WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Griechenland Athen begeht ökonomischen Selbstmord

Seite 2/4

Frust beim griechischen Unternehmer

Daniel Bernardout drückt sich nicht um deutliche Worte: „Wissen Sie, welches Gebäude unserem Land die größten Probleme bereitet?“, fragt der ältere Herr mit der hageren Statur und den hellwachen Augen.“ Das Parlament“, sagt der 69-jährige und zeigt auf das Gebäude an dem zentralen Syntagma-Platz mitten in Athen. In den Räumen dort brennen in diesen Tagen noch bis spät nachts die Lichter. Doch die vielen Sitzungen der Parlamentarier seien für die Katz. Entscheidend sei, endlich eine Einigung mit den EU-Partnern zu erzielen“, sagt Bernardout.

Viel zu viel Zeit hätte die neue Regierung in den vergangenen Monaten schon verspielt. „Wir wissen doch alle längst, dass wir um einen Kompromiss mit den EU-Partnern beim Streit um Reformen nicht herum kommen“, ist der Manager überzeugt. Das sei, auch wenn es mit Einschnitten für die Griechen verbunden wäre, besser, als nicht mehr zur europäischen Familie zu gehören. „Ich bin gegen einen Grexit. Ohne Europa geht es nicht in Griechenland. Was die neue griechische Regierung hier betreibt, ist politischer und ökonomischer Selbstmord“, schimpft der Unternehmer.

Daniel Bernadout, CEO des griechischen Stahl-Unternehmen Sidma Quelle: Nikos Pilos für WirtschaftsWoche

Gesund schrumpfen

Bernardouts Frust ist verständlich. Seit 30 Jahren arbeitet der Ingenieur für das größte griechische Stahl-Unternehmen Sidma. Seit 15 Jahren ist er Chef der Firma, immerhin hat sie die Krise bisher überlebt – und das, obwohl die Stahlbranche weltweit wegen sinkender Rohstoffpreise unter großem Wettbewerbsdruck steht. Sidma, von zwei griechischen Brüdern im Jahr 1931 in der griechischen Hafenstadt Thessaloniki gegründet, handelt mit Spezial-Stahlprodukten für die Industrie und macht 90 Prozent seines Umsatzes in Griechenland. Genau das ist Sidmas Problem. Denn es werde kaum mehr etwas gebaut oder produziert im Land. „In all den Krisenjahren ist es auf und ab gegangen mit der Wirtschaft, aber so schlimm wie jetzt, war es noch nie“, sagt der Sidma-Chef.

Seit dem Ausbruch der Wirtschafts- und Eurokrise vor gut sechs Jahren ist Bernardout damit beschäftigt, das Unternehmen zu retten. Zwei Fabriken hat er geschlossen, die Hälfte des Personals entlassen, die Fixkosten um 30 Prozent gesenkt. „Unsere Aktie ist fast nichts mehr wert“, winkt Bernardout ab.

Sidma erwirtschaftet heute mit 230 Mitarbeitern noch 130 Millionen Euro Umsatz, 60 Prozent weniger als in 2009. „Wir haben uns gesund geschrumpft.“ Jetzt aber habe das Unternehmen kaum noch Handlungsspielraum. „Wir müssten dringend investieren in neue Anlagen und Produkte, um wettbewerbsfähig zu bleiben, sobald die Konjunktur anzieht“, sagt der Manager. Aber es fehle das Kapital, an einen Bankkredit sei überhaupt nicht zu denken, schließlich wisse niemand, wie es überhaupt weiter ginge in den nächsten Wochen.

Griechenlands Zahlungsverpflichtungen 2015

Sehr vorsichtig ist Bernardout geworden, wem er überhaupt noch etwas liefert in Griechenland. „Wer weiß denn schon, ob die nicht vielleicht morgen schon pleite sind und unsere Lieferungen überhaupt bezahlen können“, sagt Bernardout. Im Moment konzentriert sich Sidma auf das Geschäft in Osteuropa, in Rumänien und Bulgarien etwa sieht er noch Potenzial. Aber retten könne er das Unternehmen damit nicht. „Derzeit kann ich die Firma nur über Wasser halten und darauf hoffen, dass die politische Instabilität endlich ein Ende hat“, sagt Bernardout.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%