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Gemeinschaftswährung

Verliert der Euro durch die Krisen international an Bedeutung?

Der Euro ist eine Währung auf dem absteigenden Ast – so zumindest der internationale Eindruck. Aber der täuscht. Welche Bedeutung der Euro in der Finanzwelt wirklich hat.

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Die letzten EU-Staaten ohne Euro
Schweden hat sich vertraglich verpflichtet, den Euro einzuführen. Quelle: AP
Tschechien ist bereit für den Euro – rein wirtschaftlich Quelle: Fotolia
Auch Dänemark hat das Recht, sich gegen die Euro-Einführung zu sperren. Quelle: dpa Picture-Alliance
Die Briten haben das vertraglich zugesicherte Recht, das Pfund zu behalten, auch wenn sie für den Euro qualifiziert wären. Quelle: dpa
Rumänien ist seit 2007 EU-Mitglied und beabsichtigt, den Euro einzuführen Quelle: dpa
Auch für Kroatien ist der Abschied von der Landeswährung Kuna kein Thema Quelle: dpa
In Bulgarien ist der Euro derzeit kein Thema Quelle: dpa

Die Diskussion um Griechenland, einen möglichen Grexit, bis hin zum heraufbeschworenen Zusammenbruch der Eurozone, hat am Image des Euro deutliche Spuren hinterlassen. Verschärft wurde das negative Bild durch den massiven Wertverlust des Euro - minus 23 Prozent seit Mitte 2014. Doch inwieweit lässt sich dieser negative Eindruck durch fundamentale Daten bestätigen? Verliert der Euro tatsächlich massiv in seiner Bedeutung als Zahlungsmittel, Reserve-, Investitions- und Finanzierungswährung?

Insgesamt betrachtet kann man hier sagen: Nein. Aber die Bedeutung in den einzelnen Kategorien hat sich verschoben. Dies macht sich zwar nicht unmittelbar am Kurs des Euro bemerkbar, jedoch verändert sich das Reaktionsmuster des Euro, wenn sich strukturelle oder fundamentale Gegebenheiten ändern.

Mit einem Anteil von 43 Prozent an allen Finanztransaktionen weltweit bleibt der US-Dollar das global meistgenutzte Zahlungsmittel. Zwar hat der Anteil des Euro als Zahlungsmittel im Jahr 2014, wie auch den Jahren davor, etwas abgenommen, kann aber seinen zweiten Platz behaupten. Auf den Plätzen drei und vier folgen das britische Pfund und der japanische Yen. Bemerkenswert ist die Rolle, die der chinesische Renminbi spielt. Dieser katapultierte sich auf zwei Prozent ausgehend von einem nicht zu beachtenden Anteil in den Vorjahren. Sicherlich ist dieser Anteil des Renminbis nicht zu vergleichen mit den anderen Währungen, aber die Dynamik der Entwicklung ist doch beachtlich.

Stefan Bielmeier Quelle: Presse

Auch als Reservewährung ist der US-Dollar weiter unangefochten die wichtigste Währung der Welt. Im letzten Jahr stieg der Anteil der US-Devise an den offengelegten Reserven sogar um 2 Prozentpunkte auf nun 63 Prozent. Die Bedeutung des Euro als Reservewährung hat im vergangen Jahr hier ebenfalls leicht abgenommen und betrug Ende des vergangen Jahres 22,2 Prozent nach 24,4 im Vorjahr. Er erfüllt jedoch weiterhin seine Rolle als die zweitwichtigste Reservewährung für Zentralbanken weltweit.

Wie sieht es mit dem Euro als Investitionswährung aus? Im Gesamtjahr 2014 betrug der Kapitalzufluss in die Eurozone seitens ausländischer Investoren rund 325 Milliarden Euro. Davon wurden in der ersten Jahreshälfte 170 Milliarden Euro in Aktien und 155 Milliarden Euro in festverzinsliche Wertpapiere investiert.

Konjunkturindikatoren

Während der zweiten Jahreshälfte trübte sich das Bild allerdings massiv ein. Die Netto-Auslandsnachfrage nach Euro-Wertpapieren sank auf null – wobei zu bemerken ist, dass die Nachfrage nach Aktien weiterhin im positiven Bereich lag, während Bonds verkauft wurden. Diese Entwicklung der Verkäufe festverzinslicher Wertpapiere bei gleichzeitigen Zukäufen von Aktien, nahm im 1. Quartal 2015 nochmals deutlich an Dynamik zu. Dies ist ohne Zweifel der unterschiedlichen geldpolitischen Ausrichtung der EZB einerseits und der Fed andererseits geschuldet (durch die Verkündung des Programms zum massiven Aufkauf von Staatsanleihen durch die EZB wurden Aktien für ausländische Investoren im Vergleich zu Anleihen attraktiver). Seit Beginn des Jahres ist nun sogar ein deutlicher Kapitalabfluss aus der Eurozone zu erkennen. Sowohl die geldpolitischen als auch die makroökonomischen Rahmenbedingungen bieten für einen erneuten Anstieg der Portfolioinvestitionen nicht die optimalen Vorrausetzungen.

Unternehmen finanzieren sich zunehmend in Euro

Vielmehr scheint der Euro zunehmend zu einer Finanzierungswährung zu werden. Denn der Euro ist als Finanzierungsinstrument, hinsichtlich der Emission von Schuldtiteln, deutlich attraktiver geworden. Im vergangenen Jahr ist der Anteil des Euro an den internationalen Schuldtitelemissionen um neun Prozentpunkte auf nun 29 Prozent gestiegen. Der US-Dollar ist im gleichen Zeitraum in dieser Kategorie um zehn Prozentpunkte gesunken, auch wenn er, mit einem Anteil von 58 Prozent, an den gesamt ausstehenden Schuldtiteln die weltweit wichtigste Finanzierungswährung bleibt.

Insbesondere Unternehmen in den entwickelten Ländern, allen voran US-Unternehmen, finanzieren sich inzwischen zunehmend in Euro. Im ersten Quartal emittierten US-Unternehmen ein Volumen von 26 Milliarden US-Dollar an Eurobonds. Angesichts der Tatsache, dass im gesamten Jahr 2014 US-Unternehmen Schuldtitel in einer Größenordnung  von 28 Milliarden US-Dollar an Euro-Schuldtitel emittierten, wird deutlich, wie attraktiv der Euro hier geworden ist.

"Der Euro ist stabil, der Euro ist stark"
Stärker als gedacht"Scheitert der Euro, scheitert Europa" ist einer der Sätze von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die vielen in Erinnerung bleiben. Mittlerweile wurde er ein wenig umgedeutet, an Griechenland dürfe der Euro nicht scheitern, hieß es kürzlich. Bisher sieht es danach auch aus, die Gemeinschaftswährung hält sich trotz des eskalierenden Griechenland-Dramas überraschend stabil. Auf Wochensicht verläuft die Entwicklung des Euro zum Dollar seitwärts, die Verluste vom Handelsbeginn am Montag hat die Gemeinschaftswährung wieder ausgeglichen. "Während sich die Lage in Griechenland zuspitzt, zeigt sich der Devisenmarkt weiterhin gelassen", schreibt die Commerzbank in einem Kommentar. Aus Sicht der Analysten liegt das vor allem an der Europäischen Zentralbank (EZB). "Die Lorbeeren gehören der EZB, die mit ihrem Versprechen, dass sie all ihre Instrumente nutzen würde, um Ansteckungseffekte einzudämmen, Spekulationen binnen kurzer Zeit den Garaus gemacht hat." Quelle: REUTERS
Retter in der NotOffenbar gibt es einige, deren Vertrauen in den Euro vor allem auf dem Engagement der Zentralbank fußt. Alle glauben das aber nicht: "Die Wette gegen den Euro war gefährlich und verlustreich”, sagt Ray Attrill, Chef-Devisenstratege der National Australia Bank in Sydney. „Es gibt genug Leute, die daran glauben, dass ein Austritt Griechenlands keine signifikanten Ansteckungseffekte haben wird und dass die EZB und die EU-Politiker alles tun werden, um den Euro zu stützen. Ich gehöre nicht dazu“. Quelle: dpa
Positive oder negative Folgen?Die Folgen eines Austritts des Landes aus dem Euro („Grexit“) würden am Devisenmarkt sehr unterschiedlich bewertet, begründet Lutz Karpowitz von der Commerzbank die geringe Reaktion der Märkte auf Griechenland-Meldungen. So sei die Gruppe derjenigen, die einen Austritt als positiv für den Euro bewerte, etwa gleich groß wie die Gruppe, die ihn negativ sehe. „Nach einem Grexit dürfte allerdings schnell klar werden, dass Ansteckungseffekte ausbleiben“, erwartet Karpowitz. Anfängliche Verluste würde der Euro zügig wieder gutmachen. Quelle: dpa
Ansteckungseffekte ja oder nein?Eine mittel- bis langfristige Gefahr für den Euro könnte von möglichen Ansteckungseffekten anderer Euro-Länder wie Spanien oder Portugal ausgehen. Österreichs Finanzminister rechnet nicht damit: "Der Euro ist stabil, der Euro ist stark", sagte Hans Jörg Schelling am Dienstag in Wien. Er erwarte durch den ungelösten Schuldenstreit mit Griechenland keine Finanzkrise. Selbst wenn sich die Griechen bei dem geplanten Referendum gegen die Vorschläge der internationalen Geldgeber aussprechen sollten, erwarte er keine "Ansteckungseffekte" für die Euro-Zone. Quelle: REUTERS
Untergang abgesagt?Insgesamt hält die Mehrheit der Analysten die Gefahr für den Euro für deutlich geringer als vor einigen Monaten. "Ein "Grexit" wird nicht mehr mit dem Ende des Euro verknüpft", sagt Claudia Windt, Analystin der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Insgesamt habe die Untergangsrhetorik deutlich abgenommen. Quelle: dpa
VertrauensproblemEin Grexit könnte weniger ein Ansteckungs-, als ein Vertrauensproblem für den Euro werden. "Ein Austritt Griechenlands dürfte den Euro merklich schwächen", sagt Bernd Krampen, Analyst bei der NordLB. Davon würde zwar die heimische Exportwirtschaft profitieren, gesamtwirtschaftlich wäre der Vertrauensverlust allerdings problematisch. Quelle: REUTERS
Grexit oder Graccident Quelle: Marcel Stahn

Betrachtet man die Korrelation zwischen dem Euro-Index auf der einen Seite und dem Dax auf der anderen Seite, so ist zu erkennen, dass zwischen diesen beiden Variablen eine negative Korrelation besteht. Dieses Bild bestätigt die Entwicklung des Euro als Finanzierungswährung: Wenn die Risikoaversion der Investoren abnimmt, steigt der Dax und der Euro fällt.

Doch worauf ist die Entwicklung des Euro als Finanzierungswährung zurückzuführen? Die Gründe dürften vorrangig bei der EZB liegen. Denn, anders als seine Vorgänger, verfolgt EZB-Präsident Draghi eine Politik des „billigen Geldes“. Durch die Niedrigzinspolitik und das groß aufgelegte Programme zum Aufkauf von Staatsanleihen nimmt er bewusst eine starke Abwertung des Euro in Kauf. Auf diese Weise soll die Wachstumsschwäche und die drohende Deflation in der Eurozone bekämpft werden. Doch die Nebenwirkung lautet: Der Euro wird zunehmend zum Finanzierungsinstrument. Darüber hinaus führt die Niedrigzinspolitik der EZB gepaart mit dem zu erwartenden Zinsanstieg in den USA dazu, dass sich eine Finanzierung in US-Dollar verteuert und Investoren daher sich auf die Suche nach Alternativen machen, die sowohl in Sachen Liquidität, Marktgröße, Markttiefe als auch „Kosten“ attraktiv sind.

Keine andere Währung als der Euro, neben dem US-Dollar, kann diese Eigenschaften vorweisen. Die zunehmende Attraktivität des Euro als Finanzierungswährung dürfte noch eine geraume Zeit anhalten, denn die Zinsen im Euroraum werden mittelfristig niedrig bleiben. Neben dem japanischen Yen dürfte somit eine weitere Währung den Charakter einer günstigen Finanzierungswährung einnehmen. Was bedeutet das nun für den Euro? 

Europa



Die steigende Relevanz des Euro als Finanzierungswährung könnte das zukünftige Reaktionsmuster des Euro in Krisenzeiten ändern. Der Mechanismus dahinter sieht wie folgt aus: Investoren, die sich in Euro finanziert haben, werden im Fall einer Krise ihre Positionen bereinigen. Hierzu müssen sie Euro nachfragen. Diese steigenden Nachfragen nach Euro werden zu einer Aufwertung des Euro-Kurses führen. Die Gemeinschaftswährung würde sich dann wie ein klassischer „sicheren Hafen“ verhalten – ohne tatsächlich einer zu sein (es ist ein Unterschied ob man in Krisenzeiten Euros kauft, um „short-Positionen“ zu decken, oder ob man Euros kauft, weil man sich dort sicher wähnt).

Ob dies im Sinne der EZB ist, sei dahingestellt. Sicherlich wird man aber seitens der Politik ungern diese Entwicklung akzeptieren, beschränkt doch ein starker Euro die Exporte und somit das Standbein einiger großer Nationen, wie Deutschland.

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