Freytagsfrage

Was, wenn die EZB Geld an die Bürger verschenkt?

Die nächste Stufe der expansiven Geldpolitik heißt Freigeld für alle. Doch dieses Helikopter-Geld könnte sich für die Bürger bitter rächen – bis zur Enteignung.

Die Helikopterpolitik der EZB wird sich rächen Quelle: dpa

Demnächst flattert unter Umständen Post ins Haus aller Bürger der Europäischen Währungsunion (EWU). Entweder kommt dann ein Scheck, oder die Anfrage nach der Bankverbindung. Vielleicht reicht ja auch die offizielle Aufforderung, diese bekanntzugeben. Dann würde es das sogenannte Helikopter-Geld geben, also die Zahlung von Geld an alle Bürger ohne Gegenleistung.
Dies zumindest scheint der neueste Coup der Europäischen Zentralbank (EZB) und ihres Präsidenten Mario Draghi zu werden. Das Ziel dieser Maßnahme wäre offenbar in der Stimulierung der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage und anschließenden Steigerung der Inflationsrate, möglichst natürlich auf knapp unter 2 Prozent. Wenn sämtliche Bürger die zusätzliche Kaufkraft nutzen und das Geld schnell im Inland ausgeben würden, dürften – gleichbleibende Produktion und einigermaßen vollständige Kapazitätsauslastung vorausgesetzt – die Preise in der Tat steigen. Allerdings muss geprüft werden, welche Summe des Helikopter-Geldes die EZB in die Hand nehmen muss.

Das sagen Ökonomen zur EZB-Entscheidung

Dieses Problem mag ein Beispiel illustrieren. In der Eurozone lebten im Jahr 2015 etwa 338 Millionen Menschen, die ungefähr 10,4 Billionen Euro Bruttosozialprodukt erwirtschafteten, also etwa 30.000 Euro pro Kopf. Nehmen wir an, jeder der Bürger erhielte 1.000 Euro einmalig überwiesen, also etwas über drei Prozent des durchschnittlichen Jahreseinkommens. Dann machte das etwa eine Geldmengensteigerung von 338 Milliarden Euro aus, etwas über 10 Prozent der Bilanzsumme der EZB, die bei etwa 2,9 Billionen Euro liegt. Das wäre doch eine Hausnummer, knapp sechs Monate expansive Geldpolitik (quantitative easing) auf einmal.


Wenn ein Großteil des zusätzlichen Geldes nachfragewirksam würde, also die gesamtwirtschaftliche Nachfrage beispielsweise um 250 Mrd. Euro anstiege, wären Preiseffekte zu erwarten. Ob diese ausreichten, hängt von den Gütern und Diensten ab, die nachgefragt werden. Wenn zum Beispiel viele Menschen die neue Kaufkraft dazu nutzen würden, einen Strandurlaub zu buchen, dürfte – angesichts der in diesem Jahr offenbar sehr guten Auslastung der spanischen Urlaubsorte – eine Preissteigerung dort unausweichlich sein. Bei anderen Gütern wäre dies sicherlich anders. Es kommt also auf die Preiselastizität des Angebots ab; sind Kapazitäten unterausgelastet, wird es geringe Preiseffekte geben; dann ist das Wachstumspotential hoch. Umgekehrt wäre es bei hoher Kapazitätsauslastung. Damit kann die EZB in jedem Fall nicht beide Ziele gleichzeitig erreichen.

Vermutlich wäre aber ohnehin das Wachstumsziel dem Inflationsziel untergeordnet, entschiede sich die EZB für Helikopter-Geld – schon aus Staatsräson. Denn es sieht ja schon seit einigen Monaten so aus, als diene die EZB ausschließlich den Finanzministern, vor allem denen des Südens. Helikopter-Geld wäre ein weiteres Indiz.
Ein simples Rechenbeispiel zeigt die Logik. Das durchschnittliche Geldvermögen der deutschen Haushalte beträgt laut Berechnungen aus dem Herbst 2015 44.700 Euro. Spart eine repräsentative Bürgerin ihr Helikopter-Geld, hat sie nun 45.700 Euro Vermögen. Bei einer Inflationsrate von 2 Prozent sinkt das Vermögen innerhalb eines Jahres auf 44.786 Euro; das Helikopter-Geld ist dann schon weg. Nach fünf Jahren gleichbleibender Inflation und Nullzins bleiben noch 41.309 Euro. Dies ist ein Geschäft für die EZB (als Finanzier klammer Regierungen) und keines für die Bürger. Steigt die Inflation gar dauerhaft auf fünf Prozent (wer kann schon die Inflationsrate genau vorhersagen, kommt es einmal dazu?), bleiben unser Sparerin nach fünf Jahren noch etwas über 35.000 Euro; der Verlust beträgt über 23 Prozent.

Das simple Beispiel macht deutlich, dass das Geschenk der EZB ein unheilvolles Geschenk sein würde. Kurzfristig gäbe es einen Kaufkraftzuwachs, der mittelfristig mit erheblichen Vermögenseinbußen einherginge. Wenn die Menschen die Logik persönlich gespürt hätten und nicht nur im Abstrakten verstehen, wäre die Reputation der EZB wohl flächendeckend zerstört und die Glaubwürdigkeit weitere Politikankündigungen entsprechend gering.
Wie groß muss die Verzweiflung sein, wenn die Zentralbank nicht nur keinen Zins mehr von den Leuten verlangt, sondern ihnen das Geld gleich schenkt? Der nicht als Polemiker bekannte ehemalige EZB-Vizepräsident Otmar Issing hat seine Fassungslosigkeit bereits deutlich gemacht. Nicht nur für ihn wäre es ein Offenbarungseid, griffe die EZB zu dieser Maßnahme. Man kann also nur hoffen, dass es nicht dazu kommt.

Helikoptergeld in Gold investieren

Wenn doch, bleiben den Bürgern wenige Option, sich gegen die Enteignung zu schützen. Gesamtwirtschaftlich rational wäre es dann, wenn alle Empfänger das Geld ablehnten; dann käme es nicht zu einer künstlich stimulierte Nachfragesteigerung mit Preiseffekten. Die EZB könnte aber darauf vertrauen, dass es ein europaweites Gefangenendilemma geben würde: Wenn ein Bürger weiß, dass alle anderen Bürger das Geld ablehnen, wäre seine eigene Nachfragesteigerung nicht preiswirksam; es würden viele so denken. Deswegen müsste man das Geld annehmen.
Dann bliebe die Option, das Helikoptergeld (und noch einen weiteren Teil des Vermögens) in Aktien, Immobilien oder Gold anzulegen. Dann sänke der Preisdruck und man schützte sich gegen Inflation, allerdings nicht gegen mögliche Preisblasen. Deshalb gibt es immer noch die weitere Möglichkeit, aus dem Euro auszusteigen. In Lateinamerika haben die Menschen ihren Weichwährungen regelmäßig den Rücken gekehrt und in Dollar investiert beziehungsweise nur Dollar für knappe Güter und Dienste akzeptiert. Soweit sind wir noch nicht, aber Helikopter-Geld wäre schon eine bedenkliche Beschleunigung auf den Weg in eine Weichwährungsunion!

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