Griechenland Athen begeht ökonomischen Selbstmord

Die Stimmung in der griechischen Wirtschaft schwankt zwischen verzweifelter Hoffnung auf baldige Besserung und purer Wut auf die neue Regierung. Eine Begegnung mit griechischen Unternehmern.

Griechische Flagge Quelle: dpa

An diesem Montagmorgen Ende Mai geht in der Innenstadt von Athen nichts mehr. Auf einer der Hauptverkehrsadern der griechischen Hauptstadt, der Andrea Siggrou, schleichen die Autos vorwärts. Nur auf dem Moped geht’s schneller voran. Rechts und links sausen die Bikes an Vassili Christidis Wagen vorbei.

Für die zehn Kilometer von seinem Büro in der Innenstadt bis zu einem Kunden im Westen von Athen braucht der Manager, Landeschef des Kreditversicherers Euler Hermes, mehr als eine Stunde. Statt sich zu ärgern, freut sich der Mann. „Als ich hier vor zwei Jahren ankam, waren die Straßen wie leer gefegt. Mehr Verkehr, das ist doch ein gutes Zeichen“, sagt er lachend und stellt die Klimaanlage höher. Es ist ein heißer Vormittag in Athen.

An Griechenland hängt mehr als nur der Euro

Nicht aufgeben, an jedem Strohhalm festhalten – das ist Christidis Motto. Nur so lasse sich die schwierige politische und wirtschaftliche Lage in Griechenland überhaupt aushalten, meint der 42-jährige. 2013 kehrten er und seine Frau mit den zwei Kindern nach Griechenland zurück – freiwillig, wie Christidis betont.

Zuvor arbeitete der Grieche viele Jahre als Banker beim französischen Finanzinstitut BNP Paribas in London, zuletzt war er zwei Jahre für die Bank in Istanbul. Viele seiner Kollegen hätten ihn für „verrückt“ erklärt. Nach Griechenland? Mitten in der Krise? „Ach, was“, winkt Christidis ab und beschwört mit viel Pathos in der Stimme einen neuen griechischen Geist: „Wir Griechen müssen jetzt alles daran setzen, dass es besser wird in unserem Land. Wir müssen Verantwortung übernehmen.“

Große Worte. Die Staatspleite schwebt wie ein Damoklesschwert über der Nation. Bis Ende Juni muss der Staat insgesamt 1,6 Milliarden Euro an den Internationalen Währungsfonds (IWF) zurückzahlen, die er nicht hat. Schon im Juli und August werden weitere Zahlungen an die Europäische Zentralbank (EZB) fällig.

Vassili Christidis, Landeschef des Kreditversicherers Euler Hermes Quelle: Nikos Pilos für WirtschaftsWoche

Dabei war im vergangenen Jahr die Hoffnung groß, dass die Wende geschafft sei. Das griechische Bruttoinlandsprodukt legte 2014 immerhin um 1,5 Prozent zu. Für dieses Jahr erwarten Ökonomen wieder ein negatives Wachstum. Wie lässt sich überhaupt noch wirtschaften in dem Land? Und vor allem: wie lange noch?

Wer in diesen Tagen mit griechischen Unternehmern spricht, trifft auf eine Stimmung, die geprägt ist von einer Mischung aus verzweifelter Hoffnung, dass es doch bald besser werde, purer Wut über den Dilettantismus der neuen Regierung und Dankbarkeit dafür, dass die Partner in der Europäischen Union die Griechen noch nicht ganz fallen lassen.

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