WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Gerhard Cromme "Es gibt keine Alternative zur Achse Berlin-Paris"

Spitzenmanager Gerhard Cromme ist überzeugt, dass wirtschaftliche Zwänge Frankreichs Präsidenten François Hollande zu Pragmatismus zwingen – und zu einem guten Verhältnis zu Kanzlerin Angela Merkel.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Gerhard Cromme Quelle: Frank Reinhold für WirtschaftsWoche

WirtschaftsWoche: Herr Cromme, als langjähriger Top-Manager in Frankreich sind Sie ein Mann, der über den teutonischen Suppenschüsselrand ein paar Zentimeter hinwegguckt...

Gerhard Cromme: ...danke für die Blumen.

Bis 1986 standen Sie in den Diensten des französischen Mischkonzerns Saint-Gobain, um dann dem Ruf des Hügels nach Essen zu Krupp zu folgen. Haben Sie sich in Frankreich nicht ganz wohlgefühlt?

Das Gegenteil ist richtig. Ich habe dort sehr viele Freunde gewonnen. Die Aufgabe bei Krupp war eine neue Herausforderung. Meinen Verbindungen zu Frankreich hat das über die Jahre nicht geschadet, ganz im Gegenteil.

Sie sind Mitorganisator des deutsch-französischen Unternehmertreffens in Evian, das vom ehemaligen Daimler-Chef Edzard Reuter mitbegründet und von Ex-Außenminister Joschka Fischer mehrmals als Redner und Diskussionsteilnehmer besucht wurde.

Dort treffen sich einmal im Jahr etwa 50 deutsche und französische Unternehmensführer mit Politikern, um über die deutsch-französische Zusammenarbeit und europapolitische Themen zu sprechen.

Sieben gegen Merkel
Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte gemeinsam mit Frankreichs konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy die harte Sanierung Europas durchgesetzt. Bei den Wahlen in Frankreich und Griechenland hat sie zwei wichtige Mitstreiter verloren, der Chor der Kritiker wird immer lauter. Quelle: dapd
1. Die FranzosenDer neue Staatspräsident François Hollande (Foto) verlangt die Ergänzung des europäischen Fiskalpakts: Er will zwar nicht die vorgesehene Haushaltsdisziplin und die Sanktionierung von Etatsündern ändern, den Fiskalpakt aber durch Wachstumsinitiativen ergänzen. Dazu hat der sozialistische Politiker bereits ein vier Punkte umfassendes Memorandum vorgelegt: Gemeinsam begebene europäische Anleihen sollen für EU-Projekte aufgelegt werden; verfügbare Gelder der EU-Strukturfonds sollen den Krisenländern zugutekommen; die Europäische Investitionsbank soll mehr Kredite geben; eine Finanztransaktionssteuer soll die Einnahmen erhöhen. Kompliziert daran ist nur eine Forderung: die nach Euro-Bonds. Hollande will sie nicht einführen, um nationale Schulden zu vergemeinschaften, sondern um gemeinsame Infrastruktur- und Energieprojekte zu finanzieren. Lebhafte Diskussionen wird es zwischen Merkel und Hollande auch über die Rolle der Europäischen Zentralbank geben. Hollande schwebt ein ähnliches Mandat vor wie das der US-Notenbank, also eine Verantwortung der Notenbank für Geldwertstabilität und für Wachstum. Quelle: dapd
2. Die GriechenEin „Signal des Umsturzes und der friedlichen Revolution“ - so interpretiert Alexis Tsipras (Foto) das Ergebnis der griechischen Parlamentswahl, aus der sein „Bündnis der radikalen Linken“ als zweitstärkste Partei hervorging. Eine Botschaft, „die vor allem Frau Merkel verstehen muss“. Ihre Politik des Sparens habe „eine vernichtende Niederlage“ erlitten, tönt der 37-jährige Politiker, der den Stimmenanteil seiner Partei gegenüber der Wahl von 2009 vervierfachen konnte. Das griechische Volk habe gezeigt, dass es sich nicht mit den „barbarischen Auflagen“ der Sparpakete abfinde. Das deutsch-griechische Verhältnis war bereits gespannt. Mit diesem Wahlergebnis wird es noch schwieriger. In Tsipras hat Merkel einen selbstbewussten Gegenspieler gefunden. Um große Sprüche ist der neue Star der Linken nicht verlegen: Mit der Wahl sei „nach zweieinhalb Jahren Barbarei die Demokratie an jenen Ort zurückgekehrt, an dem sie geboren wurde“. Nicht nur Tsipras, auch Parteien wie die Ultranationalisten und die Neofaschisten verdanken einen großen Teil ihres Erfolgs dem Feindbild Deutschland. Quelle: dapd
3. Der IWFIWF-Chefin Christine Lagarde (Foto) hält den deutschen Fokus auf Sparprogramme für zu einseitig. Der Fiskalpakt, für Kanzlerin Merkel Herzstück der Euro-Krisenbekämpfung, sollte aus ihrer Sicht ein eher nachrangiger Baustein innerhalb eines umfassenderen Konzepts sein. Wichtiger als Sparen ist ihr Wachstum - und ein ausreichend großer Rettungsfonds, mit dem sich die Euro-Zone von den Finanzmärkten abschirmen kann. „Mit schnellen, undifferenzierten Sparmaßnahmen werden wir uns selbst besiegen“, mahnte Lagarde Anfang April. Zugleich appellierte sie an die USA, nicht auch noch auf den europäischen Sparkurs einzuschwenken, sondern weiter staatliche Wachstumsimpulse zu setzen. Anfang Januar warnte sie vor einer „Weltwirtschaftskrise wie 1930“ und verlangte: „Die Euro-Zone braucht dringend mehr Wirtschaftswachstum.“ Anders als Merkel versteht sie unter Wachstumsimpulsen nicht allein Strukturreformen, sondern durchaus auch schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme. Lagarde kämpfte zudem vehement für höhere Brandmauern für die Euro-Zone. Quelle: dpa
4. Der Ex-PräsidentEs war Bill Clinton (Foto), den Washington vorschickte, um die deutsche Wirtschaftspolitik zu kritisieren. "Die Politik des Sparens wird weiter vorangetrieben, obwohl es offensichtlich ist, dass sie nicht funktioniert", sagte der Alt-Präsident vergangene Woche. Europa solle sich stärker auf die Wachstumsförderung konzentrieren und nicht nur auf Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen. Die Äußerung des 65-Jährigen war nicht die Einzelmeinung eines pensionierten Präsidenten. Vielmehr spiegelt Clintons Sichtweise die Meinung im Weißen Haus wider. Dort wird bereits seit Monaten der deutsche Kurs kaum verhohlen kritisiert. US-Präsident Barack Obama hatte sogar öffentlich im Herbst 2011 mehr Einsatz der Euro-Zone im Kampf gegen die Schuldenkrise gefordert. Er meinte damit nicht den Abbau von Schulden, sondern staatliche Konjunkturmaßnahmen, um zu verhindern, dass die europäische Wirtschaft weiter abrutscht. Quelle: dpa
5. Deutsche BankUlrich Stephan ist sich sicher. „Nur Sparen allein wird nicht helfen, den Schuldenberg in Europa abzutragen“, sagt der Chefanlagestratege der Deutschen Bank (Foto). Viel wichtiger sei es, das Wachstum zu stärken. Die jeweiligen Regierungen dürften sich dabei allerdings nicht scheuen, notwendige Strukturreformen anzugehen, insbesondere auf dem Arbeitsmarkt. Dies sei zwar ein äußerst schmerzhafter Prozess für die Beteiligten, letztlich aber ohne Alternative. Dass es funktionieren kann, zeige Deutschland, sagt Stephan. Dank der Agenda 2010 stehe man wieder sehr gut da, wenngleich der Weg dorthin mühsam war und eine Weile gedauert habe. Stephan ist in der Branche nicht allein mit seiner Einschätzung. Sparen ja, aber nicht um jeden Preis. Ganz ähnlich sieht es auch Holger Schmieding, der Chefvolkswirt der Hamburger Berenberg Bank. Ohne die Staatshaushalte in den Griff zu bekommen, würden die Probleme in Europa zwar nicht gelöst werden können, sagt der Ökonom. Man müsse den betroffenen Staaten aber auch Zeit dafür geben. Luft zum Atmen gewissermaßen. Letztlich, sagt Stephan von der Deutschen Bank, könne Europas Schuldenberg nur über einen ganzen Mix an Maßnahmen abgetragen werden. „Grundlegende Reformen, um das Wirtschaftswachstum zu stärken, dazu entsprechende Sparmaßnahmen der einzelnen Staaten - und moderat höhere Inflationsraten.“ Quelle: Deutsche Bank
6. Der NobelpreisträgerSeit Ausbruch der Euro-Schuldenkrise führt der Nobelpreisträger Paul Krugman (Foto) den Chor der angelsächsischen Ökonomen an, der die von der Bundeskanzlerin dominierte Krisenpolitik der Europäer kritisiert. Es ist ein großer, gemischter Chor aus vielen prominenten Stimmen, der da singt. Er enthält die vielen Ökonomen, die nie an den Euro geglaubt haben, diejenigen, die die deutschen Handelsbilanzüberschüsse schon immer für Teufelswerk hielten, und Enttäuschte, die den Euro bisher gegen ihre Landsleute verteidigt hatten. Was Krugman Angela Merkel vorhält, ist ihr stures Festhalten an der Sparpolitik. Die Deutschen hätten sich in die Idee verrannt, dass Europa Reformen nach ihrem Vorbild brauche, kritisiert er. Dabei könne sich nicht jedes Land durch Exportüberschüsse aus der Krise befreien, warnt der Starökonom und verlangt höhere Inflationsraten in Deutschland und Konjunkturprogramme für den Süden. Mit Joseph Stiglitz stimmt ein weiterer Nobelpreisträger in die Kritik ein: Europa müsse jetzt die Staatsausgaben erhöhen, und die EZB müsse in großem Umfang Staatsanleihen kaufen. Auch Kenneth Rogoff, führender Experte in Sachen Staatsverschuldung, warnt, dass Europa unhaltbare Positionen zu verteidigen versuche. Griechenland werde die Euro-Zone verlassen müssen. Quelle: Reuters

Die Zusammenarbeit auf politischer Ebene muss sich jetzt neu beweisen. Der Sozialist François Hollande ist neuer französischer Präsident. Kanzlerin Angela Merkel hat auf das falsche Pferd gesetzt, als sie den Wahlkampf von Nicolas Sarkozy unterstützte. Wird das ein Problem?

Ich glaube nicht. Eigentlich war es doch logisch, dass die Kanzlerin einem Parteifreund helfen wollte, wenn man Europapolitik als europäische Innenpolitik begreift. Kanzlerin Merkel und Präsident François Hollande werden von nun an ganz schnell ein funktionierendes europäisches Duo werden, davon gehe ich aus.

Wir sind gespannt, wie Hollande den Sprung von der sozialistischen Rhetorik zu einer neoliberalen Politik hinbekommt, ohne die er den französischen Staatshaushalt nicht sanieren und den Euro zusammen mit der Bundeskanzlerin nicht retten kann.

Hollande ist Pragmatiker. Dass er seinen Wahlkampf so geführt hat, ist ihm nicht vorzuwerfen. Letztlich wird doch alles nicht so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Die Chance, dass er den französischen Staatshaushalt für Wahlgeschenke groß aufblähen kann, sehe ich nicht. Ich glaube eher, Hollande macht zunächst eine Bestandsaufnahme, einen Kassensturz. Danach wird er dem französischen Volk erklären, dass die finanzielle Lage schwierig ist und dass man eben nicht alles umsetzen kann oder mehr Zeit braucht.

Es werde „kein Kind der Republik zurückgelassen“, hatte Hollande im Wahlkampf versprochen. Ist das nicht ein pathetisches wie klares Versprechen, mehr Geld auszugeben?

Nicht unbedingt. Schon Präsident Jacques Chirac hatte vor der „fracture sociale“ gewarnt, vor dem Auseinanderbrechen der Gesellschaft. Das Anliegen des sozialen Friedens ist absolut richtig. Allerdings wird der Druck der Märkte dafür sorgen, dass die Staatsfinanzen unter Kontrolle bleiben. Natürlich wird der neu gewählte Präsident seinen Wählern entgegenkommen – da und dort bei der Steuerpolitik, bei einer Bildungsreform oder bei der Infrastrukturpolitik. Aber dann wird er sehr schnell von den fiskalischen Realitäten eingeholt werden.

Sarkozy hat den Franzosen immer wieder Deutschland als Vorbild hingestellt. Wird Hollande von Merkel lernen?

Die Frage ist mir in letzter Zeit oft gestellt worden. Hollande braucht keine Nachhilfelehrerin, wohl aber eine politische Partnerin, um die Zukunft des Euro zu sichern. Jeder kann von den Stärken des anderen lernen.

Was heißt das?

Dass ein Deutschland in so holzschnittartiger Form, wie es immer wieder in Paris vorgebracht wird, gar nicht existiert. Das deutsche Modell ist nicht auf Frankreich übertragbar. Aber es ist auch kein Zufall, dass Deutschland noch vor wenigen Jahren als „l’homme malade“, als kranker Mann Europas, bezeichnet wurde und heute gerade in Frankreich vom „modèle allemand“ gesprochen wird. Auch in Frankreich sind grundlegende Strukturreformen nötig. Hier kann man einiges von den skandinavischen Ländern lernen.

Achse Berlin-Paris

Merkel und Hollande Quelle: REUTERS

Klingt diplomatisch und rücksichtsvoll, nehmen die Franzosen Ihnen das ab?

Man muss auch nicht immer Nabelschau betreiben...

...aber deswegen die Vorzüge der deutschen Wirtschaft auch nicht ganz verschweigen.

Zur Wettbewerbsfähigkeit gehören viele Dinge. Für unsere französischen Partner ist besonders das Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern in Deutschland immer wieder ein Grund zum Staunen. Die deutsche Mitbestimmung hat sich über viele Jahre entwickelt und mehr als bewährt. Man kann das deutsche Mitbestimmungsmodell aber nicht eins zu eins auf Frankreich übertragen. Erstens sind die französischen Gewerkschaften im Vergleich zu den deutschen eher schwach, und zweitens haben wir in Deutschland auch 30 Jahre gebraucht, um zu lernen, mit der Mitbestimmung positiv umzugehen und sie nicht als Gängelung des jeweils anderen misszuverstehen. In Frankreich wird das Verhältnis von Arbeit und Kapital manchmal noch zu sehr als unversöhnlicher Widerspruch gesehen.

Sie sind aufs Schwerste von den Gewerkschaften angegriffen worden, als Sie als Krupp-Chef das Stahlwerk Rheinhausen 1988 schlossen, danach feindlich den damaligen Konkurrenten Hoesch übernommen und schließlich mit dem Marktführer Thyssen zur ThyssenKrupp AG fusioniert haben. Liefe das heute anders?

Damals gab es Blessuren auf beiden Seiten. Aber die sind verheilt. Wir haben alle dazugelernt.

Wieso sollte das nicht auch in Frankreich funktionieren?

Ich würde dringend davon abraten, das heute bei uns praktizierte Mitbestimmungsmodell auf Frankreich zu übertragen. In Frankreich könnten mit diesem Grad der Kooperation weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer umgehen. Das funktioniert nicht, und eine Vorbildfunktion Deutschlands wäre im Sinne eines Patentrezepts das Grundfalsche. Gleichwohl haben wir nach Jahrzehnten praktischen Umgangs mit den Instrumenten der Mitbestimmung einiges erreicht, die Kurzarbeit, die Lohnzurückhaltung besonders in den schweren Jahren 2000 bis 2005.

Wer sich gegen Merkels Euro-Kurs stellt
Klaus-Peter Willsch (CDU)Willsch ist seit 2000 im Vorstand der hessischen CDU und seit 1998 - stets direkt gewählt - Bundestagsmitglied, wo er im Haushaltsausschuss seit 2005 dem Unterausschuss zu EU-Angelegenheiten vorsitzt. Quelle: Reuters
Alexander Funk (CDU)Der 37-jährige Kaufmann aus dem Saarland schaffte 2009 als erster CDU-Abgeordneter seit 1965 einen Wahlsieg im Wahlkreis Homburg. Quelle: CDU
Veronika Bellmann (CDU)Die ehemalige Erzieherin und Kauffrau aus dem Erzgebirge ist seit 2002 Bundestagsmitglied. Quelle: CDU-/CSU-Fraktion
Manfred Kolbe (CDU)Der ehemalige sächsische Staatsminister der Justiz sitzt bereits seit fast zwei Jahrzehnten im Bundestag. Quelle: dpa
Thomas Dörflinger (CDU)Der ehemalige RTL-Radio-Journalist aus Baden sitzt seit 1998 im Bundestag, wo bereits sein Vater Werner Politik machte. Der Katholik ist Vorsitzender des Kolpingwerks. Quelle: CDU/CSU-Fraktion
Sylvia Canel (FDP)Gymnasiallehrerin aus Hamburg und Bundestagsmitglied seit 2009. Seit 2012 ist sie Landesvorsitzende der FDP Hamburg. Quelle: PR
Lutz Knopek (FDP)Seit 2009 ist er Mitglied des Deutschen Bundestages. Dort ist Mitglied im Ausschuss für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit sowie im Sportausschuss. Knopek ist zudem Mitglied im Landesvorstand der FDP Niedersachsen. Quelle: PR

Meinen Sie, dass sich Merkel und Hollande irgendwann zusammenraufen, jenseits von Parteigrenzen?

Daran habe ich überhaupt keinen Zweifel. Es gibt keine Alternative zur Achse Berlin–Paris. Das war die Botschaft des Antrittsbesuches des französischen Präsidenten vergangene Woche in Berlin. Kanzlerin Merkel ist eine ausgesprochene Pragmatikerin. Und so, wie ich Präsident Hollande kennengelernt habe, geht er nicht ideologisch und kurzfristig orientiert, sondern unaufgeregt und vorausschauend an die Dinge heran.

Woher haben Sie diesen sehr persönlichen Eindruck?

Vor wenigen Wochen habe ich mich mit Präsident Hollande im kleinen Kreis zum Abendessen getroffen. Er ist ein sehr sachlicher Mensch, der ganz genau weiß, dass er im Grunde genommen nicht sehr viel Zeit und wahrscheinlich auch keine großen Spielräume für politische Entscheidungen hat, weil die Märkte Druck auf seine Wirtschaft und auf den Euro ausüben. Bei unserem Treffen erschien er mir als überzeugter Europäer. Er will 2017 die Maastricht-Kriterien erfüllen. Und er pochte darauf, dass wir alle zusammen alles tun müssen, um den Euro zu erhalten. Das sind die Grundvoraussetzungen einer guten Zusammenarbeit zwischen Merkel und Hollande – und letztlich auch für eine gemeinsam ausgerichtete Wirtschafts- und Stabilitätspolitik.

Hollande ist der Mitte-links-Fraktion bei den Sozialisten zuzuordnen und mit François Mitterrand, der deutlich weiter links stand, nicht zu vergleichen. Mit wem würden Sie Hollande vergleichen?

Eher mit dem Sozialisten Jacques Delors, seinem politischen Ziehvater, der Finanzminister unter Mitterrand war und danach Präsident der EU-Kommission. Man kann die französischen Sozialisten nicht mit der deutschen Sozialdemokratie vergleichen. Bei den französischen Sozialisten gibt es ganz verschiedene Strömungen, Pragmatiker, Marxisten, Anarchisten, Leute, die ein ganz anderes System wollen. Hollande ist ein Politiker, der eher einem rechten deutschen Sozialdemokraten entspricht. Im Wahlkampf musste er den sozialistischen radikalen Kräften seiner Partei einige Zugeständnisse machen, und er wird auch einige Dinge umsetzen müssen, damit er zumindest einen Teil seiner Wahlversprechen hält. Um die französische Wirtschaft zu reformieren, um die entsprechenden Gesetze durchzubringen, braucht er seine sozialistische Partei.

Wandel zum Pragmatismus

Energiewende Quelle: dpa

Glauben Sie, der Wandel zum Pragmatismus bei Hollande geht schnell?

Unter unserem SPD-Kanzler Gerhard Schröder gab es nach dem Wahlsieg von Rot-Grün 1998 zunächst den Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine, ebenfalls von der SPD. Als Schröder nach längerer Zeit die Machtfrage stellte, gab Lafontaine auf und verließ die Regierung und sogar seine Partei. Die Regierung Schröder setzte dann von 2003 an die Agenda 2010 um, die Reform der Arbeitslosenversicherung, und schuf damit die Voraussetzung, die deutsche Wirtschaft wieder wettbewerbsfähig zu machen. Hollande kann nicht so lange warten wie seinerzeit Schröder.

Wie viel Zeit hat der französische Präsident Ihrer Ansicht nach?

Spätestens im Herbst kommt die Stunde der Wahrheit. Bis dahin muss Frankreich weitere 60 Milliarden Euro Staatsschulden umfinanzieren. Dann müssen die Märkte von der Konsolidierungspolitik Frankreichs überzeugt sein. Hollande muss zusammen mit Merkel und gemeinsam mit der Europäischen Zentralbank alles tun, um den Euro zu verteidigen. Es gibt geradezu einen Zwang zur Einigung – und zwar unter großem Zeitdruck.

Werden die Franzosen ihre Schulden nicht einfach nur mit mehr Schulden bekämpfen?

Richtig ist, dass es in Frankreich eine starke Tradition gibt, das Wachstum durch staatliche Ausgabenprogramme zu stärken. Und zwar durch Ankurbelung der Binnennachfrage und durch staatlich gelenkte Investitionsprogramme. Die Bilanz dieses Ansatzes ist gemischt. Der Glaube an den Staat ist in Frankreich jedenfalls größer, bei uns aus historischen Gründen geringer.

Wird es Frankreich schaffen, nicht ein zweites Spanien oder ein zweites Portugal zu werden, von Griechenland ganz zu schweigen?

Die Ausgangssituation ist doch völlig anders. Frankreich ist die zweitgrößte Volkswirtschaft in der Euro-Zone. Die industrielle Basis ist vorhanden, auch wenn in den vergangenen zehn Jahren viel Industrie verloren gegangen ist. Letztlich kommt es darauf an, dass Deutschland und Frankreich eng zusammenarbeiten. Die Vergangenheit hat gezeigt, wenn beide Länder an einem Strang ziehen, ist das für Europa schon ein großer Schritt. Europa ist in den vergangenen 50 Jahren aus Krisen doch immer gestärkt hervorgegangen.

Das bittere Fazit aus einem Jahr Energiewende
Kühltürme des Braunkohlekraftwerkes der Vattenfall AG im brandenburgischen Jänschwalde (Spree-Neiße) Quelle: dpa
Freileitungen verlaufen in der Nähe eines Umspannwerkes bei Schwerin über Felder Quelle: dpa
Die Flagge Österreichs weht auf einem Hausdach Quelle: dpa
Ein Strommast steht neben Windkraftanlagen Quelle: AP
Windräder des Windpark BARD Offshore 1 in der Nordsee Quelle: dpa
Eine Photovoltaikanlage der Solartechnikfirma SMA Quelle: dpa
Euroscheine stecken in einem Stromverteile Quelle: dpa

Könnte es nicht zumindest auf dem Gebiet der Energiewirtschaft eine enge Partnerschaft zwischen Deutschen und Franzosen geben? Wir standen hier nach der Energiewende an kalten Tagen in manchen Regionen kurz vor dem Blackout.

Bei der künftigen Energiepolitik muss mehr der globale Blickwinkel beachtet werden, und auch da müssen sich Merkel und Hollande intensiv beraten. Wir sehen, dass die deutschen Energiepreise zu den höchsten in den Industrieländern zählen, die Netze nicht ausreichen und die Versorgung seit der Energiewende nicht immer sicher ist. Die Energiewende in Deutschland hat Konstruktionsfehler. Anstatt aufeinander abgestimmte Zielkorridore für Sauberkeit, Sicherheit und Bezahlbarkeit zu definieren und dies einem Monitoring zu unterwerfen, liegt der Fokus bisher alleine auf Sauberkeit. Das belastet die Industrie im globalen Wettbewerb erheblich. Außerdem ist Energiepolitik noch rein national ausgelegt.

Was versprechen Sie sich dabei von Frankreich?

Die Franzosen können uns mit ihrer starken Energiewirtschaft helfen. Präsident Hollande wird doch Kanzlerin Merkel vielleicht einmal fragen, wieso in Deutschland die Energiewende und der Ausstieg aus der Kernenergie an einem Wochenende und ohne die Konsultation mit dem europäischen Partner Frankreich durchgepeitscht wurde. Das kann ein ganz wichtiger Diskussionspunkt zwischen beiden werden.

Europa



Soll Frankreich mit seinen 57 Atomkraftwerken nun etwa ein industriepolitisches Vorbild für Deutschland sein?

Ganz sicher nicht. Aber wenn die Kanzlerin dem Präsidenten etwas über deutsche Stabilitätsgrundsätze berichten kann, dann wird er ihr als Gegenbeispiel vielleicht sagen, dass man eine Industrienation von Rang nicht alleine mit erneuerbaren Energien betreiben kann, und schon gar nicht von heute auf morgen. So funktioniert eben eine gute Partnerschaft.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%