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George Soros "Europa? Gibt's doch nicht mehr"

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"Eine prosperierende Ukraine könnte zum Asset in Europa werden"

Warum protestiert die britische Wirtschaft nicht?

Privat sind Wirtschaftslenker klar gegen einen Brexit. Aber sie haben wie die Regierung lange gezögert, weil alle ja noch auf einen Deal mit der EU warten. Das hat den Gegnern einen Startvorteil gegeben.

Europa – und die Welt – konnten lange auf riesige Wachstumsraten in China zählen. Ist das vorbei?

China ist immer noch das wichtigste Land auf der Erde. Es verfügt immer noch über gigantische Devisenreserven. Und es genießt noch immer großes Vertrauen bei Anlegern. Sie sind sicher, dass ein Regime, das so viele Herausforderungen gemeistert hat, schon weiß, was es tut.

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    Die fünf großen Gefahren für Chinas Wirtschaftswachstum

    Und diese Stärken reichen, um China vor einem Wirtschaftsabsturz zu bewahren?

    Leider verbrennt China derzeit diese Devisenreserven sehr schnell. Und auch das Urvertrauen der Anleger beginnt zu wanken, da die chinesische Regierung viele Fehler gemacht hat. Denken Sie nur an die hohe Verschuldung der Banken und Staatsbetriebe oder die Umweltproblematik. Das Grundvertrauen mag China noch drei Jahre schützen – aber es steht vor einer seiner größten Herausforderungen.

    Schafft Chinas Präsident Xi Jinping das?

    Er ist ein starker Führer, aber hat eine große Schwäche: Xi Jinping ist ein Kontrollfreak. Aber marktwirtschaftliche Reformen klappen nicht ohne politische Zugeständnisse. Xi Jinping kann etwa noch so viele Antikorruptionskampagnen ausrufen – ohne unabhängige Medien sind sie zum Scheitern verurteilt. Und diesen Schritt scheint er bislang nicht machen zu wollen. In diesem Punkt ist er Russlands Präsident Putin näher.

    Putin hat Ihre Stiftung zum Staatsfeind erklärt, wohl wegen des Einsatzes für Demokratie in der Ukraine. Wie ist die Lage da?

    Die Menschen in der Ukraine haben in den vergangenen zwei Jahren schlicht Unglaubliches geleistet. Doch die Europäer geben ihnen viel zu wenig Geld. Damit machen sie denselben Fehler wie in Griechenland. Die „alte“ Ukraine ähnelte dem alten Griechenland. Oligarchen hatten das Land unter sich aufgeteilt, und Beamte wollten sich selbst bereichern. Aber die Menschen in der neuen Ukraine wollen radikale Reformen, dabei brauchen sie Europas Hilfe. Und das würde sich für Europa direkt auszahlen: Denn eine prosperierende Ukraine könnte zum Asset in Europa werden – gegen russische Aggression und für Solidarität und Aufbruch, die Europa mal ausmachten.

    Haben die Amerikaner die Bedeutung der Ukraine besser begriffen?

    Sehr viel besser. US-Vizepräsident Joe Biden hat gerade eine großartige Rede in der Ukraine gehalten und Präsident Petro Poroschenko zu Fortschritten bei Demokratie und Korruptionsbekämpfung angehalten. Ähnliches könnte in Europa nur Merkel leisten. Leider hat sie aufgrund der Flüchtlingskrise offenbar schlicht nicht die Zeit, sich auch noch ausgiebig um die Ukraine zu kümmern.

    Viele werfen Präsident Barack Obama aber zu viel Nachsicht im Umgang mit Wladimir Putin vor.

    Und haben völlig recht. Obama wollte unbedingt jede Konfrontation mit Russland vermeiden. Dabei hätte er ihm gleich entschlossen entgegentreten müssen, als Putin sich in die Konflikte im Nahen Osten, vor allem in Syrien, eingemischt hat. Man kann sagen, dass der türkische Präsident Recep Erdoğan Obama einen Gefallen getan hat, als er gerade einen russischen Kampfjet abschießen ließ. Denn das machte Putin schlagartig klar, dass seine Politik des militärischen Zündelns in Syrien Konsequenzen hat. Und mit einem Schlag bemüht er sich um eine politische Lösung. Nur leider ist jede Lösung für Syrien hoch komplex, genau wie für den „IS“-Terror. Diese Gruppe hat die Achillesferse der westlichen Gesellschaften entdeckt, die Angst vor dem Tod. Durchs Schüren dieser Angst versuchen sie uns von Toleranz und Offenheit abzubringen. Lassen wir uns darauf ein – wie der republikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump predigt –, betreiben wir das Geschäft der Terroristen.

    Europa



    Sie sind beide Milliardäre, leben beide in New York. Kennen Sie Trump?

    Vor vielen Jahren sprach er mich mal an, ob ich nicht der Hauptmieter in einem seiner Wolkenkratzer werden wolle. Er wollte, dass ich einen Preis nenne. Und ich sagte nur: „Kann ich mir nicht leisten.“ Er ist gefährlicher noch als George W. Bush. Bush hat immerhin nach den Anschlägen vom 11. September Moscheen besucht, um der Welt klarzumachen, dass Amerika keinen Krieg mit dem Islam führt. Trump will einen Einreisestopp gegen Muslime verhängen.

    Ein anderer US-Milliardär, Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, hat gerade versprochen, 99 Prozent seines Vermögens für gute Zwecke auszugeben. Beeindruckt vom jungen Kollegen?

    Ich glaube, dass diese neuen jungen IT-Milliardäre durchaus wertvolle Beiträge leisten. Aber ich erlaube mir doch den Hinweis, dass Zuckerberg sein Vermögen nicht fortgegeben hat oder eine wohltätige Einrichtung gegründet hat. Er hat eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung gegründet, die weiter investieren kann und über die er volle Kontrolle behält. Ich bin mir nicht sicher, ob das ein PR-Stunt ist oder nicht – aber ganz sicher ist es nicht einfach Wohltätigkeit.

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