Giorgos Papakonstantinou "Die Politik widersetzt sich dem Wandel"

Die Lage in Athen war schon lange außer Kontrolle, bevor die Finanzkrise richtig akut wurde. Das politische System befindet sich nun im kompletten Umbau. Doch nicht jeder ist bereit mitzuziehen, wie der frühere griechische Finanzminister im Interview erklärt.

Quelle: dpa

WirtschaftsWoche: Herr Papakonstantinou, wohin steuert Griechenland?

Papakonstantinou: Das Land wird in der Euro-Zone bleiben, aber es ist wichtig, dass wir die Ereignisse jetzt als Weckruf sehen. Die Art und Weise, wie der öffentliche Dienst und der Staat funktionieren, das Steuer- und Sozialsystem, das alles muss sich fundamental wandeln.

Kam der Weckruf nicht schon 2009?

Niemand hat damals begriffen, wie tief der notwendige Wandel tatsächlich gehen muss. Leute, die das Land von außen betrachten, behaupten oft, es habe sich nichts geändert. Sie machen es sich zu einfach. Es hat sich viel verändert – nur noch nicht genug.

Was Sie über Griechenland wissen sollten
Für die griechische Nationalmannschaft gab es lange keinen Spitznamen. Erst, nachdem die Griechen die EM 2004 gewannen, erhielten sie den Spitznamen „ To Piratiko“, zu deutsch: das Piratenschiff. Der Name ist eine Anspielung auf die Seefahrernation Portugal, der die Griechen die Trophäe abluchsten. Quelle: dapd
Dem berühmten antiken Mathematiker, Physiker und Ingenieur Archimedes wird das Zitat zugeschrieben: „Gib mir einen Punkt, auf dem ich stehen kann, und ich werde dir die Welt aus den Angeln heben“. Doch auch mit einem festen Punkt und mithilfe eines Flaschenzugs hätte Archimedes das nicht vollbringen können: Selbst mit der Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes hätte er 45 Billionen Jahre lang ziehen müssen, um die Erde auch nur einen Daumen breit verschieben zu können. Quelle: dpa
Griechenland, damit verbinden viele vor allem Sonnenschein und warme Temperaturen. Und tatsächlich hat das Land einen Rekord zu bieten: In Iraklio auf der Insel Kreta wurde noch nie eine Temperatur unter 0 Grad Celsius gemessen. Quelle: dapd
Ob Vicky Leandros oder Nana Mouskouri: Der griechische Schlager ist in Deutschland beliebt, „ Weiße Rosen aus Athen“ oder „Theo, wir fahr‘n nach Lodz“ klingen im Ohr. Was aber viele nicht wissen: Vicky Leandros war auch als Politikerin aktiv. 2006 errang sie ein Mandat bei den Kommunalwahlen in Piräus für die sozialdemokratische Pasok-Partei. Sie wurde Stadträtin für Kultur und Vizebürgermeisterin. 2001 und 2006 war sie sogar in Deutschland als Kultursenatorin im Gespräch, zuerst für Hamburg und fünf Jahre später für Berlin. Leandros lehnte das Angebot aber ab. Quelle: AP
2008 schaffte es die größte Bougatsa der Welt ins Guinness-Buch der Rekorde. Dabei handelt es sich um ein Blätterteig-Gebäck, das süß oder herzhaft gefüllt wird und besonders in Nordgriechenland verbreitet ist. Die Rekord-Bougatsa wog 182,2 Kilogramm und war 19,97 Meter mal 58,5 Zentimeter groß und 2 Zentimeter dick. Sie wurde im ostmakedonischen Serres in einem 20 Meter großen Ofen zubereitet. Foto: Konstantinos Stampoulis, GNU-Lizenz 1.2
Für die Zeit zwischen 1200 vor Christus bis etwa 750 vor Christus gibt es kaum historische Belege wie Schriftstücke oder archäologische Funde. Die Zeit wird daher auch als die „Dunklen Jahrhunderte“ bezeichnet. Quelle: REUTERS
Eine Geschichte, die Schlagzeilen machte: Im Juli 2011 fiel auf der griechischen Urlaubsinsel Samos der Strom aus – auch in einem Krankenhaus. Eine Frau, die gerade in den Wehen lag, musste ihr Baby im schwachen Schein von Handydisplays gebären. Das Kind kam trotz allem gesund zur Welt. Quelle: dapd

Was denn genau? Die Troika berichtet Mal für Mal, Griechenland habe seine Ziele verfehlt...

Wir haben innerhalb von zwei Jahren das Primärdefizit um acht Prozentpunkte gesenkt, was kein anders Land der Welt je erreicht hat. Wir sind Reformen angegangen, die 30 Jahre lang verschleppt worden waren. Wir haben die Renten reformiert, das Gesundheitssystem, das Steuersystem. Steuersünder landen erstmals im Gefängnis.

Warum bewegt sich trotzdem so wenig?

Eine Erklärung ist das politische System, das sich dem Wandel widersetzt, und die Verwaltung ebenso. Die Reform der Zentralverwaltung wurde erst vor Kurzem begonnen. Sie sieht vor, dass die Leistung von Beamten beurteilt wird und ihre Bezahlung davon abhängt. Ich hoffe, die neue Regierung wird dies energisch vorantreiben.

Wie haben Sie den Apparat in Ihrem Ministerium erlebt, als Sie Finanzminister waren?

Ich hatte einige hervorragend ausgebildete und hoch motivierte Mitarbeiter – aber die kritische Masse fehlte. Als ich ins Umwelt- und Energieministerium wechselte, das durch die Fusion zweier Ministerien entstanden war, gab es dort zwei Personalabteilungen und zwei Einheiten für Rechnungswesen. Wir haben diese Teilung beendet und die Zahl der Abteilungen um 40 Prozent reduziert.

Ließ sich mit solch einem Apparat Politik machen?

Wir haben hart daran gearbeitet. Vor der Reform von 2010 hatte der Finanzminister keine Kontrolle über die Gesamtausgaben der Regierung. Ich war der erste Minister, der über ein Instrument verfügte, Haushaltsausgaben im Voraus zu überwachen, um nicht unter dem Jahr mit unerwarteten Rechnungen konfrontiert zu werden. Mir flatterte beispielsweise eine offene Forderung von sechs Milliarden Euro auf den Schreibtisch, weil über die Jahre die Lieferanten im Gesundheitssystem nicht bezahlt worden waren. So etwas kann sich nun nicht mehr wiederholen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%