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Griechenland Drei Wege aus der Krise

Politik und Gesellschaft müssen sich wandeln, damit das Land eine Zukunft hat. Drei Beispiele von Bürgern, die Griechenland im Großen und im Kleinen verändern.

Thanos Tzimeros, Unternehmer und Parteigründer Quelle: Nikos Pilos für WirtschaftsWoche

Wenn die Griechen am Sonntag wählen, dann hoffen die internationalen Geldgeber, dass politisch alles so bleibt, wie es ist: Eine große Koalition aus der konservativen Nea Dimokratia und der sozialistischen Pasok hält man in Brüssel und den anderen europäischen Hauptstädten für die beste Lösung. Schließlich haben die beiden Parteien die Auflagen für das zweite Hilfspaket unterschrieben, Neuverhandlungen drohen erst einmal nicht.

Eine große Koalition wäre allerdings nur das Geringste aller Übel. Sie bringt vorübergehend Stabilität, leitet aber nicht den notwendigen Wandel ein. Die zwei großen Parteien, die das aktuelle Desaster verantworten, können das Land kaum voranbringen. Die Griechen werden selbst mit anpacken müssen. Und viele tun es auch schon: dafür drei Beispiele, wie Bürger ihr Land verändern.

Der Parteigründer

Als 1989 die Mauer fiel, lebte Thanos Tzimeros als Musiker im westfälischen Lüdenscheid. Die deutsche Erfahrung prägte ihn: „Politische Systeme können zusammenbrechen.“

Das politische System Griechenlands hält er für unreformierbar. Korrupt, ineffizient und doch extrem widerstandsfähig, lautet sein Urteil. „In Griechenland ist der Staat die Mafia“, urteilt Tzimeros, der in Athen eine Werbeagentur mit sechs Mitarbeitern besitzt. Ehrlichen Menschen werde es verdammt schwer gemacht, Geld zu verdienen.

Sie stehen zur Wahl

Im Februar gründete Tzimeros eine Partei, die er Dimiourgia Xana (Neu Erschaffen) nannte. Das alte System will er durch ein transparentes und gerechtes ersetzen: Neubau statt Reform. In Tzimeros’ Arbeitszimmer im Souterrain seines Wohnhauses, direkt neben seiner Werbeagentur, fällt ein massiver Billardtisch auf. Hier entstanden die Grundprinzipien seiner Bewegung, die auf Berufspolitiker verzichtet. Dimiourgia Xana will die 18.000 Seiten umfassende, labyrinthische griechische Steuergesetzgebung auf 30 Seiten eindampfen. Die Steuersätze sollen fallen, gleichzeitig soll Steuerhinterziehung drakonisch geahndet werden. Den Arbeitsmarkt will Dimiourgia Xana reformieren, geschlossene Berufe öffnen. Vor allem aber will Tzimeros die Korruption beseitigen, die Griechenland beherrscht. So beabsichtigt er etwa, die Parteienfinanzierung neu zu ordnen.

Tzimeros sieht seine Partei als Gegenmodell zu den Gruppen, die seit 35 Jahren den griechischen Staat fest in ihrer Hand halten. „Wir werden seit über drei Jahrzehnten von dummen, ungebildeten Menschen regiert“, sagt Tzimeros, der neben seiner Ausbildung in klassischer Musik (Klavier und Gitarre) Volkswirtschaft studiert hat. Zu seinen Unterstützern zählen Professoren, aber auch Landwirte und Beamte. „Viele Beamte wollen Wandel“, beobachtet Tzimeros.

Bei seinem zweijährigen Aufenthalt in Deutschland und danach war dem heute 50-Jährigen aufgefallen, wie sehr Menschen ihr Verhalten der Umgebung anpassen. Dieselben griechischen Landsleute, die in Deutschland alle Verkehrsregeln respektierten, erinnert er sich, entwickelten sich zu Rowdies im Straßenverkehr, wenn sie in Griechenland am Steuer saßen, wo kaum Strafen drohten. Dies bestärkt ihn in seinem Willen, die Rahmenbedingungen in seiner Heimat zu verändern.

Fallstricke im System

Welche Fallstricke im System lauern, fand Tzimeros bei der Parteigründung schnell heraus. Es erwies sich als extrem schwierig, ein Bankkonto auf den Namen der Partei zu eröffnen. Immer wieder erhielt er den Ratschlag, das Konto auf seinen eigenen Namen einrichten zu lassen. „Nicht einmal für die Gründung einer Partei gibt es in diesem Land klare Regeln“, kritisiert Tzimeros. Am Schluss gelangte er doch ans Ziel, die Bücher seiner Bewegung sind heute online einsehbar.

Etwa 100.000 Stimmen benötigt Dimiourgia Xana, um die Drei-Prozent-Hürde zu überwinden und ins Parlament einzuziehen. In drei Monaten hat die Partei 10.000 Unterstützer gefunden. „Wenn wir ein ganzes Jahr Zeit für den Wahlkampf gehabt hätten, dann würden wir 15 Prozent der Stimmen bekommen“, behauptet Tzimeros, der aus einer Unternehmerfamilie stammt.

Gebildete Griechen, die Tzimeros anspricht, fragen sich allerdings, ob die Zeit schon reif ist für eine Bewegung wie Dimiourgia Xana. Tzimeros lässt sich von solchen Zweifel nicht bremsen: „Wenn ich etwas beginne, dann bringe ich es auch zu Ende.“

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