Gbureks Geld-Geklimper

Hilfe, die Bankenunion kommt!

Manfred Gburek Freier Finanzjournalist

Hektisch aus dem Boden gestampft, unausgegoren und gefährlich, so schließt sich die Bankenunion der Währungsunion an. EZB-Chef Mario Draghi ficht das wenig an, er widmet sich höheren Aufgaben.

Deutsche fürchten die Inflation
Die Deutschen sind fleißige Sparer. Nur verhalten sie sich bei der Geldanlage oftmals irrational. "Deutsche Haushalte wetten bei ihrer Geldanlage auf Deflation"– sagte Tobias Graf von Bernstorff, Leiter der Düsseldorfer Niederlassung des Bankhauses B. Metzler seel. Sohn & Co. Viele Deutsche legten ihr Vermögen überwiegend in Bargeld, Sichteinlagen und Anleihen an. In Aktien legen nur gut fünf Prozent der Deutschen an (direkt) beziehungsweise zehn Prozent, wenn man indirekte Investments über Fonds und Versicherungen miteinbezieht. Quelle: REUTERS
Dabei ist eine der größten Ängste der Deutschen die Preissteigung. Nur ihrer Anlagestrategie merkt man das nicht an. 75 Prozent haben ihr Geld schlicht auf der Bank liegen oder investieren in Anleihen. Kommt eine Inflation, wäre der Wert des Geldes futsch. Quelle: dpa
Auf den ersten Blick sei Inflation ein Krisenaspekt, von dem die Deutschen bisher weitgehend verschont geblieben seien. Die harmonisierte deutsche Inflationsrate sank seit Herbst 2011 von 2,9 Prozent auf 1,6 Prozent im September 2013. Die Ängste vor einer "Geldschwemme" scheinen somit weitgehend unbegründet. "Wir zweifeln jedoch daran, dass die niedrigen Raten der Vergangenheit auch für die Zukunft angenommen werden können", so von Bernstorff vom Bankhaus Metzler. Quelle: dpa
Das Wachstum des Kapitalstocks habe sich in der Bundesrepublik in den vergangenen Jahren infolge der geringen Investitionen verlangsamt, die Arbeitskräfte würden knapp, und die Löhne stiegen. Der Preisdruck zeichne sich bereits in der sogenannten Kerninflationsrate ab. Deshalb sollten Anleger ihr Geld aus dem Sparstrumpf holen und es lieber inflationssicher anlegen. Quelle: dpa
So ließe sich angesichts des erwarteten Weltwirtschaftswachstums besondere mit deutschen Aktien profitieren. "Die Bewertung deutscher Aktien ist nicht so hoch, wie der Indexstand glauben machen will. Denn beim DAX fließen die Dividendenzahlungen in die Indexberechnung mit ein, sodass er schneller steigt als ein ausschließlich auf Aktienkursentwicklung beruhender Index", erläutert Frank Naab, Leiter Portfoliomanagement Metzler Private Banking. "Auf reiner Kursbasis gerechnet liegt der DAX noch ca zehn Prozent unter seinem alten Höchststand von 2007 – und das bei vergleichbaren Nettoergebnissen der Unternehmen." Quelle: dpa
Daneben eigneten sich US-Aktien als defensives Basisinvestment. US-Titel seien mit einer Dividendenrendite von zwei Prozent und einem Kurs-Buchwert-Verhältnis von 2,5 gegenüber ihren europäischen Pendants zwar ambitionierter bewertet, hierin drücke sich aber auch eine generelle Vorliebe der Anleger für US-Titel aus. Quelle: dpa
Rentenanleger stünden im Hinblick auf das aktuelle makroökonomische Umfeld dagegen vor einem Dilemma: Angesichts der historisch niedrigen Zinsen sei es kaum möglich, einen positiven Realzins zu erwirtschaften. Durch den Kauf langlaufender Anleihen ließe sich diesem Problem der Realzinsfalle zwar mit höheren Laufzeitenprämien und so mit einer insgesamt höheren Rendite begegnen, jedoch seien gerade Anleihen mit langer Laufzeit im Falle steigender Zinsen besonders von Kursverlusten bedroht. Quelle: dpa

Bankenunion, ein Begriff, hinter dem man wohl eher den nächsten Coup von EZB-Super-Mario vermutet als ein Wahlkampfthema. Und dennoch, AfD-Chef Bernd Lucke rückte ihn nach der Thüringen- und Brandenburg-Wahl in den Mittelpunkt seiner Pressekonferenz. Aus gutem Grund, denn es handelt sich um „ein Mammutprojekt, das in atemberaubender Geschwindigkeit umgesetzt wird“. Diese Definition, die kaum Gutes ahnen lässt, stammt nicht etwa von Lucke, sondern von Bundesbank-Vizechefin Claudia M. Buch. Dahinter stecken: gemeinsame europäische Bankenaufsicht und -abwicklung ab 2016, dazu eine weitere europäische Mammutbehörde und ein Abwicklungsfonds. Also bürokratische Monster.

Das Grausen folgt einem Zeitplan, von dem sich bereits heute behaupten lässt, dass er auf keinen Fall eingehalten werden kann. Die Auswertung der für die Bankenunion relevanten Fakten soll noch einen Monat dauern. Aber dann ist man in der EZB wahrscheinlich nicht schlauer als heute, die Zeit bleibt einfach viel zu knapp. Die Hektik erinnert an die Euro-Einführung: Damals, in zwei Schüben 1999 und 2002, haben Politiker den Euro gewollt, ohne sich über die Konsequenzen im Klaren zu sein. Jetzt drücken Politiker zusammen mit der EZB verantwortungslos die Bankenunion durch, und das, obwohl es genug Indizien für das kommende Chaos gibt.

Deutschland zahlt für Schlampereien der anderen

Schon in zwei Monaten wird die EZB die Aufsicht über 120 führende europäische Banken übernehmen, darunter 21 deutsche. Kleinere Institute kann sie, muss sie aber nicht beaufsichtigen. Ihre Ziele sind so ehrgeizig, dass man zwangsläufig am Verstand derjenigen zweifeln muss, die sie sich ausgedacht haben: Banken stabilisieren, Risiken von Banken und Staaten auseinander dividieren und Finanzmärkte integrieren. Die Bankenunion soll die Währungsunion ergänzen – ungeachtet dessen, dass die Währungsunion in sich brüchig ist, weil ihre Mitglieder ganz unterschiedlich stark bzw. schwach sind.

Die wichtigsten Fakten zur Bankenunion

Darüber hinaus ignorieren die Befürworter der Bankenunion so manche Schwachstelle. Dazu ein besonders krasses Beispiel: In der Währungsunion gilt, dass all ihre Mitglieder für sich verpflichtet sind, Haushaltsdisziplin einzuhalten (was bisher allerdings mehr Wunsch als Wirklichkeit geblieben ist). Dafür maßgebend sind die sogenannten Maastricht-Kriterien. Doch solch eine auf der Souveränität jedes einzelnen Eurolands beruhende Verpflichtung passt nicht mehr zur Integration von Währungs- und Bankenunion. Das bedeutet: Statt die Finanzminister der Euroländer weiter einzeln vor sich hin wursteln zu lassen, wird man über kurz oder lang eine dritte Union aus dem Hut zaubern: die Fiskalunion mit gemeinsamer Kontrolle und Haftung. Kurzum, Deutschland wird für die Schlampereien anderer Euroländer zahlen.

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