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Griechenland Der ewige Marathon

In Athen muss man dieser Tage das Paradox aushalten: Ja und Nein sind Lager und Schnittmengen zugleich. Alexis Tsipras ist eine Bedrohung - und eine Hoffnung.

Was Sie über Griechenland wissen sollten
Für die griechische Nationalmannschaft gab es lange keinen Spitznamen. Erst, nachdem die Griechen die EM 2004 gewannen, erhielten sie den Spitznamen „ To Piratiko“, zu deutsch: das Piratenschiff. Der Name ist eine Anspielung auf die Seefahrernation Portugal, der die Griechen die Trophäe abluchsten. Quelle: dapd
Dem berühmten antiken Mathematiker, Physiker und Ingenieur Archimedes wird das Zitat zugeschrieben: „Gib mir einen Punkt, auf dem ich stehen kann, und ich werde dir die Welt aus den Angeln heben“. Doch auch mit einem festen Punkt und mithilfe eines Flaschenzugs hätte Archimedes das nicht vollbringen können: Selbst mit der Geschwindigkeit eines galoppierenden Pferdes hätte er 45 Billionen Jahre lang ziehen müssen, um die Erde auch nur einen Daumen breit verschieben zu können. Quelle: dpa
Griechenland, damit verbinden viele vor allem Sonnenschein und warme Temperaturen. Und tatsächlich hat das Land einen Rekord zu bieten: In Iraklio auf der Insel Kreta wurde noch nie eine Temperatur unter 0 Grad Celsius gemessen. Quelle: dapd
Ob Vicky Leandros oder Nana Mouskouri: Der griechische Schlager ist in Deutschland beliebt, „ Weiße Rosen aus Athen“ oder „Theo, wir fahr‘n nach Lodz“ klingen im Ohr. Was aber viele nicht wissen: Vicky Leandros war auch als Politikerin aktiv. 2006 errang sie ein Mandat bei den Kommunalwahlen in Piräus für die sozialdemokratische Pasok-Partei. Sie wurde Stadträtin für Kultur und Vizebürgermeisterin. 2001 und 2006 war sie sogar in Deutschland als Kultursenatorin im Gespräch, zuerst für Hamburg und fünf Jahre später für Berlin. Leandros lehnte das Angebot aber ab. Quelle: AP
2008 schaffte es die größte Bougatsa der Welt ins Guinness-Buch der Rekorde. Dabei handelt es sich um ein Blätterteig-Gebäck, das süß oder herzhaft gefüllt wird und besonders in Nordgriechenland verbreitet ist. Die Rekord-Bougatsa wog 182,2 Kilogramm und war 19,97 Meter mal 58,5 Zentimeter groß und 2 Zentimeter dick. Sie wurde im ostmakedonischen Serres in einem 20 Meter großen Ofen zubereitet. Foto: Konstantinos Stampoulis, GNU-Lizenz 1.2
Für die Zeit zwischen 1200 vor Christus bis etwa 750 vor Christus gibt es kaum historische Belege wie Schriftstücke oder archäologische Funde. Die Zeit wird daher auch als die „Dunklen Jahrhunderte“ bezeichnet. Quelle: REUTERS
Eine Geschichte, die Schlagzeilen machte: Im Juli 2011 fiel auf der griechischen Urlaubsinsel Samos der Strom aus – auch in einem Krankenhaus. Eine Frau, die gerade in den Wehen lag, musste ihr Baby im schwachen Schein von Handydisplays gebären. Das Kind kam trotz allem gesund zur Welt. Quelle: dapd

Vor fast 200 Jahren gab es tatsächlich noch einen Bayern, der die Griechen mochte. König Ludwig I. hatte gerade damit begonnen, seine Residenzstadt mit klassizistischen Repräsentationsbauten auszuschmücken. Er war ein begeisterter Philhellene, wie so viele Deutsche damals, und wollte "nicht ruhen, bis München so aussieht wie Athen". Und natürlich streckte er den Griechen seine helfende Hand entgegen, als der neue Staat 1830 gegründet wurde. Eine nationale Troika - Großbritannien, Frankreich und Russland - trat damals als alliierte Garantiemacht für die "Unabhängigkeit" Griechenlands auf. Aber weil sich die Großmächte noch nicht einig waren, an welchen Interessen und Einflusssphären entlang sie die Region nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches ordnen sollten, klopften sie kurzerhand bei Ludwig an: Ob nicht die Bayern, als neutrale Mittelmacht, den König von Griechenland stellen wollten?

Ludwig wollte, klar. Griechenland sollte ein moderner Staat werden. Ein Leuchtturm der europäischen Kultur im Orient. Ein Muster der Zivilisation auf dem Balkan. Am 7. Mai 1832 wurde Ludwigs Sohn, Prinz Otto, zum Regenten bestimmt. Die Bayern verlegten die Hauptstadt von Nafplion nach Athen und ließen die Antike in prächtigen Neubauten aufleben. Sie profitierten von einem großzügigen Aufbaukredit der Großmächte (60 Millionen Goldfrancs), gründeten einen Rechnungshof - und führten die Drachme ein.

Karl Marx hatte also doch recht: Geschichte ereignet sich zweimal, einmal als Tragödie und einmal als Farce. Zur Tragödie gehört, dass die kleine Schar der bayerischen Verwaltungsbeamten damals auf die Hilfe griechischer Amtsträger angewiesen war, die das reichlich fließende Geld in politische Macht ummünzten. Gleich unterhalb der obersten Regierungsebene etablierte sich ein subventioniertes Gefälligkeitssystem: Posten wurden vermittelt, Gefolgschaft zahlte sich aus - und der Staat wurde von Anfang an als eine Art Finanz-Zapfsäule wahrgenommen.

Zur Farce gehört, dass das moderne Griechenland sich nun schon seit fast 40 Jahren selbst zur Beute seiner Klientelwirtschaft macht, die Finanz-Zapfsäule seit 1981 in Brüssel liegt - und die Einführung der Drachme anno 2015 keine Verheißung, sondern eine Bedrohung ist: „Es kommt jetzt alles darauf an, den Lobbyisten der Drachme zu widerstehen“, sagt Umweltminister Yiannis Tsironis, der einzige Politiker der Oikologoi Prasinaoi (Grüne) im Kabinett von Ministerpräsident Alexis Tsipras (Syriza), im Interview mit der WirtschaftsWoche - und ist sich in diesem Punkt restlos einig mit Oppositionsführer Kostis Chatzidakis: “Die Rückkehr zur alten Währung wäre ein nationales Desaster", so der ehemalige Wirtschaftsminister im WiWo-Gespräch: "Wir dürfen nicht zulassen, dass die Hardliner in Athen und Brüssel siegen - und der Grexit unser Land zugrunde richtet."

Chatzidakis ist Abgeordneter der konservativen Partei Nea Dimokratia (ND), die im Januar abgewählt wurde. Sie hat Ministerpräsident Alexis Tsipras (Syriza) bis Sonntag laufend bezichtigt, Griechenlands europäische Zukunft aufs Spiel zu setzen, sein Volk in Geiselhaft zu nehmen für seinen linksideologischen Kreuzzug gegen den Kapitalismus, die Gesellschaft zu spalten mit seinem Die-oder-Ich-Referendum - und soziale Unruhen zu provozieren mit seiner Politik der geschlossenen Banken. Tsipras seinerseits unternahm alle Anstrengungen, den Vorwürfen gerecht zu werden.

Er machte erneut Brüssel, Berlin und die Banken für das soziale Elend vieler Griechen verantwortlich, schrieb Wolfgang Schäuble auf Wahlplakaten gewissermaßen zur Fahndung aus - und ließ seinen rhetorischen Pitbull von der Leine, Finanzminister Yannis Varoufakis: "Was man mit Griechenland macht, hat einen Namen: Terrorismus." Selbst ein Medienprofi und erfahrener Filmemacher wie Stelios Kouloglou, der 2014 eine Dokumentation über "Gottmutter" Angela Merkel und ihre "Hegemoniepläne" in Europa gedreht hat und seit 2015 für Syriza im EU-Parlament sitzt, war zwei Stunden vor dem Wahlausgang mulmig zumute: "Griechenland ist polarisiert wie nie", so Kolouglou in seinem weiß  gefliesten, schattigen Hinterhof-Büro in der Nachbarschaft des zentralen Syntagma-Platzes: "Ganz gleich, wie es ausgeht: Wir laufen in eine Lose-Lose-Situation hinein."

Diese Reformvorschläge bietet Griechenland an

Doch dann, in den 48 Stunden nach dem Referendum, löste sich alle Spannung, alle Feindseligkeit, aller Chauvinismus für einen glücklichen Augenblick in Luft auf. Der überraschend eindeutige Sieg von Tsipras, die Rücktritte von Varoufakis und ND-Parteichef Andonis Samaras, die die neue Arroganz des Landes und seine alte Vetternwirtschaft personifizierten, schließlich die Bildung einer überparteilichen Koalition der frischen Gesichter im Hinblick auf die anstehenden Verhandlungen in Brüssel... - plötzlich waren sich alle Griechen einig in der Hoffnung, dass der kairos, der günstige, entscheidende Zeitpunkt zur Lösung all' ihrer Probleme, endlich gekommen sei.

Das entschiedene "Nein" zu den Vorschlägen der Euro-Gruppe war ein entschiedenes "Ja" zu Europa - unmöglich, dass Brüssel diese Botschaft missverstehen könne! Unmöglich, dass Angela Merkel diesem einigen Griechenland mit seinen seit fünf Jahren gebeutelten Herzenseuropäern seine Solidarität verweigern werde! Banken rekapitalisieren. Schulden strecken. Investitionsprogramme anschieben. Und im Gegenzug echte Reformen, versteht sich: Stabilität und Verlässlichkeit statt Stakkato der Fälligkeitstermine, ein Ende der Korruption statt Sparen am falschen Ende: Restart Greece! 

Zum Beispiel Gregory Vallianatos, Parteichef der "Liberalen Allianz", schwuler Menschenrechtsaktivist, HIV-positiv - eine schillernde Figur in der politischen Landschaft Griechenlands. Vallianatos sitzt am späten Montagabend mit Parteifreunden im schicken Musique Café beisammen, dem Lieblingslokal von Alexis Tsipras im Athener Stadtteil Pangrati - und ist schier aus dem Häuschen. "Was Tsipras da auf den Weg bringt, ist entweder suizidal oder so revolutionär, dass es Griechenland für immer verändern wird", sagt Vallianatos.

Seine Logik: Tsipras ist mit seinem überwältigenden Sieg so populär und mächtig geworden, dass er gegen seinen Willen und gegen seine Überzeugungen viel schärfere Reformen durchsetzen kann als die, zu denen die Altparteien nie fähig waren. Ausgestattet mit einer Carte blanche seitens des Volkes und der Oppositionsparteien, könne er sich gar nicht leisten, mit keinem Verhandlungsergebnis aus Brüssel heimzukehren. Tsipras sei auf dem Weg zum großen Staatsmann. Das seien keine guten Nachrichten für Syriza und die radikale Linke. Aber das seien gute Nachrichten für Griechenland und Europa. 

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