema der finanziellen Unterstützung wieder aufgegriffen. Im Rahmen des Pariser Klimaschutzabkommens hatten sich die Industrieländer verpflichtet, ab 2020 jedes Jahr 100 Milliarden US-Dollar für die betroffenen Länder zusammenzubringen. Davon ist die Weltgemeinschaft weit entfernt.

    Viertens betonen die Gastgeber und die Vereinten Nationen die Notwendigkeit umfassender Zusammenarbeit. Regierungen, Unternehmen und die Zivilgesellschaft auf nationaler Ebene müssten genauso zusammenarbeiten wie die Regierungen auf internationaler Ebene, um ihre in Paris vereinbarten Ziele umzusetzen.

    Es gehört viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, dass es gelingt, die vielen unterschiedlichen Interessen einzelner Regierungen und anderer nicht-staatlicher Akteure so zu bündeln, dass es wirklich zu bahnbrechenden Vereinbarungen kommen kann. Die Beteiligung von Aktivisten macht es nicht leichter, den Ausgleich hinzubekommen. Von deren Seite wird das Thema regelmäßig moralisch so stark aufgeladen, dass gerade die vielbeschworene Zusammenarbeit kaum noch möglich erscheint.



    Im Grundsatz ist es eigentlich sehr einfach. Es handelt sich beim Klima beziehungsweise bei der Atmosphäre als Senke für CO2 um ein Allmendegut. Niemand kann von der Nutzung der Atmosphäre als Senke ausgeschlossen werden, den Schaden haben alle. Deshalb müsste es im Interesse aller sein, dieses Problem zu lösen. Allerdings wird es auch im Interesse aller sein, die anderen zur Lösung dieses Problems zahlen zu lassen. Das Trittbrettfahrerverhalten ist überall sichtbar. Dies ist jedoch kein genuin moralisches Problem, sondern ein technisches.

    Technische Problem erfordern technische Lösungen. Es muss nüchtern, nicht moralisierend, analysiert werden, welche Instrumente am besten geeignet sind, den Klimawandel zu begrenzen und die Erderwärmung zu begrenzen. Dabei müssen die Interessen der Menschen auf allen Kontinenten berücksichtigt werden und die kurze mit der langen Frist versöhnt werden, denn die Zeithorizont vieler Menschen ist deutlich kürzer als der Zeitraum, den die Vereinten Nationen bis zum Erreichen von Null Emissionen ansetzen. Regierungen in demokratischen Ländern denken regelmäßig noch kurzfristiger, nämlich in der Länge einer Wahlperiode. All das muss berücksichtigt werden. Es muss aber auch jedem klar sein, dass niemand dem Klimawandel entkommen kann.
    Klimaschutz macht aus Sicht der meisten Beteiligten nur Sinn, wenn er fair die Lasten verteilt, wenn er effektiv ist und wenn er effizient durchgeführt wird. Wenn die Politik dann effektiv, effizient und sozialverträglich (auch im internationalen Sinne) ist, ist sie auch moralisch in Ordnung. In dieser Reihenfolge muss das Problem angegangen werden.

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    Damit ist der Weg vorgegeben. Die reichsten Länder – einschließlich China – müssen sich zu ambitionierten Einsparungen und einem schnellen Pfad zu Klimaneutralität verpflichten. Diese Verpflichtung muss dann individuell umgesetzt werden – idealerweise mit einer Marktlösung. Den ärmsten Ländern muss man helfen, entweder mit Geld, mit Technologien oder wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Wenn man bedenkt, wie wenig effektiv Entwicklungshilfe ist, sollte auf Technologietransfer und wirtschaftliche Zusammenarbeit setzen. Damit hat Klimaschutz das Potential, zum gemeinsamen Interesse und zum erfolgversprechenden Geschäftsmodell werden. Ob dies gelingt, mag bezweifelt werden. Dennoch ist es sicher einen Versuch wert; aufgeben darf angesichts der Herausforderung keine Alternative sein.

    Mehr zum Thema: So wollen Unternehmen Ökostrom ohne Stütze vom Staat vorantreiben.

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