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Freytags-Frage

Wann gibt es die überfälligen Reformen?

Nie war die Jugendarbeitslosigkeit, speziell in den südeuropäischen Ländern, höher als heute. Dennoch scheint es an einer Bereitschaft zu mangeln, die längst überfälligen Strukturreformen durchzusetzen.

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Nie war eine Generation besser ausgebildet als die heute 30-jährigen. Nie allerdings war die Jugendarbeitslosigkeit, speziell in den südeuropäischen Ländern, höher als heute. Quelle: dpa

Moderne hochentwickelte (und alternde) Volkswirtschaften wie diejenigen Europas brauchen vor allem Innovationen und Investitionen in Bildung ihrer Jugend, um ihren Wohlstand zu sichern. Diese Erkenntnis kann inzwischen als Binsenweisheit gelten. Sie ist auch recht überzeugend in Europa umgesetzt worden: Nie war eine Generation besser ausgebildet als die heute 30-jährigen. Nie allerdings war die Arbeitslosigkeit unter genau dieser Generation höher als heute. Ein Hohn?

Deutschlands Spitzen-Universitäten 2012
RWTH AachenAachen liegt in allen technischen Disziplinen vorne. Das ist auch der Anspruch der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH), die als eine der wenigen deutschen Elite-Unis gilt. Mit ihrem Zukunftskonzept „RWTH 2020“ hat sie sich zum Ziel gesetzt, bis zum Ende des Jahrzehnts eine der weltweit besten „integrierten interdisziplinären technischen Hochschulen“ zu werden. Diese Anstrengungen fördert die Bundesregierung mit ihrer Exzellenz-Initiative. Exzellenz bescheinigt die WirtschaftsWoche der RWTH auch in ihrem Uni-Ranking: Sie belegt den ersten Platz in Naturwissenshaften, Elektrotechnik, Wirtschaftsingenieurwesen und Maschinenbau. Bei Informatik steht Aachen auf dem zweiten Platz Quelle: dapd
Uni MannheimJunge Universität, alter Sitz. Erst 1967 wurde die Mannheimer Handelshochschule zur Universität erhoben. Die im Mannheimer Barockschloss heimische Hochschule gehört damit zu den jüngeren deutschen Unis. Aufgrund ihrer wirtschaftswissenschaftlichen Ursprünge, zeigt sich in diesem Bereich auch die Kompetenz der Uni. Im Hochschul-Ranking der WirtschaftsWoche belegt sie in den Fächern VWL und BWL jeweils den ersten Platz. Außerdem ist sie in den Top 10 jeweils in Wirtschaftsinformatik (3), Informatik (8) und Jura (8). Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche
Karlsruher Institut für Technologie (KIT)Die Uni Karlsruhe war die Informatik-Pionierin unter den deutschen Hochschulen. 1969 etablierte sie als erste deutsche Hochschule einen Informatik-Diplomstudiengang, drei Jahre später entstand in Karlsruhe die erste deutsche Fakultät für Informatik. Nachdem, sie sich 2005 den Zusatz „Forschungsuniversität“ gab fusionierte sie 2009 mit dem Kernforschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft zum Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Die Informatik-Pionierarbeit hat sich gelohnt: Das KIT belegt in dem Fach den ersten Platz im WirtschaftsWoche-Ranking. Bei Elektrotechnik, Maschinenbau und Wirtschaftsingenieurwesen kommt das KIT auf den zweiten Platz, bei Naturwissenschaften auf den dritten. Quelle: dpa
Technische Uni München (TUM)Die Bundesregierung zeichnete die Technische Uni München (TUM) gleich doppelt aus: Einerseits gehörte sie 2007 zu den ersten drei geförderten Hochschulen ihrer Exzellenz-Initiative, andererseits ernannte sie der Bund als Teil seiner Existenzgründer-Initiative „Exist“ zur Gründerhochschule. Denn an der TUM soll nicht nur geforscht, sondern damit auch Geld verdient werden. Dafür hat sie mit der UnternehmerTUM GmbH etwa eine eigene Unternehmensberatung für ihre Studenten gegründet, die auch über einen Förder-Fonds verfügt. Im Fach Wirtschaftsinformatik verleiht die WirtschaftsWoche der TUM den ersten Platz unter der deutschen Hochschulen, bei Naturwissenschaften gibt es den zweiten Platz, bei Elektrotechnik, Maschinenbau und Wirtschaftsinformatik den dritten Platz, sowie bei BWL den zehnten Platz. Quelle: Technische Universität München, Albert Scharger
Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)Konrad Adenauer, Theodor Heuss und Gustav Heinemann studierten hier schon: Die 1472 gegründete Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) zählt zu den renommiertesten Universitäten Deutschlands. Im internationalen Times-Higher-Education-Ranking wurde sie 2011 als beste deutsche Universität ausgezeichnet, beim Ranking der Shanghaier Jiao-Tong-Universität landet sie in Deutschland auf dem zweiten Platz nach der TU München. Bei der WirstchaftsWoche belegt sie den ersten Platz im Fach Jura, sowie den dritten Platz bei BWL und VWL, sowie den vierten bei Naturwissenschaften. Quelle: Creaitve Commons: CC BY-SA 3.0
Uni KölnDicht hinter Mannheim, liegt in den Wirtschaftswissenschaften die Uni Köln. Bei VWL und BWL belegt sie im WirtschaftsWoche-Ranking den zweiten Platz, bei Jura Platz 3 und bei Wirtschaftsinformatik Platz 5. Genau wie in Mannheim, geht auch die Kölner Uni auf eine Handelshochschule zurück. Gegründet im Jahr 1901, wurde sie 1919 zur Universität umgewandelt. Ihre Vorgänger-Uni wurde 1388 als vierte Universität im deutsch-römischen Kaiserreich gegründet. 1798 wurde sie unter napoleonischer Besetzung geschlossen. Die heutige Universität zu Köln wird ebenfalls von der Exzellenz-Initiative der Bundesregierung gefördert. Quelle: dpa/dpaweb
Technische Uni DarmstadtHoheitlich ist der Sitz des Technischen Uni Darmstadt. Wie in Mannheim, beherbergt auch in Darmstadt ein Residenzschloss die Hochschule. Ihr universitärer Status ist allerdings ganze 30 Jahre jünger als der Mannheimer. Seit 1877 ist sie eine Technische Hochschule, zur Universität wurde sie erst 1997. Getreu ihrem Namen liegen ihre Stärken im technischen Bereich: Beim Wirtschaftsingenieurwesen landet sie im WirtschaftsWoche-Ranking auf dem dritten Platz, bei Informatik, Elektrotechnik und Maschinenbau kommt sie auf den vierten, bei Naturwissenschaften auf Rang 5. Quelle: Bert Bostelmann für WirtschaftsWoche

Auf keinen Fall. Die Situation der Jugend speziell in den südlichen Ländern Europas - die dort hohe Jugendarbeitslosigkeit - hat mit der Bildung nichts zu tun. Die Ursachen sind in verkrusteten Arbeitsmärkten mit Insider-Outsider-Problemen und Überregulierungen auf Güter- und Dienstleistungsmärkten, kurz in der mangelnden Standortqualität in den Ländern zu suchen. Der eigentliche Skandal ist die Unfähigkeit und die fehlende Bereitschaft der Eliten im Süden, die nötigen Strukturreformen durchzusetzen. Diese Haltung wird durch den Rettungswahn in der Eurozone nur bestärkt. Denn dank der wiederholten Milliardeninjektionen können sich Regierungen weiter durchwurschteln. Darin liegt die eigentliche Tragik.

Ohne die guten Bildungsstandards wäre alles noch schlimmer, denn dann wären die jungen Leute nicht einmal in der Lage, ihr Glück anderswo zu versuchen. Gut ausgebildet, wie sie sind, werden sie gute Jobs zum Beispiel in den ehemaligen Kolonien (Spanier und Portugiesen), Australien (Iren und Griechen) oder auch in Deutschland finden. Natürlich ist diese Situation gesamtwirtschaftlich unbefriedigend und auch für die Betroffenen selber – sofern sie nicht ohnehin im Ausland arbeiten wollen - ein Ärgernis. Etwas Gutes hat die Wanderung, sie erhöht den Druck auf die Zurückbleibenden - in der Regel die weniger gut Ausgebildeten - für Reformen zu stimmen, damit die dynamischen Kräfte wiederkommen. Sollte dies bald gelingen, kann man sogar eine zusätzliche Bildungsdividende erwarten, da die eventuellen Rückkehrer im Ausland wertvolle Erfahrung sammeln können, die in der Heimat vielen Menschen zu Gute kommen könnten.

Insofern kann man Investitionen in Bildung nicht hoch genug einschätzen, Eurokrise hin oder her. Nur gut ausgebildete Menschen können sowohl in der Gesellschaft als auch in der Wirtschaft ihren Beitrag zur Bewältigung des wachstumsnotwendigen Strukturwandels erbringen. Nur sie können die Innovationen anstoßen, die gerade eine alternde Gesellschaft braucht, um den Lebensstandard halten zu können. Nur sie können die hohen Einkommen erzielen, aus denen Renten, Pensionen und andere Sozialleistungen finanziert werden können.

Außerdem ist es ein Gebot der Gerechtigkeit, allen jungen Menschen Bildungschancen einzuräumen. Niemandem darf es verweigert werden, aus eigener Kraft sozialen Aufstieg zu meistern. Bildung ist der Schlüssel zur Chancengerechtigkeit.

Kein Plädoyer für die Erhaltung des Status Quo

Welche Bundesländer bei der Bildung Spitze sind
Platz 14: SaarlandAuch im Saarland ist bei der Bildung vieles eher Schatten als Licht. Gerade in den mathematisch-naturwissenschaftlichen MINT-Fächern muss Deutschlands kleinstes Bundesland noch aufholen. Lediglich elf Prozent der Studenten haben 2010 ein ingenieurwissenschaftliches Studium abgeschlossen - bundesweit der niedrigste Wert. Positiv ist hingegen, dass im Saarland nur 5,6 Prozent aller Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen. Damit liegen die Saarländer im Kampf gegen die Bildungsarmut auf Platz zwei. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 16: Schleswig-HolsteinSchlusslicht des IW-Bildungsmonitors ist Schleswig-Holstein. Zwar liegen die Nordlichter bundesweit bei der Integration (Platz 2) vorne. Leute aus bildungsfernen Schichten haben in Schleswig-Holstein eher die Möglichkeit einen ordentlichen Ausbildungsabschluss zu machen, als anderswo. Dafür aber hat Schleswig-Holstein starke Defizite bei der Akademisierung, der Internationalisierung und den Betreuungsbedingungen. Quelle: dpa
Platz 7: NiedersachsenBesondere Stärken weist Niedersachen bei der Ausgabenpriorisierung (3. Platz) und Zeiteffizienz (4. Platz) auf. Das bedeutet: Für das Land haben Bildungsausgaben besondere Priorität – vor allem Ausgaben für die Hochschulen. Außerdem ist Niedersachsen bei der Umsetzung der Bologna-Ziele für einen gemeinsamen europäischen Hochschulraum relativ weit. Schlechter schneiden die Niedersachsen bei der Integration und dem Ausbau der Förderinfrastruktur ab. Quelle: dpa
Platz 12: BrandenburgSchüler in Brandenburg können sich auf gute Betreuungsbedingungen verlassen. Auf einen Lehrer in der Sekundarstufe I (ohne Gymnasium) kommen hier nur 12,2 Schüler. Im Bundesdurchschnitt sind es 14,7. Auch bei der Förderinfrastruktur, der Internationalisierung und der Integration geht Brandenburg mit gutem Beispiel voran. Probleme hingegen gibt es hingegen bei der Schulqualität und der beruflichen Bildung. Quelle: dpa
Platz 3: Baden-WürttembergBaden-Württembergs Stärken liegen in der erfolgreichen Vermeidung von Bildungsarmut (Platz 1), und der Akademisierung (Platz 2). Nachholbedarf gibt es vor allem beim Ausbau der Förderinfrastruktur und der Integration. Quelle: dpa
Platz 10: Mecklenburg-VorpommernÜberdurchschnittlich gut präsentiert sich Mecklenburg-Vorpommern bei der Förderinfrastruktur. Ein Viertel der unter Dreijährigen können einen Ganztagsplatz in einer Kindertagesstätte nutzen, bei den drei- bis sechsjährigen sind es sogar 58 Prozent. Zum Vergleich: Im Bundesdurchschnitt liegen die Werte lediglich bei 11,3 bzw. 34,7 Prozent. Schwächen hat das Bundesland allerdings in der Zeiteffizienz (Platz 15): Im Jahr 2010 brachen mehr als 40 Prozent der Auszubildenden ihre Lehre ab. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 1: SachsenDas leistungsfähigste Bildungssystem in Deutschland hat Sachsen. Hubertus Pellengahr, Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) führt dies vor allem auf  die gute individuelle Förderung dort zurück. Außerdem biete Sachsen wie auch das zweitplatzierte Thüringen einen breiten Zugang zu akademischen Abschlüssen, vor allem in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern an. Quelle: ZB

Dabei kommt es im Ergebnis nicht nur auf formale Qualifikationen an, die natürlich als Signal schon nötig sind. Entscheidend sind aber die Inhalte, die vermittelt werden. Es reicht nicht, die Anzahl der Bachelor- oder Masterabschlüsse je Kohorte zu erhöhen. Die so ausgebildeten Menschen müssen auch strukturell zur Arbeitsnachfrage passen. Die hohe Jugendarbeitslosigkeit kann zum Teil sicherlich auch auf strukturellen ‘Mismatch‘ zurückzuführen sein. Es ist wohl kein Zufall, dass in anderen Ländern ernsthaft erwogen wird, die duale Ausbildung, die in Deutschland in den vergangenen Jahren in Misskredit geriet (nun aber wieder besser bewertet wird), zu kopieren.

Bildungspolitik muss also immer wieder neu gedacht werden, es geht um zielgenaue Bildungspolitik, um Chancengerechtigkeit und Innovationspotentiale. Schweinezyklen sind zu vermeiden, lebenslanges Lernen ist zu ermöglichen. Die Nachfrager nach gebildeten Fachkräften und die Bildungsanbieter müssen eng kooperieren. Auf dem 3. Jenaer Konvent zur Erneuerung der Sozialen Marktwirtschaft unter dem Thema Bildung, Innovation, Chancengerechtigkeit werden heute genau diese Probleme diskutiert und Lösungen angedacht.

In der Bildungspolitik spielt der Staat eine wichtige Rolle, weil er gerade in der Schul- und Hochschulbildung als Quasi-Monopolist agiert. Wenn Kürzungen öffentlicher Ausgaben anstehen, sollten sie nicht gerade bei der Bildung anfangen. Denn es durch Streichungen in der öffentlichen Bildungslandschaft verschlechtert sich einerseits die Qualität, andererseits droht dann eine Zweiklassengesellschaft, weil wohlhabende Eltern ihren Kindern den Zugang zu privaten Bildungsträgern mit dann vermutlich besserem Angebot verschaffen, was viele nicht finanzieren können.

Genau derartige Kürzungen öffentlicher Bildungsangebote allerdings können gegenwärtig beobachtet werden. In Sachsen-Anhalt tobt gerade ein erbitterter Streit um die Hochschulfinanzierung, auch in anderen Bundesländern müssen die Universitäten und Fachhochschulen um Mittel kämpfen, und das bei steigenden Studierendenzahlen. Dies kann die Bildungsqualität staatlicher Hochschulen unter sonst gleichbleibenden Bedingungen nur verschlechtern.

Europa



Dies ist kein Plädoyer für die Erhaltung des Status Quo. Eher sollte die Bildungspolitik innovativ sein und mehr Wettbewerb von guten Bildungsangeboten zulassen. Eine Öffnung der Bildungspolitik zu privaten Anbietern kann dabei durchaus effizienzsteigernd, qualitätserhöhend und ein Beitrag zur Passfähigkeit von ausgebildeten jungen Menschen sein, muss aber die Chancengerechtigkeit erhalten. Was in Deutschland zum Beispiel noch fehlt, ist ein gut ausgebautes und vor allem weitgehend akzeptiertes Stipendienwesen, das auch denjenigen den Zugang zur höheren Bildung erlaubt, die zwar qualifiziert sind, es sich aber nicht leisten können.

Obwohl schon viele Anstrengungen zur Verbesserung der Bildungsqualität und Bildungsgerechtigkeit unternommen werden, dürfen die Anstrengungen nicht nachlassen. Es hängt nicht nur die Zukunft der Jüngeren daran, auch die Älteren sind vom allgemeinen Bildungsstand abhängig.

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