Friedensnobelpreis Warum die EU den Friedensnobelpreis verdient hat

Die Europäische Union erhält den Friedensnobelpreis. Zu Recht? Ja, denn der Staatenbund hat Europa Frieden und Wohlstand beschert – und kann nichts für den Euro.

Die Nobelpreisträger 2012
Der NobelpreisDer Preis wird seit 1901 jährlich vergeben. Gründer der Auszeichnung ist der schwedische Erfinder und Industrielle Alfred Nobel (1833-1896). In seinem Testament legte er fest, dass mit seinem Vermögen eine Stiftung gegründet werden sollte. Die Stiftung solle einen Preis ausschreiben, mit dem diejenigen geehrt werden, die im "verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben." Der Nobelpreis wird in den Kategorien Physiologie oder Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Friedensbemühungen vergeben. Außerdem stiftet die schwedische Reichsbank einen Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaftler. Anbei eine Übersicht über die Preisträger 2012. Quelle: dpa
Nobelpreis für Physiologie oder MedizinDer japanischen Forscher Shinya Yamanaka ist einer der beiden Nobelpreisträger für Physiologie oder Medizin. Der Arzt und Stammzellenforscher erhielt die Auszeichnung für die künstliche Herstellung von Stammzellen. Ihm ist es gelungen, erwachsene Körperzellen in ihren embryonalen Zustand zurückversetzt haben - eine Revolution in der Stammzellforschung, weil sich diese Zellen in alle Zellen des Menschen entwickeln können. Quelle: dpa
Nobelpreis für Physiologie oder MedizinIn dieser Kategorie wurde auch der Brite John Gurdon ausgezeichnet. Der Entwicklungsbiologe Gurdon forschte viele Jahre an der britischen Cambridge-Universität. Er entdeckte bereits 1962, dass die Spezialisierung der reifen Zelle rückgängig gemacht werden kann. In einem klassischen Experiment ersetzte er den unreifen Zellkern - in diesem liegt das Erbgut, die DANN - in der Eizelle eines Frosches mit dem Zellkern einer ausgereiften Darmzelle. Diese manipulierte Eizelle entwickelte sich trotzdem zu einer normalen Kaulquappe. Gurdon bewies so, dass das Erbgut in der reifen Zelle alle Informationen besitzt, die benötigt werden, um jegliche Zellarten eines Frosches auszubilden. Er legte damit die Grundlage für die Forschung von Yamanaka. Quelle: dpa
Nobelpreis für PhysikDer Amerikaner David J. Wineland teilt sich mit dem Franzosen Serge Haroche den Nobelpreis für Physik. Die beiden werden für ihre für ihre „bahnbrechenden Methoden“, mit denen sich kleine Teilchen beobachten lassen, geehrt. Beide konstruierten dafür Fallen, in denen geladene Teilchen (Ionen) oder Lichtteilchen (Photonen) eingefangen werden können. Die besondere Leistung der Forscher: Ihre Objekte werden dabei nicht zerstört, sondern können über eine gewisse Zeit beobachtet werden. Wineland wurde 1944 geboren und promovierte an der Harvard University. Zurzeit forscht er am National Institute of Standards and Technology (NIST) und der University of Colorado in Boulder. Quelle: Reuters
Nobelpreis für PhysikDurch die Arbeiten der beiden Quantenforscher sei es erst möglich geworden, extrem schnelle Computer zu entwickeln, erklärte ein Sprecher der Wissenschaftsakademie. Die beiden Forscher (Serge Haroche im Bild) hätten „die Tür zu einem neuen Zeitalter der Quantenphysik-Experimente geöffnet“, heißt es in der Begründung. Haroche, Jahrgang 1944, studierte und promovierte in Paris. Derzeit arbeitet er an der Ecole Normale Superieure (ENS) in Paris. Quelle: dapd
Nobelpreis für ChemieRobert Lefkowitz erwarb 1962 an der Columbia University in New York City einen Bachelor in Chemie, 1966 folgte der M.D. Darauf arbeitete zunächst als Assistenzarzt ehe er 1968 in die Forschung an das National Institutes of Health wechselte. Seit 1973 hat Lekowitz einen Professur am Duke University Medical Center in Durham. Den Nobelpreis für Chemie erhält er gemeinsam mit Brian Kobilak für die Erforschung der Kommunikation von Milliarden von Körperzellen. Quelle: dpa
Nobelpreis für ChemieBrian Kobilak ist Professor an der Stanford Univerity School of Medicine. Kobilka studierte Biologie und Chemie an der University of Minnesota Duluth und absolvierte nach seinem Bachelor die School of Medicine in Yale. Später wechselte er an die Duke University, wo er als Postdoc bei Robert Lefkowitz arbeitet. Quelle: dpa

Das Nobelkomitee in Oslo hat den Friedensnobelpreis 2012 an die EU vergeben. Die Staatengemeinschaft habe sich über sechs Jahrzehnte für Frieden, Demokratie und Menschenrechte eingesetzt, erklärte das norwegische Komitee. Nach der umstrittenen Entscheidung 2009, den Friedensnobelpreis an den US-Präsidenten Barack Obama zu vergeben, beweisen die Preisverleiher erneut Mut. Denn die Entscheidung wird viele überraschen, nicht wenige werden sie kritisieren. Schließlich bekommt die Europäische Union den Friedensnobelpreis mitten in ihrer wohl größten Krise.

Reaktionen auf den Friedensnobelpreis
Der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher:Der frühere Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher hält die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union für verdient. Die Preisvergabe würdige vor allem das Verdienst der EU, Konflikte gemeinschaftlich und friedlich zu überwinden, sagte Genscher am Montag: „Damit wird die Aufmerksamkeit wieder auf das gerichtet, was für viele als Selbstverständlichkeit gilt: Nämlich dass es hier in Europa keinen Krieg gibt.“ Der Friedensnobelpreis sei ein Bürgerpreis, auf den jeder stolz sein könne. „Die Bürger sind es, die den europäischen Gedanken tragen, die den Frieden bewahren und sichern, und ihnen gebührt dieser Preis“, sagte der FDP-Politiker. Gleichzeitig äußerte er die Erwartung, dass die bekennenden Europäer sehr viel offensiver gegen jene Kräfte diskutieren, die Europa herabsetzten. „Alte Fehler dürfen nicht wiederholt werden“, warnte Genscher. Quelle: dapd
Bundeskanzlerin Angela Merkel:Merkel begrüßte die Verleihung des Friedensnobelpreises als „wunderbare Entscheidung“. „Das ist Ansporn und Verpflichtung zugleich - auch für mich ganz persönlich“, sagte sie. Sie habe immer wieder darauf hingewiesen, dass der Euro mehr sei als eine Währung. „Wir sollten auch gerade in diesen Wochen und in diesen Monaten, in denen wir für die Stärkung des Euro arbeiten, genau dies nicht vergessen.“ Am Ende gehe es immer um die ursprüngliche Idee Europas als Friedens- und Wertegemeinschaft. 60 Jahre Frieden in Europa seien für die Menschen, die jetzt in der EU lebten, eine lange Zeit, sagte Merkel. „In der Geschichte ist es nur ein Wimpernschlag.“ Deswegen dürfe man nie vergessen, dass man sich immer wieder für den Frieden einsetzen müsse. Quelle: REUTERS
Altbundeskanzler Helmut Kohl:Kohl hat die Ehrung der Europäischen Union mit dem Friedensnobelpreis als "klug und weitsichtig" begrüßt. "Ich freue mich sehr über diese Entscheidung", erklärte der 82-Jährige in einer schriftlichen Stellungnahme. Die Entscheidung des Nobelkomitees sei "vor allem eine Bestätigung für das Friedensprojekt Europa". Zudem sei die Ehrung "eine Ermutigung für uns alle, auf dem Weg des geeinten Europa weiter voranzugehen". Kohl endete mit den Worten: "Als Europäer haben wir heute allen Grund, stolz zu sein. Ich bin es." Quelle: dpa
Gerhard Schröder Quelle: dpa
EU-Kommisionspräsident Jose Manuel Barroso:Barroso schrieb beim Kurznachrichten-Dienst Twitter: „Es ist eine große Ehre für die gesamte EU, für alle 500 Millionen Bürger, mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden zu sein.“ Quelle: dpa
Regierungssprecher Steffen Seibert:"Die Bundesregierung, die Bundeskanzlerin persönlich, gratuliert der EU, ihren Organen und all ihren Mitarbeitern", sagte Seibert. "Wir sehen darin eine Bestätigung, eine Ermutigung für das große Friedensprojekt, das diese Europäische Union über den europäischen Kontinent ausgebreitet hat, der lange Phasen des Friedens sehr selten gekannt hat." Quelle: REUTERS
Bundesaußenminister Guido Westerwelle:Westerwelle sagte, die Auszeichnung sei eine "großartige Entscheidung, die mich stolz und glücklich macht". Die europäische Integration sei das erfolgreichste Friedensprojekt der Geschichte. "Aus den Trümmern von zwei schrecklichen Weltkriegen sind Frieden und Freiheit gewachsen, aus Erbfeinden sind gute Freunde und untrennbare Partner geworden", betonte der Außenminister. Quelle: dpa

In Athen demonstrieren tausende gegen die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel und rufen zu einem Boykott deutscher Produkte auf. In Frankreich hat die rechtsextreme Marine Le Pen mit einer Anti-Brüssel-Kampagne fast ein Fünftel der Stimmen bei der Präsidentschaftswahl im Mai gewonnen. Europa ist in Aufruhr, selbst in den Gründerstaaten hat das Projekt kaum noch einen Rückhalt.

Schuld daran sind weder die Gesetze über den Krümmungsgrad von Gurken, noch die Angst vor Überfremdung durch eine Erweiterung Europas gen Osten. Der Frust vieler Europa hängt eng mit der Schuldenkrise zusammen – und mit dem Euro. Doch für die Konstruktionsfehler der Gemeinschaftswährung kann die Europäische Union nichts. Wahr ist: In dem Vertrag von Maastricht wurde festgelegt, dass in der EU der Euro als gemeinsame Währung eingeführt werden soll. Dabei wurden aber mit den EU-Konvergenzkriterien - oder auch Maastricht-Kriterien - klare Bedingungen vorgegeben. Dass die Nationalstaaten diese später aushebelten, kann schwerlich der EU angelastet werden.

Die Friedensnobelpreisträger der letzten zehn Jahre

Vielmehr hat der Staatenbund aus mittlerweile 27 europäischen Staaten viel bewegt. Aus einem Kontinent, der im 20. Jahrhundert Schauplatz von zwei Weltkriegen war, ist eine der lebenswertesten Regionen der Welt geworden. Über eine halbe Milliarden Menschen lebt in Frieden und Freiheit – und in Wohlstand, auch dank der EU.

Zollschranken sind gefallen, seit Anfang der 1990er-Jahre können sich Menschen und Waren in weiten Teilen Europas frei bewegen. Insbesondere die deutsche Exportwirtschaft profitiert von dem 1993 verwirklichten Europäischen Binnenmarkt. Knapp 60 Prozent aller Waren verkaufen die Deutschen innerhalb des Staatenbundes. Ob Deutschland den Euro braucht, ist umstritten. Dass Deutschland die Europäische Union braucht, kann niemand ernsthaft bezweifeln.

Diese Länder wollen in die EU
Türkei Quelle: dapd
Serbien Quelle: REUTERS
Albanien Quelle: REUTERS
Ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien: Quelle: REUTERS
Montenegro Quelle: REUTERS
Island Quelle: Reuters
Bosnien-Herzegowina: Quelle: REUTERS

Von einer Währungsunion träumten die Architekten eines vereinten Europas nicht. Die Vorgänger der EU, die 1951 und 1957 gegründeten Europäischen Gemeinschaften, wollten die Wirtschaftsbeziehungen vertiefen. Erst später näherte man sich auch politisch an. In den 1980er Jahren wurden Griechenland (1981), Portugal und Spanien (1986) in die Gemeinschaft neu aufgenommen. Die Länder hatten schon Jahre zuvor eine Annäherung gesucht – waren jedoch aufgrund ihrer autoritären Strukturen nicht aufgenommen waren. Erst nach dem Reformen erfolgten, die Staaten demokratisch gelenkt wurden und bereit für den Beitritt waren, erfolgte das positive Signal aus Brüssel.

Hätten die Konstrukteure der Eurozone ähnlich agiert, der Währungsgemeinschaft wäre vieles erspart geblieben.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%