Gedeckelte Energiepreise Die britische Energiebranche zeigt, dass der Markt eben doch nicht alles regelt

Chaos am Energiemarkt in Großbritannien. Quelle: imago images

Gewerkschaften in Deutschland fordern einen Preisdeckel für Energie, Stromversorger lehnen ihn vehement ab – und verweisen auf Großbritannien. Ist der dortige Preisdeckel wirklich schuld an allen Problemen?

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Der Krieg in der Ukraine hat das Problem mit den steigenden Energiepreisen noch einmal verschärft: Ein Stopp von Gaslieferungen aus Russland würde europaweit für Engpässe sorgen und die Preise noch einmal drastisch steigen lassen. Um zumindest die Verbraucher vor den gravierendsten Folgen zu schützen, haben Spanien und Portugal kürzlich einen Energiepreisdeckel auf den Weg gebracht. Auch in Deutschland werden Forderungen danach laut.

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann forderte in einem Gespräch mit der „Rheinischen Post“ einen Deckel bei Strom- und Heizkosten: Bis zu 8000 Kilowattstunden im Jahr sollten die Preise gedeckelt werden, danach solle der Marktpreis greifen. Die Gewerkschaft Verdi äußerte sich ähnlich. Auch die EU-Kommission denkt seit einiger Zeit über eine Deckelung der Energiepreise für die Verbraucher nach.

Innerhalb der Energiebranche hält sich die Begeisterung über solche Vorschläge erwartungsgemäß in Grenzen. Gerne wird dabei auf das Beispiel Großbritannien verwiesen, wo die Energiepreise bereits seit 2019 gedeckelt sind. E.On-Chef Leonhard Birnbaum sagte dazu in einem Interview: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Politik das hierzulande zum Vorbild nimmt. Gerade das Beispiel Großbritannien zeigt, dass Preisdeckel nicht funktionieren.“

Und tatsächlich wird der Energiepreisdeckel gerne als einer der wesentlichen Gründe für das Chaos auf dem britischen Energiemarkt in den vergangenen zwei Jahren angeführt. Dieser Deckel, der festlegt, wie viel Versorger maximal pro Einheit an Strom und Gas von ihren Kunden verlangen dürfen, hat dafür gesorgt, dass Dutzende Energieunternehmen begannen, rote Zahlen zu schreiben, seit die Einkaufspreise für Gas und Strom in die Höhe geschossen sind.

Die Folge: Seit dem Beginn des vergangenen Jahres sind in Großbritannien rund 30 der zuvor mehr als 70 Versorger in die Insolvenz gerutscht. Millionen von Haushalten landeten so über Nacht bei neuen Versorgern, wo sie in aller Regel nur deutlich schlechtere Tarife erhielten.

Ist alles zum Thema Preisdeckel gesagt?

In Wirklichkeit sind die Probleme auf dem britischen Energiemarkt vielschichtiger und in vielen Bereichen hausgemacht. So gab es bereits in den 1980er- und 90er-Jahren umfangreiche Privatisierungen und Deregulierungen auf dem Energiemarkt. Sechs große Energieunternehmen – die „Big Six“ – setzten sich durch und teilten den Markt weitgehend unter sich auf. Eines dieser Unternehmen ist E.On.

Zu niedrigeren Preisen führte die Privatisierung jedoch nicht – sehr zum Ärger der Regierungen in London. Die Energiekonzerne strichen stattdessen beachtliche Gewinne ein – und belohnten ihre Vorstände und Investoren mit großzügigen Boni und Dividenden.

Um den hochprofitablen Sektor aufzumischen, liberalisierte die Regierung von David Cameron 2014 den Energiemarkt weiter. Dutzende neuer Anbieter drängten daraufhin in die Branche. Die Rechnung schien aufzugehen: Schon kurze Zeit später konnten sich britische Strom- und Gaskunden vor günstigen Angeboten kaum noch retten.

Viele der neuen Anbieter hatten jedoch kaum Erfahrungen in dem Bereich. Die meisten von ihnen erzeugten auch selbst nicht ein Watt Strom, sondern fungierten nur als Zwischenhändler. Und sie mussten auch keine nennenswerten Rücklagen bilden oder in Stresstests nachweisen, dass sie in der Lage waren, Krisen zu überstehen. Nur wenige Jahre nach der Finanzkrise 2008/09, die Großbritanniens deregulierten Finanzsektor besonders schwer getroffen hat, war das an sich schon bemerkenswert.

Die Freude über die günstigen Tarife hielt auch nicht lange an. Schon bald häuften sich Berichte über Kunden, die mit ultragünstigen Tarifen in Verträge gelockt worden waren, die dann allerdings nach einiger Zeit drastisch erhöht wurden. Vielen Kunden fielen diese Preissteigerungen zunächst nicht auf – bis gesalzene Rechnungen ins Haus flatterten. Die Rufe nach einem Preisdeckel wurden laut, um diese Praxis zu stoppen.

Neben der Opposition und Verbrauchergruppen setzten sich auch einige führende Köpfe innerhalb der Energiebranche für einen Preisdeckel ein. Einer von ihnen: Greg Jackson, Gründer und CEO des 2015 ins Leben gerufenen Versorgers Octopus Energy. „Als wir uns für einen Preisdeckel eingesetzt haben, haben wir gesagt: Was auch immer wir tun, wir brauchen Preistransparenz. Firmen sollte es nicht erlaubt sein, Tarife nach dem ersten Jahr massiv anzuheben, um Kunden auszunutzen“, sagt Jackson. Er hätte sich zwar einen „relativen Preisdeckel“ gewünscht, erklärt er dann, „der den Preis des variablen Tarifs an den Preis für Neukunden koppelt – das könnte noch angepasst werden.“ Generell sei der Preisdeckel aber „eine gute Sache“.

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In Großbritannien hätte sich die Energiepreise seit dem vergangenen Jahr teilweise verfünffacht. „Der Preisdeckel hat verhindert, dass Haushalte diesen Preisschock sofort und in vollem Umfang abbekommen haben“, sagt Jackson.

Den Vorwurf, dass der Preisdeckel Dutzende britischer Versorger in den Ruin getrieben habe, weist Jackson zurück. „Firmen gehen nicht pleite wegen des Preisdeckels. Sie gehen pleite, weil sie Energie short gekauft und long verkauft haben. Jede einzelne von denen.“ Gemeint ist: Viele der neuen Anbieter haben ihre Energieeinkäufe nicht gegen Preisschwankungen abgesichert – was zusätzliche Kosten verursacht hätte –, sondern Strom und Gas vorwiegend kurzfristig eingekauft in der Hoffnung auf spekulative Gewinne.

Die „Financial Times“ kommentierte diese Praxis in einem Artikel so: „(Die Anbieter) wussten, dass sie gutes Geld verdienen würden, wenn die Dinge gut liefen. Würden die Preise steigen, dann würden sie mit dem Rest des Sektor pleitegehen – oder die Regierung würde die Rechnung übernehmen. Kopf, wir gewinnen. Zahl, ihr verliert.“

So starr, wie die Gegner den britischen Preisdeckel darstellen, ist dieser zudem nicht. Die Regulierungsbehörde Ofgem passt ihn zwei Mal im Jahr an. Erst im April erhöhte ihn die Behörde um 54 Prozent. Die durchschnittliche Energierechnung stieg somit auf einen Schlag auf etwa 2000 Pfund im Jahr an. Dieser Betrag könnte sich noch in diesem Jahr auf fast 3000 Pfund erhöhen. Anders als in Deutschland, hat die konservative Regierung in London nur begrenzt Maßnahmen erlassen, um die Kosten für die Privathaushalte aufzufangen.

Im Gegensatz zu Deutschland wäre Großbritannien nicht ganz so stark von einem russischen Gaslieferstopp betroffen. Im vergangenen Jahr kamen weniger als vier Prozent des in Großbritannien genutzten Erdgases aus Russland.

Doch andere Umstände haben die Energiepreise in Großbritannien bereits im vergangenen Jahr massiv in die Höhe getrieben: So erzeugt der Energiesektor des Landes mehr als die Hälfte des Stroms mit Gaskraftwerken. Die Nachfrage nach Gas stieg im vergangenen Jahr zusätzlich an, weil wegen eines ungewohnt windarmen Sommers die Produktion von Windenergie geringer ausfiel als erwartet. Mehrere Atomkraftwerke des Landes gingen über den Sommer aufgrund von Problemen außerplanmäßig vom Netz. Im Herbst 2021 hat ein Brand in einem britischen Stromverteilzentrum den Betrieb einer Stromleitung aus Frankreich zeitweise lahmgelegt – was die Preise zusätzlich in die Höhe getrieben hat.

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Hinzu kommt eine aus heutiger Sicht folgenschwere Entscheidung aus dem Jahr 2017: Damals wurde einen riesiger Gasspeicher in der Nordsee geschlossen. Die Regierung in London hatte sich zuvor geweigert, einen Teil der notwendigen Kosten für Reparaturen zuzuschießen. Gas war damals billig, und London verließ sich offenbar darauf, dass die zahlreichen neuen Energieanbieter des Landes die Gasversorgung über den Markt sichern würden.

Viele europäische Staaten legen in den Sommermonaten, wenn Gas billig ist, zehn bis 20 Prozent ihres jährlichen Bedarfs in Speichern an. In Großbritannien sind es weniger als zwei Prozent. Auch deswegen wirken sich Preisschwankungen in Großbritannien besonders stark aus.

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