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Griechenland Athen begeht ökonomischen Selbstmord

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Finanzkraft der griechischen Unternehmen

Wie es um die Finanzkraft der griechischen Unternehmen bestellt ist, das wissen Euler-Hermes-Chef Christidis und seine Risikoanalysten und Kreditprüfer genau. Im vierten Stock in einem schmucklosen Bürogebäude im Finanzdistrikt von Athen beschäftigt das deutsche Unternehmen, weltweit größter Kreditversicherer und Tochter des Allianz-Konzerns, 50 Mitarbeiter. Die checken die Bonität von tausenden griechischen Unternehmen. Kreditversicherungen vergeben sie nur an solche, die sie auf Herz und Niere geprüft haben und deren Bonität gut ist – und das werden immer weniger.

2012 brach der Versicherungsmarkt in Griechenland ein. Ein direkter Konkurrent von Euler Hermes, der Kreditversicherer der National Bank of Greece, musste sein Geschäft schließen. Das Unternehmen war über die vielen Kreditausfälle seiner Kunden selbst in die Pleite gerutscht. Euler Hermes, seit 20 Jahren in Griechenland, wechselte seine Führungsmannschaft aus. Christidis ist der erste griechische Landeschef, zuvor führten Deutsche die Geschäfte. „Man muss sich anpassen können an die veränderte Lage“, sagt Christidis. Er sei Grieche und verstehe seine Landsleute besser, auch wenn er lange im Ausland gelebt habe, versichert der Mann.

Die Reformliste der Griechen

Angst vor dem Finanzamt

Für Euler Hermes habe sich das Geschäft sehr verändert seit der Krise und noch einmal verschärft mit dem Antritt der neuen Regierung Anfang dieses Jahres. Längst reiche es nicht mehr aus, sich auf die schriftlichen Bilanzen bei der Beurteilung der Bonität und bei der Vergabe eines Warenkredits zu verlassen, erzählt Christidis. Der Ex-Banker und seine Kreditprüfer seien viel mehr als früher im persönlichen Gespräch mit den Kunden. Häufig tauchen er und seine Analysten unerwartet beim Kunden auf. „Wir gucken uns um. Passiert da tatsächlich noch was auf dem Firmengelände, arbeiten da Leute, fahren Lastwaren rein und raus?“

Völlig neu sei das für viele Unternehmen gewesen. „Wenn wir da auftauchen, denkt manch ein Firmenchef erst einmal wir kommen vom Finanzamt und jagt uns wütend vom Hof“, sagt Christidis.

Mit den Informationen aktualisieren die Analysten und Kreditprüfer des Versicherers ständig die weltweite Euler-Hermes-Unternehmensdatenbank. Rund 12.000 griechische Firmen stecken derzeit in der Risikodatenbank des Versicherungskonzerns, weltweit sind es Millionen. Die Bonität der griechischen Unternehmen liegt im Durchschnitt bei 5,5 auf einer Skala von 1 bis 10. „Also gar nicht so schlecht“, sagt Christidis. „Das sind die Überlebenden der Krise. Wir konzentrieren uns auf die solventen Unternehmen.“ Bleibt die Frage, welches griechische Unternehmen sich überhaupt noch eine Kreditversicherung leisten kann?

Vorsorge sei wichtig, dass hätten viele Unternehmer in Griechenland mittlerweile erkannt, sagt Versicherer Christidis. Viel zu lax seien die griechische Firmen mit Zahlungszielen umgegangen. Auch noch mitten in der Krise lag das übliche Zahlungsziel in Griechenland bei 170 Tagen. Üblich sind in den EU-Ländern 60 Tage. Mittlerweile gilt in Griechenland ein maximales Zahlungsziel von 120 Tagen. Insofern habe die Krise in Bezug auf die Zahlungsmoral sogar einen positiven Effekt für die griechische Wirtschaft, so Christidis.

Die Folgen eines „Grexits“
Das Nationalgetränk der Griechen droht für einen normalen Arbeiter zum unbezahlbaren Luxusgut zu werden: Ein Frappé, also eine Nescafé mit Milch, Eiswürfeln und einem Strohhalm kostete kurz vor der Einführung des Euro etwa 100 Drachmen. Das entsprach damals rund 30 Euro-Cent. Als die Griechenland-Krise ausbrach, vor etwa sieben Jahren, kostete ein Frappé bereits zwischen 2,50 und drei Euro. Quelle: dpa
Noch im Laufe des Aprils muss Griechenland zwei Staatsanleihen im Wert von 2,4 Milliarden Euro an seine Gläubiger zurückzahlen. Im Mai werden weitere 2,8 Milliarden Euro fällig, von Juni bis August muss Athen noch einmal mehr als zwölf Milliarden Euro an Schulden zurückzahlen. Woher das Geld kommen soll, ist völlig unklar. Quelle: dpa
Die sozialen Probleme sind groß, die Renten wurden gekürzt, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Die Regierung Tsipras plant deshalb Steuererleichterungen und die Wiedereinstellung von Beamten. Allein diese Maßnahmen werden im laufenden Jahr nach Berechnungen der griechischen Regierung mindestens zwölf Milliarden Euro zusätzlich kosten. Quelle: dpa
Schon seit Wochen ist von einem „Grexit“ die Rede, dem Austritt Griechenlands aus der Währungsunion, vielleicht sogar verbunden mit einem drastischen Schuldenschnitt. Hinter der öffentlichen Spekulation könnte Absicht stecken. Quelle: ap
Würde eine neu eingeführte Drachme gegenüber dem Euro abwerten, könnte sich die griechische Regierung nach und nach leichter entschulden. Ein Austritt der Griechen aus dem Euro böte auch noch andere Vorteile: So würde die griechische Export-Wirtschaft von einer Abwertung der Landeswährung profitieren. Quelle: dpa
Besonders teuer würde ein „Grexit“ für Menschen mit geringem Einkommen und den Mittelstand mit Sparguthaben auf  griechischen Bankkonten, während das Geld reicher Griechen im Ausland unangetastet bliebe. Quelle: dpa
Die Gläubiger werden so oder so auf Reformen beharren. Für Tsipras kommt es deshalb eigentlich nur darauf an, seinen eigenen Wählern gegenüber eine möglichst gute Figur in den Verhandlungen abzugeben. Das gilt allerdings auch für seine europäischen Partner auf der anderen Seite des Verhandlungstisches. Für alle Beteiligten ist es wichtig, dass eine Lösung der griechischen Haushaltsprobleme möglichst wenige Kollateralschaden verursacht. Quelle: dpa

Noch Ende vergangenen Jahres war Christidis zuversichtlich über die weitere Entwicklung des Geschäftes in Griechenland. In 2014 habe sich die Zahl der Kreditversicherung verdreifacht, wenn auch von einem niedrigen Niveau aus. Doch seit dem Regierungswechsel Anfang des Jahres habe die Nachfrage wieder abgenommen. Gleichzeitig muss der Versicherer, je schlechter die wirtschaftliche Lage des Unternehmens, seine Konditionen für eine Kreditversicherung verschärfen. Und, je schlechter die Bonität, desto schwieriger ist es für ein Unternehmen einen Bankkredit zu bekommen. „Es ist ein Teufelskreis“, sagt Christidis. „Die griechischen Unternehmen bluten aus, es fehlt an Liquidität, an Investitionen von außen.“

Wie Sidma-Chef Bernardout hofft Christidis auf eine baldige politische Lösung seiner Regierung mit den EU-Partnern. „Natürlich brauchen wir Reformen“, ist der Ex-Banker überzeugt – auf dem Arbeitsmarkt, im Steuer- und Rentensystem. Die Wirtschaft braucht Stabilität. Die Unternehmen sind doch das Rückgrat unserer Gesellschaft. “

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