Freytags-Frage

Wie kann Europa den Griechen helfen?

Über 200 Milliarden sind nach Griechenland geflossen. Weitere Rettungshilfen werden wohl folgen. Nur: Die Regierung agiert nepotistisch, das Geld kommt beim griechischen Volk nicht an.

Alexis Tsipras Quelle: dpa

Mal wieder steht ein Endspiel an. Mal wieder droht die griechische Staatspleite. Und mal wieder finden alle am griechischen Drama Beteiligten große Worte. Herr Tsipras droht mit dem Chaos, das auf den Grexit folge, Herr Schäuble fordert die notwendigen Reformen ein, und sogar Herr Juncker zeigt sich enttäuscht von seinem Freund Tsipras.

Dabei können wir uns doch einigermaßen sicher sein, dass dieser Theaterdonner nur dazu da ist, das geneigte bzw. langsam weniger geneigte Publikum zu beruhigen und das nächste Rettungsprogramm einzuleiten. Hätte der G7-Gipfel in Italien stattgefunden, wäre Herr Juncker wohl nicht mit einem solch dramatischen Auftritt wie am vergangenen Sonntag vor die Presse getreten – er weiß, was er den Deutschen schuldig ist.

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Worum geht es eigentlich inzwischen in der Causa Griechenland? Längst hat sich gezeigt, dass die neue griechische Regierung genauso nepotistisch agiert und dass sie genauso wenig Interesse an einer echten Sanierung der Staatsfinanzen und der Verbesserung der Lebensbedingungen für die Menschen in Griechenland hat wie ihre Vorgängerregierungen. Beteiligung an der Regierung in Griechenland wird von den Amtsinhabern offenbar als eine zeitlich begrenzte Lizensierung zur Ausbeutung des Landes begriffen – egal, wie sozialistisch man sich gibt, und solange, bis der nächste kommt.

Es ist interessant, dass die Griechen ihre offenbar aus einem recht homogenen Milieu stammenden Politiker nicht einfach endgültig aus dem Amt jagen, sondern sich deren permanenten Fehlleistungen gefallen lassen. Ein übergroßes Interesse an einem funktionierenden Gemeinwesen scheint nicht zu existieren. Gleichzeitig sind die Griechen nach allen persönlichen Erfahrungen unglaublich großzügige Gastgeber und herzliche Freunde – für ihre Familien und Freunde tun Griechen sehr viel. Im Unterschied dazu zahlen sie aber offenbar ihre Steuern nicht gerne; Nächstenliebe und Fernstenverachtung.

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Wolfgang Schäuble Quelle: dpa
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Mario Draghi Quelle: dpa
Christine Lagarde Quelle: dpa
Jean-Claude Juncker Quelle: dpa

Die Ursachen dieses offenkundigen Widerspruchs mögen Anthropologen und Soziologen versuchen zu erklären. Er zeigt aber deutlich auf, dass die weitere Finanzierung Griechenlands durch die Mitglieder der Eurozone oder ihre Rettungsagenturen wenig Aussichten auf Erfolg hat – denn wenn sechs Jahre nach Ausbruch der Krise und mehrfachen – vornehmlich externen – Anstrengungen zur Reform der griechischen Politik und Verwaltung immer noch nichts passiert ist, so kann man wohl zurecht nicht erwarten, dass weiteres Geld diese Haltung ändern wird.

Dies ist umso tragischer, als dass die Benachteiligten in Griechenland, d.h. die Ärmsten in den Städten und die trotz guter Ausbildung arbeitslosen Jugendlichen weder durch den Weiterbestand des “Failed State“ mit seinem Nepotismus und seiner Korruption noch durch die Genehmigung eines weiteren Rettungspaketes seitens der Eurozone besser gestellt werden.

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