Geldpolitik Braucht die EZB ein neues Inflationsziel?

Preisstabilität ist das oberste Mandat der Zentralbank. Um ihr Inflationsziel nahe zwei Prozent zu erreichen, kauft sie massenhaft Anleihen. Das birgt Risiken. Kritiker fordern mehr Gelassenheit von den Notenbankern.

Flexibilität und Gelassenheit statt starrem Inflationsziel Quelle: dpa/Montage

Sie kauft und kauft und kauft - regelmäßig informiert die Europäische Zentralbank (EZB) nun darüber, für wie viel Milliarden Euro sie wöchentlich Anleihen kauft. Zuletzt kauften die Zentralbank und die nationalen Notenbanken Wertpapiere für insgesamt 18,2 Milliarden Euro in einer Woche. Insgesamt wurden seit dem Start des Anleihekaufprogramms schon Anleihen für über 64 Milliarden Euro gekauft, das Monatsziel von 60 Milliarden Euro hat die Zentralbank also erreicht.

Soweit der Anfang - ein Ende der Geldflut ist dagegen nicht in Sicht. Zwar hat EZB-Chef Mario Draghi erklärt, vorerst bis September 2016 Anleihen kaufen zu wollen. Dieses Datum gilt allerdings als Minimalziel. Sollte die Inflationsrate in der Euro-Zone bis dahin nicht an das von der EZB gesteckte Ziel für Preisstabilität bei nahe zwei Prozent herangerückt sein, könnte die Zentralbank auch deutlich länger und mehr Anleihen kaufen.

Fragen zum EZB-Anleihekaufprogramm

Mit ihrer Kaufkraft versucht die Notenbank also, die Teuerungsrate auf ihren Zielwert hochzutreiben. Man stelle sich einen tiefen Brunnen vor. Um besser an das Wasser zu kommen, gießen die Währungshüter von oben kräftig Liquides nach. Trotzdem bewegt sich der Eimer mit Wasser, den sie nach oben ziehen wollen, nur sehr langsam, weil andere Faktoren - wie niedrige Energiekosten - den Eimer nach unten ziehen.

Die EZB versucht also alles in ihrer Macht stehende, um ihr Inflationsziel zu erfüllen. Daran ist zunächst nichts auszusetzen, denn sie verfolgt damit nichts anderes als ihr Mandat. Die wichtigste Aufgabe der Zentralbank ist es, den Wert des Euro stabil zu halten, so ist es im Artikel 105 des EG-Vertrages vermerkt.

Mit welchen Maßnahmen Regierungen und Notenbanken Sparer attackieren können
Instrument: NiedrigzinsAusgestaltung: Notenbank kauft (über Banken, die günstig Geld bekommen) Staatsanleihen; Notenbank hält Leitzinsen unten negativ betroffen wären/sind: Konten, Anleihen, Lebensversicherung, Betriebsrenten, Versorgungswerke Eintrittswahrscheinlichkeit: läuft bereits; ••••• wie gefährlich für das Vermögen?: Inflation frisst Zinsen; Sparen lohnt sich kaum; ••••∘ Vorteil für Staaten: niedrige Zinslast auf eigene Schulden historische Vorbilder: USA • = unwahrscheinlich/ sehr niedrige Einbußen; ••••• = so gut wie sicher/ sehr hohe Einbußen Quelle: dpa
Instrument: Inflation zulassenAusgestaltung: Notenbanken schöpfen weiter Geld; Bürger verlieren Vertrauen; Umlaufgeschwindigkeit des Geldes steigt negativ betroffen wären/sind: Bargeld, Konten, Anleihen, Lebensversicherung Eintrittswahrscheinlichkeit: aktuell gering; langfristig wahrscheinlich; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: Hohe Inflation kann sämtliche Geldvermögen entwerten; ••••• Vorteil für Staaten: Schulden werden nicht auf dem Papier, aber real drastisch verringert historische Vorbilder: Deutschland 1923; Frankreich 18. Jahrhundert; Zimbabwe 2009 Quelle: dpa
Instrument: NegativzinsAusgestaltung: Notenbank setzt negativen Leitzins fest; Banken legen negative Zinsen auf die Guthaben von Sparern um oder verteuern Gebühren/Kredite negativ betroffen wären/sind: Konten Eintrittswahrscheinlichkeit: ist bereits in der Diskussion; •••∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: Erspartes leidet nominal durch Negativzinsen und real durch Inflation ••••∘ Vorteil für Staaten: höheres Wachstum durch ausgeweitete Kreditvergabe erhofft historische Vorbilder: Schweiz 1964, 1970er; Schweden; Dänemark Quelle: dpa
Instrument: VermögensabgabeAusgestaltung: Staat schneidet sich von allen Vermögenswerten einmalig ein Stück ab negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: je reicher desto härter; ••••∘ Vorteil für Staaten: kann Schulden sofort drastisch senken historische Vorbilder: Deutschland 1918/19, 1952 Quelle: dpa
Instrument: ZwangsanleiheAusgestaltung: Staat zwingt Bürger, einen Teil ihres Vermögens in Staatsanleihen zu packen; wird (teilweise) zurückgezahlt negativ betroffen wären/sind: Konten, Aktien, Anleihen, Immobilien Eintrittswahrscheinlichkeit: wird diskutiert, aber starker Widerstand zu erwarten; ••∘∘∘ wie gefährlich für das Vermögen?: hängt von Rückzahlungen ab; •••∘∘ Vorteil für Staaten: verschafft Spielraum bis zum Rückzahlungsdatum historische Vorbilder: Deutschland 1914, 1922/23 Quelle: dpa
Instrument: Neue SteuernAusgestaltung: Vermögensteuer, zum Beispiel ein Prozent auf steuerpflichtiges Vermögen (nach Abzug von Freibeträgen) negativ betroffen wären/sind: Vermögen generell Eintrittswahrscheinlichkeit: politische Forderung; ••••∘ wie gefährlich für das Vermögen?: für Vermögende; •••∘∘ Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen historische Vorbilder: Deutschland, wurde 1997 abgeschafft Quelle: dpa
Instrument: Neue SteuernAusgestaltung: Transaktionsteuer von 0,1 Prozent auf Aktien und Anleihen und 0,01 Prozent auf Derivate; fällig für jedes Geschäft negativ betroffen wären/sind: Aktien, Anleihen, Derivate; indirekt auch Fonds und Lebensversicherungen Eintrittswahrscheinlichkeit: politisch herrscht Konsens; ••••• wie gefährlich für das Vermögen?: drückt auch Rendite von Fonds und Versicherungen; •••∘∘ Vorteil für Staaten: weitere Einnahmen historische Vorbilder: Deutschland 1881–1991; Schweden 1985–1992 Quelle: dpa

Soweit die Faktenlage. Dennoch mehren sich derzeit die Stimmen, die das Stabilitätsziel der EZB und anderer Zentralbanken in Frage stellen. Es sei unter den aktuellen ökonomischen Bedingungen in der Euro-Zone nicht mehr zeitgemäß. Stimmt das, was zunächst angesichts des Risikos welches vom Kauf der Staatsanleihen ausgeht, nachvollziehbar klingt?

Historisches Ziel

Die EZB ist nicht die einzige Zentralbank, die Preisstabilität mit einer Inflationsrate unter, aber nahe zwei Prozent definiert. Ein solches Ziel verfolgt auch die Federal Reserve in den USA, die Bank of England und andere große Notenbanken. Auch die Deutsche Bundesbank wurde aufgrund ihrer stabilitätsorientierten Politik geschätzt. Das Inflationsziel der Frankfurter lag am Ende ihrer geldpolitischen Hoheit bei 1,75 Prozent.

Als dann die EZB das Zepter übernahm, diente die Bundesbank als Blaupause, Europas neue Währungshüter definierten stabile Preise zunächst mit Inflationsraten, die mittelfristig "unter zwei Prozent" liegen. Denn streng genommen liege Stabilität vor, wenn die Preise gar nicht stiegen, die Inflationsrate also bei null Prozent rangiere, erklärt Heinz-Dieter Smeets, der an der Universität Düsseldorf Volkswirtschaft lehrt. Um Spielraum für mögliche Messfehler zu haben, legten die meisten Zentralbanken den Zielwert allerdings nicht auf Null, sondern auf unter zwei Prozent. So blieb auch eine Art Sicherheitspuffer. Denn vielen Ökonomen war ein Zielwert von null aufgrund der gefährlichen Nähe zur Deflation zu riskant.

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